Rennen in Amerika

Glamour und Spektakel für die Formel 1

Von Christoph Becker, Austin
 - 17:47

Es ist Texas, hier geht es nicht ohne. Also steht der eine Bulle am Eingang zum Fahrerlager und wartet auf Kundschaft. Der andere bewegt sich durch das Fahrerlager. Auf dem einen, dem mechanischen, kann Rodeo gespielt werden. Der andere ist aus Fleisch und Blut, ganz Mensch, im Kostüm des Maskottchens der Longhorns, der Footballmannschaft der University of Texas. Das Maskottchen macht Mätzchen. Siegerposen, bullenstark, für die Kamera. Verschwindet, logisch, in die Red-Bull-Garage, wo sie gleich losgelassen werden, die Pferdestärken, die Piloten. Der junge Max Verstappen, Daniel Ricciardo aus Australien, ein Tor weiter Vettel im Ferrari, und auf der anderen Seite Lewis Hamilton in seinem Mercedes. Die Formel 1 ist in Texas, zum sechsten Mal auf dem Circuit of the Americas in Austin.

Die Formel 1 in Amerika, das ist eine lange, schwierige, oft schmerzhafte Geschichte. Nirgends ist die Serie so abgeflogen wie hier, abgeflogen wie ein Möchtegern-Rodeoreiter vom mechanischen Bullen. Vor dem Rennen in Austin an diesem Sonntag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky) wurden sie wieder ausgepackt, die Fehlschläge von einst: der Skandal von Indianapolis 2005, als die Reifen des Herstellers Michelin als zu unsicher galten und nur sechs Autos ins Rennen gingen. Die Geschichten vom Rennen auf dem Parkplatz des Caesar’s Palace in Las Vegas in den frühen Achtzigern und die Geschichte vom Rennen in Phoenix, Arizona, zehn Jahre später. Angeblich besuchten an jenem Sonntag mehr Zuschauer ein Straußenrennen in der Stadt als den Großen Preis der Vereinigten Staaten.

Doch der Wind hat sich gedreht: Die Formel 1 ist amerikanisch, seit der Milliardär John C. Malone mit seiner Liberty Media Gruppe vergangenes Jahr die Rechte von CVC erworben hat. Seit Chase Carey im Winter Bernie Ecclestone hinauskomplimentiert und als Chef im Ring abgelöst hat. Auch Ecclestone hatte schon über Jahre versucht, ein weiteres Rennen in Amerika auf die Beine zu stellen. Immer wieder hieß es, alsbald würde die Serie in New Jersey am Ufer des Hudson River starten, mit Manhattans Skyline im Hintergrund. The greatest show on earth. Zustande gekommen ist sie bis heute nicht. Auch Carey hatte im Winter angekündigt, aus den Formel-1-Rennen „Super Bowls“ zu machen, ein Event, das sich über eine Woche zieht und „die ganze Stadt einnimmt“. Vor dem Rennen in Austin sagte Carey, in den Vereinigten Staaten kratze die Formel 1 bislang „nur an der Oberfläche“. Nirgends sei das Wachstumspotential größer, verkündete Carey in einem Interview mit dem amerikanischen Sender ESPN.

In Austin, wo die Veranstalter im vergangenen Jahr knapp 270.000 Zuschauer über das Rennwochenende zählten, werden die Piloten wieder gefragt, wo sie gerne Gas geben würden. „Miami“, sagt der Deutsche Nico Hülkenberg, bei Renault angestellt. Weil es „cool und spektakulär“ wäre. Romain Grosjean, Fahrer beim amerikanischen Haas-Team, denkt an die Strecke in Laguna Seca, sein Teamkollege, der Däne Magnussen, an Watkins Glen, wo die Formel 1 bis 1980 fast zwanzig Jahre lang startete. Fernando Alonso nennt Indianapolis. Der Spanier, der seinen Vertrag bei McLaren verlängert, ist im Mai bei den 500 Meilen von Indianapolis gestartet, führte das Rennen bis zu einem Motorschaden an, schwärmt von der Fahrerparade vor 300.000 Zuschauern. „Die Formel 1 ist nur eine Motorsportserie. Ja, wir sind alle stolz, Formel-1-Piloten zu sein, träumen davon von Kindertagen an, aber es gibt andere Serien, die ebenso gut sind.“

Tatsächlich aber stehen die Vermarktungschancen der Formel 1 in den Vereinigten Staaten gerade günstig wie selten, nicht nur wegen Alonsos Publicity-trächtigen Ausflugs auf das Oval von Indianapolis. Das Interesse der Amerikaner an der Indycar-Serie ist abseits vom Spektakel in Indianapolis überschaubar. Und das Interesse an der größten Show im amerikanischen Motorsport, der Nascar-Serie, sinkt dramatisch. Nascar, das ist Motorsport aus dem Süden, vom Land, dort, wo man stolz ist auf die Ursprünge der „bootlegger“, der Schmuggler zu Zeiten der Prohibition, als „dirt poor good ol‘ boys from Virginia on down to Georgia“ (Zitat Nascar-Homepage) aufs Gas traten, um den „moonshine“, den Schwarzgebrannten, an den Mann zu bringen.

Good ol’ boys? So sehen sich viele Nascar-Protagonisten bis heute, Fans wie Fahrer. Wer wollte hier auf die Idee kommen, gegen Polizeigewalt und Rassismus zu protestieren, wer wollte hier den schwarzen Stars aus NFL und NBA zur Seite springen? Wer ist hier schwarz? Protestieren, während die Hymne ertönt und das Star-Spangled Banner aufgezogen wird? Gerade erst, vor drei Wochen, sind die Teambesitzer Präsident Donald Trump zur Seite gesprungen. „Jeder, der nicht zur Hymne aufsteht, hat in diesem Land nichts zu suchen. Punkt“, sagte Richard Petty, als Fahrer sieben Mal Meister. „Wenn sie nicht schätzen, wo sie sind – wer hat sie da hingebracht? Die Vereinigten Staaten.“ Trump antwortete prompt, auf Twitter, natürlich: „So stolz auf Nascar und seine Fans.“

Mancher zieht das Weltbild noch enger. Seit Jahren startet Toyota erfolgreich in der Serie, noch immer verkaufen Händler bei Nascar-Rennen T-Shirts mit nicht jugendfreien Slogans gegen die (erfolgreiche) Teilnahme des japanischen Herstellers – der in sechs Bundesstaaten fertigen lässt, auch im tiefen Süden, in Mississippi und Alabama. Doch nicht nur die Fernsehquoten sinken und sinken, auch die Sponsoren wenden sich ab. Target, im Discount-Einzelhandel Nummer zwei hinter Walmart, beendet nach 15 Jahren das Sponsoring des Teams von Chip Ganassi – und will das Geld künftig in Fußball stecken, weil dort junge Kundschaft zu finden ist.

Für junge Kundschaft in der Formel 1 hatte sich Ecclestone nie sonderlich interessiert. Seit Liberty Media das Sagen hat, drängen die Teams mit ihrem Wunsch nach Veränderung durch. Seit August gibt es die Formel 1 auch als eSport-Serie. In Austin, „Live Music Capital of the World“, wird die Serie auch über die im Rahmen des Rennwochenendes stattfindenden Konzerte vermarktet. In diesem Jahr treten Justin Timberlake und Stevie Wonder auf. Der Internationale Automobilverband ließ das Reglement einmalig verändern, damit die Fahrer mit ihren Autos eine Viertelstunde früher als sonst in die Startaufstellung kommen. Michael Buffer soll sie wie beim Boxen ansagen. Ein Test sei das, sagt Marketingchef Sean Bratches, um das „Spektakel auf das nächste Level“ zu heben, die „Fahrer-Marken“ zu stärken, als Helden zu präsentieren, überhaupt die Grenze zwischen Sport und Show zu durchbrechen.

Und Chase Carey findet, eigentlich sei die Serie das „ultimative Spektakel, in vielerlei Hinsicht wie gemacht für den amerikanischen Markt. Wir haben nur noch nichts getan, um sie zu entwickeln.“ Bei allem Spektakel aber, allem Posaunen zu Glamour und Helden, eines fehlt der Formel 1 mehr als alles andere, gerade in Austin: Amerikaner stecken hier nur im Bullenkostüm, nicht im Cockpit. Kein Pilot weit und breit, für den sie das Lied vom Star-Spangled Banner spielen würden.

Quelle: F.A.S.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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