Formel 1

Motoren und Irrungen

Von Hermann Renner, Singapur
 - 08:11

Diese Geschichte kommt einem bekannt vor. Ein Rennstall ist unzufrieden mit seinem Motorenpartner und versucht, ihn vor Vertragsende loszuwerden. Er stellt aber bald fest, dass ihn die anderen Motorenhersteller nicht beliefern wollen oder können, weil ihre Kapazität mit drei Abnehmern erschöpft ist. In seiner Verzweiflung versucht der Rennstall, das System zu erpressen. Er kündigt dem alten Motorenpartner und hofft, dass sich die Formel-1-Gemeinde erbarmt und ihm einen neuen Lieferanten bereitstellt. Weil es nicht sein kann, dass ein Team ohne Motor dasteht. Denn die Konsequenz wäre für die ganze Branche nicht zu ertragen: Dann nämlich stünde die von den Herstellern und dem Automobil-Weltverband so hochgelobte Hybrid-Formel endgültig vor dem Aus.

Das erste Team, das diesen Weg ging, war Red Bull im Jahr 2015. Der Limonadehersteller kündigte den Vertrag mit Motorenhersteller Renault – und landete am Ende doch wieder bei den Franzosen, weil sie weder Mercedes noch Ferrari beliefern wollten. Honda durfte nicht aushelfen, weil der damalige McLaren-Chef Ron Dennis ein Veto einlegte.

In diesem Jahr war nun McLaren in der gleichen Situation wie Red Bull vor zwei Jahren. Das Team hat ein exzellentes Chassis, aber einen schwächlichen und zerbrechlichen Motor. McLaren-Honda liegt mit elf Punkten auf dem vorletzten Platz der Konstrukteurs-WM. „Ein weiteres schlechtes Jahr kann uns zerstören. Wir nehmen alles, selbst einen 2017er Mercedes-Motor“, hieß es aus Woking.

Renault hilft aus

Doch der Internationale Automobilverband (Fia) hat aus dem Red-Bull-Drama gelernt. Man machte McLaren deutlich, dass man zu einem so späten Zeitpunkt der Saison die anderen Hersteller nicht mehr dazu zwingen könne, ein viertes Team zu beliefern. Die Frist zum Motorwechsel war am 15. Mai abgelaufen. Danach geht nur noch etwas, wenn alle Beteiligten einverstanden sind.

Renault erklärte sich immerhin bereit auszuhelfen, für den Fall, dass ihr bisheriges Kundenteam Toro Rosso zu Honda wechseln würde. Renault will für die vorzeitige Vertragsauflösung jedoch einen Fahrer aus dem Red-Bull-Pool. Und zwar möglichst noch in dieser Saison. Ob das zu realisieren ist, hängt auch davon ab, ob der Vertrag mit Jolyon Palmer mit einer Millionenabfindung aufgelöst werden kann. Der Werksrennstall Renault ist derzeit ein Ein-Mann-Team. Nur Nico Hülkenberg punktet derzeit. Den ersten Wunschkandidaten Daniel Ricciardo musste sich der französische Hersteller schnell abschminken. Red Bull lehnte kategorisch ab. So bekommt man künftig nach zähen Verhandlungen wenigstens Carlos Sainz.

Renault steigt aus

So weit, so gut. In Singapur aber nahm die Angelegenheit noch einmal Fahrt auf. Nun kündigte Renault an, dass es von 2019 auch für das A-Team Red Bull keine Motoren mehr geben wird. Honda muss von der übernächsten Saison an also beide Red-Bull-Teams ausrüsten. Offiziell wird das vermutlich erst, wenn auf dem Marina Bay Circuit an diesem Freitag das erste Training zum Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr MESZ) stattfindet. Demnach soll es bei den Trennungsverhandlungen zwischen Toro Rosso und Renault zu Verstimmungen gekommen sein. Red Bull ließ dabei offen, ob man 2019 mit Renault- oder Honda-Motoren antreten wolle.

Das Spiel wollte Renault nicht mitspielen. Red Bull hat damit keine andere Wahl mehr als Honda. Denn Mercedes und Ferrari werden sich weiter weigern, einen Mitkonkurrenten aufzurüsten. Und Porsche steigt frühestens 2021 als Motorenhersteller in die Formel 1 ein. Die neue Entwicklung lässt im Fahrerlager die Spekulationen blühen. Die Branche hält es für möglich, dass sich Red Bull Ende 2021 komplett aus der Serie zurückzieht. Angeblich werden in der Finanzwelt bereits Gespräche geführt, um einen eventuellen Übernahmekandidaten zu finden.

So bekommen vorerst nur die Verantwortlichen von McLaren, was sie unbedingt wollten. Doch auch für den Rennstall wird die Trennung von Honda zu einer teuren Angelegenheit. Von den Japanern gab es neben Gratismotoren die Hälfte zu den Fahrergehältern und jährlich 80 Millionen Dollar als Entwicklungshilfe. Bei Renault müssen die Antriebseinheiten bezahlt werden. Aus Paris kommen auch keine Subventionen. Im Vergleich zur Gegenwart fehlt ein dreistelliger Millionenbetrag in der Kasse.

Quelle: F.A.Z.
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