Großer Preis von Spanien

Vettel verzockt sich

Von Anno Hecker, Barcelona
 - 16:56
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Zweimal war einmal zu viel. Das wissen Sebastian Vettel und sein Formel-1-Rennstall Ferrari nun auch. Beim Großen Preis von Spanien verlor der viermalige Weltmeister die Aussicht auf Rang zwei wegen eines erstaunlichen zweiten Boxenstopps. Das fünfte Saisonrennen auf dem Circuit de Catalunya vor den Toren von Barcelona gewann Lewis Hamilton souverän vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas und vor Max Verstappen im Red Bull. In der Fahrerwertung vergrößerte Hamilton (nun 95 Punkte) mit seinem 64. Grand-Prix-Sieg seine Führung vor Vettel (78) von vier auf 17 Punkte.

Für den Heppenheimer begann das Rennen wie geplant. Von der dritten Startposition aus suchte er den Windschatten hinter dem zweiten Mercedes mit Bottas am Steuer und nutzte dann den gewonnenen Schwung mit einem Überholmanöver vor der ersten Kurve auf der Außenbahn: Zweiter, hinter Hamilton. Frenetischer Applaus in der Ferrari-Box. Hinter dem Trio und Vettels Teamkollegen Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari kam auch die Red-Bull-Fahrer zur Abwechslung ohne Kontakt durch die erste Bewährungsprobe nach ihrem Betriebsunfall von Baku. Doch im Mittelfeld krachte es: Romain Grosjean verlor die Kontrolle über seinen Haas F1, rutschte von der Piste und wieder zurück auf die Strecke. Nico Hülkenberg in seinem Renault und Pierre Gasly (Toro Rosso) konnten dem Boliden nicht mehr ausweichen: Schon flogen die Fetzen.

Was für ein Pech für Hülkenberg. Am Samstag gebremst wegen eines technischen Problems, am Sonntag hinausgeworfen nach ein paar hundert Metern: „Ich habe ihn erst im letzten Moment gesehen“, sagte der Rheinländer. „Das ist extrem bitter, unverschuldet ein Rennen so beenden zu müssen. Gut gemacht, der alte Fliegenfänger.“ Hülkenberg empfahl Grosjean Lernstunden auf dem Verkehrsübungsplatz.

Temperatur bremst Ferrari

Vettel hätte von der Situation profitieren können. Denn die Rennleitung schickte das Sicherheitsfahrzeug für fünf Runden auf die Piste, bis die Trümmer beseitigt waren: Zweiter Versuch für einen Angriff auf die Spitze nun aus der erstbesten Position. Aber Hamilton beherrscht die Kunst des fliegenden Startes. Er wechselte seinen Verzögerungsrhythmus so geschickt, dass Vettel den Moment der Beschleunigung verpasste. Schon zog der Engländer davon. Und baute seinen Vorsprung innerhalb von zehn Runden auf sieben Sekunden aus, während Bottas Vettel im Nacken saß. Ein ernüchterndes Bild für die Ferraristi: Bei den Rennsimulationen am Freitag hatte es nicht nach einer so großen Differenz ausgesehen.

Die Laune der Natur soll eine Rolle gespielt haben. Der Temperaturrückgang auf 15 Grad Celsius kam Mercedes entgegen, weil der Bolide die Reifen aggressiver beansprucht als Ferrari und so eher auf die richtige Betriebstemperatur bringt. Vettels Renner klebt besser bei Hitze. Und so zog Hamilton davon. Vettel kämpfte nicht gegen den Weltmeister um den Sieg, sondern mit Bottas um Rang zwei – in einem langsameren Auto. Ein Spiel auch für die Taktiker, eine Art Kopf-an-Kopf-Rennen um Sekundenbruchteile. Prompt rief die Scuderia Vettel eine Runde vor dem Finnen an die Box. Als Bottas nach seinem Reifenwechsel wieder lossauste, schoss Vettel die Zielgerade herunter, im achten Gang, mit 310 Kilometern pro Stunde, vor ihm Kevin Magnussen im Haas. Würde es reichen? Im letzten Moment schlüpfte der Hesse am Dänen vorbei und ließ auch Bottas hinter sich. Wenn der nicht 1,4 Sekunden länger an der Box gestanden hätte, wäre Vettel seinen zweiten Platz schon los gewesen. Aufatmen in der Ferrari-Box. Bis Räikkönen sich meldete: „Es geht nicht mehr.“ Dessen Ferrari stotterte, ratterte, knatterte. Mit Mühe kam er zur Box. Feierabend zur Kaffeestunde.

Ein Auto trotz eines Antriebswechsels am Freitag schon in der Garage, das zweite gejagt von Bottas und Hamilton mit fast elf Sekunden komfortabel an der Spitze. Der Kurs von Barcelona entpuppte sich, kaum überraschend nach den Testfahrten im Februar, als Mercedes-Terrain. Ferrari sah sich abgehängt und gleichzeitig unter Druck gesetzt: Was tun? Pokern. Als die Rennleitung das virtuelle Safetycar losschickte, weil Esteban Ocons havarierter Force India im Weg stand, ließ sich Vettel neue Reifen geben für eine Attacke im letzten Renndrittel. Er verlor nicht so viel Zeit, wie im normalen Grand-Prix-Betrieb, fiel aber hinter Bottas und Max Verstappen auf Rang vier zurück.

Wie aber sollte der Heppenheimer in Barcelona an so schnellen Gegnern vorbeikommen, zumal die Reifenunterschiede viel geringer waren als auf anderen Pisten? „Ein Boxenstopp wäre für uns keine Option gewesen“, sagte Vettel, „Valtteri ist zwar mit einem durchgefahren, aber bei uns wäre das nicht gegangen. Wir hatten das gesamte Wochenende über Probleme mit den Reifen.“ Trotzdem schien Rang drei noch möglich. Weil sich Verstappen die nächste „Feind-Berührung“ leistete. Der Niederländer verlor bei einem Kontakt mit einem Williams ein Stück seines Frontflügels, aber nicht sein Tempo. Mit einem lädierten Auto fuhr der Zwanzigjährige so schnell wie Vettel im Ferrari mit frischen Reifen. Auch das noch: Erst zu langsam für Mercedes und dann wohl verzockt. Hamilton aber schaute über die Ferrari-Schwäche fröhlich hinweg auf die neue Stärke seines Teams: „Dieser Doppelerfolg gibt uns einen Schub. So soll es weitergehen.“ Sicher ist das aber nicht.

Quelle: FAZ.NET
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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