Formel 1 in Silverstone

Vettels Reifen platzt kurz vor dem Ziel

Von Michael Wittershagen, Silverstone
 - 15:38
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Erst küsste er seinen Silberpfeil, dann stürmte er auf seine Mechaniker zu und ließ sich feiern. Dann noch schnell eine Siegerfaust in den Himmel, ein Gruß an die Tausenden Fans auf den Tribünen. Lewis Hamilton hat am Sonntagnachmittag zum vierten Mal in Serie den Großen Preis von Großbritannien gewonnen. Der Zweiunddreißigjährige kam vor seinem Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas und Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen ins Ziel. Damit rückt Hamilton in der Gesamtwertung der Formel 1 wieder ganz nah an Sebastian Vettel (Ferrari) heran. Der Deutsche liegt nur noch mit 177:176 Punkten in Führung, nachdem er in Silverstone wegen eines Reifenschadens lediglich Siebter geworden war. „Was für ein Tag“, sagte Hamilton. Es war sein Tag. Nach der Siegerehrung ließ er sich von den Fans in der Kurve sogar auf Händen tragen.

Das Rennen begann mit Verspätung. Jolyon Palmer (Renault) musste schon vor dem Start aufgeben, das Feld wurde deshalb auf eine zweite Einführungsrunde geschickt. Hamilton entschied den Start für sich, aber schon in der zweiten Runde rückte das Safety Car aus. Im Mittelfeld waren die beiden Toro-Rosso-Piloten Daniiel Kwjat und Carlos Sainz junior aneinander geraten und hatten jede Menge Karbonteile auf der Strecke verteilt. Für den Spanier war das Rennen beendet, der Russe konnte es immerhin fortsetzen. In der fünften Runde wurde das Rennen wieder freigegeben. Hamilton behauptete seine Führung, und Räikkönen konnte in den Runden danach zumindest den Sichtkontakt zu ihm halten.

Der große Kampf des Nachmittags tobte hinter den beiden. Vettel hatte schon beim Start seinen dritten Platz an Max Verstappen (Red Bull) verloren. „Die hinteren Bremsen haben davor Feuer gefangen, und dann waren die Reifen so heiß, dass gar nichts ging“, sagte Vettel. Danach blieb er stets in Lauerstellung, und doch dauerte es bis zur vierzehnten Runde, bis er seinen ersten Angriff wagte. Auf der langen Geraden vor Stowe wollte er innen vorbei ziehen, doch der Niederländer gab nicht auf, verteidigte seinen Platz, so dass sie parallel auf Club Corner zusteuerten, beide durch die Wiese fuhren und schließlich auf die Start- und Zielgerade einbogen.

Die Engländer auf den Tribünen jubelten. Großer Profiteur der Auseinandersetzung war Bottas, der aufgrund einer Strafe wegen eines Getriebewechsels nur als Neunter gestartet war. Er war zunächst an Sergio Perez und Esteban Ocon (beide Force India) vorbei gezogen, dann auch noch an Nico Hülkenberg (Renault), und nun sah er schon den Ferrari von Vettel vor sich. In der 18. Runde griff der Deutsche deshalb abermals an, um sich so einer möglichen Attacke von Bottas zu entziehen. Doch wieder verteidigte Verstappen seine Position. Erst durch einen früheren Boxenstopp (19. Runde) und die schnelle Runde danach zog der Deutsche schließlich an ihm vorbei.

Am Mercedes-Kommandostand witterten sie nun ihre große Chance: „Gib Gas! Die Reifen sehen noch sehr gut aus“, riefen sie Bottas zu. Als einziger aus den Top Ten war er nicht auf der Gummimischung „supersoft“, sondern auf „soft“ ins Rennen gegangen. Entsprechend länger konnte er bis zu seinem ersten Stopp auf der Strecke bleiben, um dann für den Endspurt auf die weichere und schnellere Mischung zu wechseln. Als Bottas nach 33 Runden auf die Strecke zurückkam, hatte er fünfeinhalb Sekunden Rückstand auf Vettel – war aber auf Anhieb mehr als eine Sekunde schneller als der Deutsche. Vorne hatte Hamilton inzwischen zwölf Sekunden Vorsprung auf Räikkönen, dahinter aber lag Vettel zehn Runden vor dem Ende nur noch zwei Sekunden vor Bottas. In der 43. Runde sah nun auch Vettel die Bedrohung in seinem Rückspiegel. Wieder brandete Jubel auf. Das erste Manöver von Bottas konnte Vettel noch abwehren (44.), eine Runde später, am Ende der langen Geraden vor Stowe, hatte er keine Chance. Da gab es Lob von den Mercedes-Verantwortlichen: „Great Job!“ Vettel klagte hingegen: „Ich habe Blasen auf den Reifen.“

Er hatte sich hart gegen Bottas zu Wehr gesetzt, so sehr, dass die Reifen qualmten, er sich einen Bremsplatten einhandelte. Auch Verstappen klagte über Reifenprobleme, genau wie Räikkönen. Doch keiner reagierte und entschied sich zu einem zweiten Reifenwechsel. Zwei Runden vor dem Ende erwischte es dann den Finnen mit einem Reifenschaden vorne links. Er rettete sich in die Box, kam am Ende immerhin noch als Dritter ins Ziel. Verstappen machte einen Sicherheitsstopp und wurde am Ende mit Platz vier dafür belohnt. Vettel wollte auf der Strecke bleiben: „Wir haben darüber gesprochen, ich hatte das Gefühl, das sei in Ordnung. Dann ist der Reifen explodiert.“ Da trennten ihn noch etwas mehr acht Kilometer vom Ziel, eine Runde vor dem Ende ließ auch er neue Pneus aufziehen – zwangsläufig. „Eigentlich hätten die Reifen locker halten sollen, ich weiß nicht, warum sie das nicht getan haben“, sagte Vettel.

Hamilton hatte von den Problemen der anderen gehört, zwischendurch selbst über Blasenbildung der Reifen geklagt. Aber als er ins Ziel kam, fiel der ganze Druck von ihm ab. „Die Energie, die von den Rängen ausging, war enorm.“, sagte Hamilton. Er hatte sich vor diesem Rennen selbst unter Druck gesetzt, war dem Formel-1-Event in London ferngeblieben, entspannte stattdessen auf Mykonos und beteuerte immer wieder, dass dies die beste Vorbereitung für ihn sei. Auf die Kritik in Teilen der britischen Medien reagierte er zunächst mit einer überlegenen Pole Position und schließlich mit dem Sieg am Sonntag. „Ich bin da, wenn es darauf ankommt“, sagte Hamilton. Der Kampf gegen Vettel geht in seine nächste Phase.

Grand Prix von Großbritannien (51 Runden à 5,891 km/300,307 km)

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:21:27,430 Std.;
2. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes +14,063 Sek.;
3. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari +36,570;
4. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull +52,125;
5. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull +1:05,955 Min.;
6. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault +1:08,109;
7. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari +1:33,989;
8. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India + 1 Rd.;
9. Sergio Perez (Mexiko) - Force India + 1 Rd.;
10. Felipe Massa (Brasilien) - Williams + 1 Rd.;
11. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren + 1 Rd.;
12. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas + 1 Rd.;
13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas + 1 Rd.;
14. Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber + 1 Rd.;
15. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso + 1 Rd.;
16. Lance Stroll (Kanada) - Williams + 1 Rd.;
17. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber + 1 Rd.

Ausfälle: Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso (3. Rd.); Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault (3. Rd.); Fernando Alonso (Spanien) - McLaren (35. Rd.)

Pole Position: Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:26,600 Min.
Schnellste Rennrunde: Lewis Hamilton - Mercedes 1:30,621 Min.

Fahrer-Wertung, Stand nach 10 von 20 Wettbewerben:

1. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 177 Pkt.;
2. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 176;
3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 154;
4. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 117;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 98;
6. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 57;
7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 52;
8. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India 43;
9. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso 29;
10. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault 26;
11. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 23;
12. Lance Stroll (Kanada) - Williams 18;
13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 18;
14. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas 11;
15. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber 5;
16. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 4;
17. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 2

Konstrukteurs-Wertung, Stand nach 10 von 20 Wettbewerben:

1. Mercedes 330 Pkt.;
2. Ferrari 275;
3. Red Bull 174;
4. Force India 95;
5. Williams 41;
6. Toro Rosso 33;
7. Haas 29;
8. Renault 26;
9. Sauber 5;
10. McLaren 2

Quelle: FAZ.NET
Michael Wittershagen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Wittershagen
Sportredakteur.
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