Formel 1 in Malaysia

Per Anhalter aus dem Pannen-Wochenende

Von Anno Hecker, Sepang
 - 10:51
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Ferrari hat die große Chance, Sebastian Vettel im Kampf um den WM-Titel wieder voranzubringen, vertan. Der Heppenheimer wurde am Sonntag beim Großen Preis von Malaysia Vierter, nachdem er das Rennen vom letzten Startplatz aus hatte beginnen müssen. Wegen eines Motorproblems war Vettel am Samstag nicht zu einer einzigen Wertungsrunde im Qualifikationstraining gekommen. Nach dem Desaster beim Rennen in Singapur – Vettel hatte eine Kollision am Start ausgelöst und war ausgefallen – konnte Lewis Hamilton seinen Vorsprung in der Fahrerwertung abermals ausbauen, auf nun 34 Punkte fünf Rennen vor Ende der Saison. Der Brite wurde hinter dem Red-Bull-Piloten Max Verstappen Zweiter. Daniel Ricciardo kam im zweiten Red Bull auf den dritten Rang.

„Am Ende ging uns ein bisschen die Luft aus. Es war Schadensbegrenzung", sagte Vettel bei RTL. „Ich habe gepusht, um Daniel Ricciardo einzuholen. Am Schluss wurden die Bremsen ein bisschen heiß, da habe ich Abstand genommen. Der Speed war da, um das Rennen zu gewinnen. Insgesamt müssen wir mit dem vierten Platz zufrieden sein."

Ferrari bot Hamilton den nächsten Schritt zum Titel wie auf einem Silbertablett an. Erst Vettels Motorenproblem am Samstag: Letzter im Qualifikationstraining, weil der Luftfluss vom Kompressor zum Turbolader zu gering war. Aber der Hesse sah noch Chancen, den Schaden stark zu begrenzen. Zumal sein Teamkollege Kimi Räikkönen im Kampf um die Pole-Position nur um 0,045 Sekunden gegen Hamilton verloren hatte. Was, wenn der Finne auf Rang zwei den Briten beim Start schlagen und auf Abstand halten würde?

Ein schöner Traum. Denn Räikkönens Renner kam zwar bis zur Startaufstellung, musste aber fünf Minuten vor der Abfahrt in die Box geschoben werden. Abermals soll ein Turbolader keine Luft bekommen haben.

Vettel auf sich allein gestellt

Die vielen Ferrari-Fans auf der Tribüne sahen Rot – nur noch am Ende der Startaufstellung, weit weg vom gewohnten Platz: 200 Schritte maß die Distanz von Vettels Cockpit bis zu Hamiltons, nicht eine Wagenlänge wie sonst. Ohne seinen finnischen Ko-Piloten war der Heppenheimer völlig auf sich allein gestellt.

Hamilton gewann den Start souverän auf der wesentlich trockeneren Linie nach dem starken Regenguss vor dem Rennen. Räikkönen hätte auf der glitschigen Seite keine Chance gehabt, an ihm vorbei zu kommen. Aber die Red-Bull-Fraktion mit der Speerspitze Verstappen brauchte nur drei Runden, um Hamilton zu überholen. Souverän fuhr der am Samstag 20 Jahre alt gewordene Niederländer zu seinem zweiten Sieg. Aber vorher kam Vettel von hinten angeschossen. In der ersten Runde sauste er um sechs Plätze von Position 19 auf 13 vor, dann nach ein paar Runden vorbei an Fernando Alonso (McLaren), Kevin Magnussen (Haas), Felipe Massa und Lance Stroll (beide Williams). Stoffel Vandoorne bog in seinem McLaren vor ihm ab in die Box zum Reifenwechsel (14.): Sechster, aber schon 30 Sekunden Rückstand auf Verstappen im zeitraubenden Verkehr.

Vettel gab nicht nach, er arbeitete sich an Perez im Force India heran, schlüpfte vorbei (21.) und sah sich als Fünfter schon bald hinter der Eliteklasse der Formel 1: Red Bull und Mercedes in der Reihenfolge Verstappen, Hamilton, Ricciardo und Bottas. Spätestens in diesem Moment wurde klar, welche Chance Ferrari – mit funktionierenden Autos – gehabt hätte, das vorerst letzte Rennen der Formel 1 in Malaysia für einen Konter nach dem Debakel von Singapur zu nutzen.

Vettel näherte sich Runde um Runde mit Riesenschritten dem zweiten Mercedes. Er fuhr in dieser Phase eine Sekunde pro Runde schneller als Bottas. Er attackiert den Finnen, entschied sich aber, ihn via Boxenstopp hinter sich zu lassen.

Rang vier hört sich besser an als es ist

Vierter nach 29 von 56 Runden, rief der Hörfunkreporter im Medienzentrum. Aber das hörte sich besser an, als es auf den zweiten Blick aussah. Wie sollte Vettel den Rückstand von fast 34 Sekunden aufholen, oder zumindest 28, um Hamilton von Rang zwei zu verdrängen? Mit den Supersoft-Reifen. Als größter Verlierer des Qualifikationstrainings besaß er zumindest die Freiheit, die Reihenfolge der Reifenwahl zu bestimmen. Er startete mit den härteren, um in der zweiten Hälfte mit den weicheren, eine Zeit lang schnelleren, nochmals attackieren zu können.

Geplant, getan: Vettel stieg auf zum schnellsten Mann im Feld, mit weiter fallenden Rundenzeiten. Er unterbot bei der Jagd den Rundenrekord während eines Grand Prix in Sepang. Die Beschleunigung der Formel 1 seit dem Saisonstart hat zu Kurvengeschwindigkeiten geführt, die – je nach Strecke – um 30 Kilometer pro Stunde höher liegen als noch im vergangenen Jahr. Entsprechend höher ist die Belastung für die Piloten, besonders in der Sauna-Atmosphäre von Sepang. Mitunter stützen die Piloten ihren Kopf auf die Cockpitbegrenzung, weil die Kraft der Halsmuskulatur nicht mehr reicht.

Könnte die Ermüdung der Konkurrenz Vettel in die Karten spielen oder würde er gar selbst ein Opfer seiner Aggressivität? Von außen ließ sich das nicht erkennen. Vettel näherte sich mit bis zu einer Sekunde pro Runde Ricciardo. „We are racing for podium“, rief der Renningenieur seinem deutschen Piloten zwanzig Runden vor dem Ende zu: „Wir fahren um einen Podiumsplatz.“ Immerhin. Aber Ricciardo, Vettels ehemaliger Teamkollege bei Red Bull, nutzt bei der Verteidigung gerne alle Regeln der Kunst. Den ersten Angriff wehrte der Australier ab (49.). „Greif jetzt an“, meldete sich die Stimme von der Ferrari-Kommando-Brücke noch einmal. Dann aber pfiff die Scuderia ihren Chefpiloten zu dessen Verdruss zurück. „Du hast seinen Angriffsgeist gebrochen“, rief Red Bull Ricciardo zu. „Vettel muss auf seine Reifen achten.“

Und auf seinen Ferrari. In der Auslaufrunde kollidierte er mit dem Williams von Stroll. „Was macht der denn da?“, rief Vettel und hüpfte aus seinem Ferrari-Wrack. Stroll war in einer Linkskurve nach außen gefahren, angeblich um Gummireste aufzusammeln, die sich vom Abrieb der Reifen auf dem Asphalt sammeln. Diese Gewohnheit haben Rennfahrer, um in jedem Fall das Gewichtsminimum für den Wiegetermin nach dem Rennen einzuhalten. Vettel, der auf der Außenspur war, hatte keine Chance, Strolls überraschendem Manöver zu entkommen. Die Rennkommissare urteilten später, dass keiner der beiden Rennfahrer Schuld trage an dem Zusammenstoß.

Er kann aber dennoch beim nächsten Rennen um fünf Plätze zurückversetzt werden, falls sein Getriebe bei dem Unfall zerstört worden sein sollte. Das Getriebe darf nicht straffrei gewechselt werden, wenn es nach einem Grand Prix zu Bruch geht. Ferrari hat aber in Sepang noch nicht feststellen können, ob das Getriebe beschädigt ist und muss in Maranello weitere Untersuchungen anstellen in den kommenden Tagen. Immerhin hatte Vettel einmal vermeintliches Glück: Er bekam Hilfe. Pascal Wehrlein (17.) nahm ihn auf seinem Sauber mit ins Ziel. Auch das hätte eine Strafe nach sich ziehen können für beide deutsche Piloten: Anhalter mitzunehmen ist seit einigen Jahren aus Sicherheitsgründen streng verboten.

Lewis Hamilton war derweil angesichts insgesamt positiven Wochenendes trotz Rang zwei zufrieden: „Wir haben so ein Ergebnis hier gebraucht. Ich habe weiter ein gutes Gefühl. Das Rennen war sehr hart."

Quelle: FAZ.NET
Arno Hecker
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