Formel 1 in Baku

Hamilton behält im Chaos den Überblick

Von Christoph Becker, Baku
 - 16:16

Lewis Hamilton hat nun 63 Formel-1-Rennen in seiner Karriere gewonnen – und der 63. Sieg, am Sonntag beim Großen Preis von Aserbaidschan in Baku, dürfte einer der glücklichsten gewesen sein. Bis elf Runden vor Schluss sah Sebastian Vettel im Ferrari wie der sichere Sieger aus. Doch in der 40. von 51 Runden wirbelte eine spektakuläre Karambolage der Red-Bull-Teamkollegen Daniel Ricciardo und Max Verstappen den Grand Prix am Kaspischen Meer durcheinander.

Zwei Runden vor Rennende wurde Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas um den Sieg gebracht, als der linke Hinterreifen plötzlich Luft verlor – ein überfahrenes Trümmerteil hatte den Pneu aufgeschlitzt. Hinter Hamilton wurde Vettels Teamkollege Kimi Räikkönen Zweiter, der Mexikaner Sergio Perez im Force India Dritter. Vettel beendete das Rennen als Vierter. „Ein ziemlich emotionales Rennen“, sagte Hamilton, „ein verrücktes Rennen. Valtteri hatte großes Pech, aber ich nehme den Sieg.“

Vor dem Start des Rennens war über die Auswirkungen des böigen Winds auf die Aerodynamik der Rennwagen spekuliert worden. Auf der Piste allerdings machten vor allem die Piloten viel Wirbel. In der zweiten Kurve fuhr der Russe Sergej Sirotkin dem Vordermann ins Heck, noch ohne größere Folgen, aber danach wurde es unübersichtlich. Räikkönen, der nach dem Start seinen sechsten Platz an Force-India-Pilot Esteban Ocon verloren hatte, zog vor Kurve drei nach innen, in eine Lücke, die Ocon nicht öffnen wollte.

Die Folge: Ocon wurde vom Ferrari in die Streckenbegrenzung gepfeffert und war alsbald beim Plausch am Straßenrand mit Sirotkin zu beobachten. Der hatte seinen Williams endgültig abstellen müssen, nachdem ihm Carlos Sainz junior im Renault rechts keinen Platz gelassen hatte und linker Hand Fernando Alonso im McLaren der Arbeit nachging. Alonsos McLaren verlor in der Folge die Bereifung auf der rechten Seite auf beiden Achsen, konnte sein Fahrzeug aber bis zur Box schleppen, über den „Depp“ Sirotkin fluchend. Zum Service war zuvor auch Räikkönen eingekehrt und hatte sich mit den weichen, der härtesten in Baku angebotenen Mischung, in den vom Safety Car aufgehaltenen Verkehr eingereiht – in der Hoffnung, nicht wieder stoppen zu müssen.

An der Spitze des Feldes wartete Vettel nun vor Hamilton darauf, wann das Rennen wieder freigegeben würde. Vor einem Jahr waren die beiden in umgekehrter Reihenfolge hinter dem Safety Car unterwegs. Damals hatte Hamilton als Führender, der das Tempo vorgibt, Vettel zur Weißglut getrieben, bis der Deutsche seinen Ferrari gegen Hamiltons Mercedes rempelte. Ein Jahr später nun bewies Vettel, dass er das Spiel mit den Nerven der Konkurrenten ebenfalls glänzend beherrscht.

Als in Runde fünf klar war, dass die Fahrt wieder frei gegeben würde, bremste Vettel das Tempo herunter. Hamilton beschwerte sich, das sei „Stop-and-Go“ und doch gefährlich. Vettel hatte die Lage im Griff und setzte sich bei freier Fahrt an der Spitze ab. „Ein sehr gutes, kontrolliertes Rennen“ fuhr er, sagte der Hesse später. Doch in seinem Rücken bahnte sich das Chaos schon an.

Die Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Daniel Ricciardo, nach den Eindrücken des Freitagstraining durchaus als Siegkandidaten gehandelt, konnten die Werksfahrer von Renault nicht halten: Sainz und Nico Hülkenberg strömten auf dem gut zwei Kilometer langen Neftcilar Prospekti, der längsten Gerade im Formel-1-Kalender, nahezu mühelos vorbei auf die Plätze vier und fünf. Die Red-Bull-Fahrer hatten Probleme mit dem Laden der Batterien in ihren Autos. Doch kaum war Hülkenberg, wegen eines Getriebewechsels nur von Platz 14 ins Rennen gegangen, im aussichtsreichen Viertel des Feldes angelangt, war das Rennen für ihn auch schon vorbei. Ein Fahrfehler in Kurve vier warf ihn aus dem Rennen. Das Heck des Renault schlug in die Streckenbegrenzung ein und Hülkenberg musste den Parkplatz im Notausgang wählen.

Zu wenig Saft im Red Bull? Der eigene Energiespeicher war bei Ricciardo und Verstappen überschüssig gefüllt. Rad an Rad kämpften beide um Platz vier. Erst der dritte Großangriff brachte Ricciardo schließlich vorbei –in der 35. Runde. Dann fuhr er an die Box, fiel wieder hinter Verstappen zurück. „Hör zu, Junge, du musst ihn noch mal kriegen“, bekam Ricciardo über Funk zu hören. Er kriegte Verstappen noch mal, wieder auf der Start-und-Zielgeraden. Ricciardo zog nach außen, Verstappen auch, Ricciardo zog nach innen, Verstappen auch und als Verstappen bremste, weil sich vor ihm Kurve eins auftat, nahm Ricciardo Verstappens Red Bull auf die Hörner. Die Auslaufzone wurde zum firmeneigenen Schrottplatz.

Fassungslosigkeit bei Teamchef Horner, Designer Murray, Motorsportdirektor Marko. „Egal wie man es sieht“, sagte Marko, als er Worte gefunden hatte, „so etwas darf nicht passieren. Beide sind beteiligt. Da braucht man keine Schuldzuweisung. Es hat vorher eine Absprache gegeben (wie sich die Fahrer zu verhalten haben/d.Red.). Offenbar muss man andere Maßnahmen treffen. Das werden wir besprechen.“ Verstappen wich der Schuldfrage aus, Ricciardo nicht: „Es war der Fehler von beiden Beteiligten.“ Und ein Glück für Mercedes. Denn Valtteri Bottas hatte als einziger der Spitzenpiloten noch immer nicht die Reifen wechseln lassen, fuhr deshalb an der Spitze des Feldes, als die Red-Bull-Boliden von der Piste kreiselten. Er ließ sich schnell die ultraweichen Reifen aufziehen. Vettel, der seine Pneus schon lange vorher gewechselt hatte, musste ihm folgen.

Der Ferrari-Pilot hätte auf der härteren Mischung keine Chance gehabt, Bottas abzuwehren. Wegen der nicht eingeplanten Service-Tour zur Box blieb er, eben noch auf Siegkurs, auf Rang zwei. „Wieso ist der vor mir?“, fragte Vettel und versuchte, Bottas vor der ersten Kurve nach Freigabe des Rennens auszubremsen. Aber das linke Vorderrad blockierte, Vettel schoss über den Scheitelpunkt der Kurve hinaus und kam als Vierter auf die Strecke zurück. „Ich habe nichts Außerirdisches probiert“, sagte er, „ich habe im Windschatten nicht viel gesehen, die Kurve kam überraschend schnell. Eine Sekunde hat das Rennen entschieden.“

Aus Bottas Sicht war es nur ein kleines Trümmerteil, dass seinen Traum vom Sieg in Baku platzen ließ – und Hamilton den Sieg bescherte sowie die Führung in der Fahrerwertung vor Vettel. „Ferrari ist uns immer noch voraus“, sagte der Engländer, „aber in der WM geht es um Tage wie heute.“

Quelle: dpa
Christoph Becker
Sportredakteur.
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