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Formel-1-Pilot Hülkenberg

„Wir müssen moderne Gladiatoren sein“

Von Anno Hecker
 - 16:37
Zukunftsvision: So oder so ähnlich stellt man sich bei Renault einen Formel-1-Boliden im Jahr 2027 vor. Bild: Renault, F.A.Z.

Im Windschatten der deutschen Weltmeister hat Nico Hülkenberg einen Rekord aufgestellt: 129 Formel-1-Grands-Prix, ohne ein einziges Mal unter die ersten drei gekommen zu sein. Der Rheinländer reagiert mit Ironie auf die in Fragen gekleideten kritischen Anmerkungen zu diesem Phänomen: „Das habe ich mir hart erarbeitet“, sagte der 30 Jahre alte Pilot des Konzernteams Renault am Donnerstag im Fahrerlager von Sepang, drei Tage vor dem Großen Preis von Malaysia (Rennstart am Sonntag, 9.00 Uhr MESZ / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET).

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Zwischen den Zeilen macht Hülkenberg auf die Kernwahrheit seiner Karriere aufmerksam. Seit der ersten Testfahrt im Williams 2007 hat er sich nicht nur zehn Jahre lange gehalten und herbe Rückschläge wie die Verabschiedung bei Williams trotz einer Pole Position oder den Reinfall mit Sauber verkraftet. Hülkenberg, 2015 Le-Mans-Sieger mit Porsche, fuhr mit Force India zielstrebig den gehobenen Mittelstand der Formel 1. Sein technisches Verständnis und seine Zuverlässigkeit selbst oder gerade unter schwierigsten Bedingungen haben Teamchefs immer wieder beeindruckt. Deshalb wählte ihn Renault für sein ehrgeiziges Programm aus und zahlt pünktlich: immerhin angeblich zehn Millionen Dollar für 2017 und 2018.

Nach 14 von 20 Formel-1-Rennen in dieser Saison können Sie schon ein Fazit ziehen: War der Wechsel von Force India zu Renault der richtige Schritt?

Ja, ich fühle mich super wohl, ich habe mich viel schneller eingelebt, als ich das erwartet hatte. Der Zusammenhalt im Team ist sehr gut, und es macht Spaß, nicht zuletzt, weil die Ergebnisse da sind.

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Sie haben 34 der bislang 42 Punkte eingefahren. Ist das ein zufriedenstellendes Resultat?

Zumindest sind es bislang mehr Punkte, als ich erwartet hatte. Aber mit dem Sprung von einem Privatteam (Force India, d. Red.) zu einem Hersteller wie Renault habe ich schon Erwartungen verknüpft: mehr Investitionen, eine Strategie und auch hohe Ansprüche des Teams an mich. Ein Hersteller ist früher oder später zu Erfolg verdammt. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es geht gut voran. Für das nächste Jahr müssen wir versuchen, die Abstände zu den Top-Teams zu halbieren. Die Erfolge werden kommen.

Weil Sie frisch beseelt sind vom Tapetenwechsel?

Das musste sein, ja. Es ist eine neue Liebe entstanden, und die bringt frischen Schwung, eine gewisse Lockerheit. Renault erwartet von mir eine starke Leistung, und die ist mir bislang auch gelungen. Wir sollten in der Lage sein, in jedem der verbleibenden Rennen Punkte zu gewinnen.

Sie erhalten gute Kritiken gemessen an der Leistungsfähigkeit Ihres Autos. Liegt das auch an den zur Saison eingeführten Regeländerungen?

Das kann schon sein. Mit dem Zuwachs an Abtrieb ist das Tempo gestiegen, die Reifen lassen ein höheres Kurventempo zu. Das erlaubt uns Rennfahrern, mehr Rennfahrer zu sein. In den vergangenen Jahren mussten wir fünf bis zehn Prozent der Leistung zurückhalten, um zum Beispiel die Reifen schonen zu können. Diese Auflagen entsprechen nicht meinem Naturell. Dabei wird nicht das gefordert, was mir liegt. Ich kann jetzt mehr am Limit fahren, 60 Runden lang, das bereitet viel mehr Spaß. Und mit der Ausnahme des Rennens in Baku (Unfall nach Fahrfehler, d. Red.) war es bislang das beste Jahr meiner Karriere.

Wohin wird diese Entwicklung führen?

Ich hoffe, dass wir in ein bis zwei Jahren um Podien und Siege mitfahren können. Langfristiger geht es um eine Teilnahme am Kampf um die WM-Titel. Ich habe keinen Zweifel, dass ich das kann, nicht den Hauch. Ich habe in nun 129 Rennen gezeigt, dass es geht. Dabei mögen mal ein Fehler oder Umstände, die ich nicht beeinflussen konnte, dazu geführt haben, dass ich es bislang nicht aufs Podium geschafft habe. Aber ich bin hier, um das zu verändern.

Sie halten die nun beschlossene Einführung des zusätzlichen Kopfschutzes namens Halo für überflüssig. Warum?

Die Welt will, dass alles sicherer wird. Dafür habe ich Verständnis. Aber ich meine, dass wir in der Formel 1 keinen zusätzlichen Kopfschutz für ein Unfallszenario brauchen, dessen Wahrscheinlichkeit bei eins zu einer Million steht. Unsere Autos sind extrem sicher und werden Jahr für Jahr durch verschärfte Crashtests noch sicherer. Mit dem Halo vor dem Cockpit erwecken wir den Eindruck, bei uns sei man vor allem sicher. Das ist ohnehin eine Illusion. Der Motorsport lebt auch davon, dass er gefährlich ist. Und er sollte es zu einem gewissen Maß auch sein, denn das ist Teil der Attraktion.

Ist Boxen denn nicht gefährlich?

Ich verstehe nicht, warum man alles so sterilisieren muss.

Müssen die Zuschauer erkennen, dass Sie Risiken eingehen?

Ja. Wir gehen Risiken ein, die andere Menschen nicht eingehen können oder wollen. Aber wir zeigen, dass wir das im Griff haben. Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass die Formel 1 noch ein bisschen schneller werden darf, damit die Unterschiede der Fahrer erkennbarer werden. Vor zwanzig, dreißig Jahren haben die Piloten ihr Leben riskiert, wenn sie mit Vollgas durch die Eau Rouge (berühmte Passage der Strecke von Spa-Francorchamps, d.Red.) gefahren sind. Da hat man den Unterschied zwischen dem Hero und dem Fahrer, der nur Mittelmaß war, sehen können.

Riskieren Sie in Monza, wo der Schnellste in diesem Jahr mehr als 350 Kilometer pro Stunde erreichte, nicht Ihr Leben?

Das glaube ich nicht. Man kann sich weh tun, ja. Und wir sollten auch nicht zum Sicherheitsstandard der achtziger Jahre zurückkehren. Aber eine gewisse Gefahr ist Teil des Kitzels und der Faszination im Motorsport.

In welche Richtung soll sich die Formel1 entwickeln?

Die Formel 1 muss eine gute Show bieten, mit Autos, die eine Mords-Performance haben, so wie sie auf der Straße nie zu sehen ist. Und wir müssen die modernen Gladiatoren sein, die im Rennen voll Stoff, Rad an Rad, 60 Runden lang beste Unterhaltung bieten.

Warum ist das im Moment nur hin und wieder möglich?

Weil wir zu sehr abhängig sind von der Aerodynamik. Front- und Heckflügel entwickeln so viel Abtrieb, dass man bei einem Abstand von unter einer Sekunde mehr bremsen muss, wenn man nicht in die Mauer rauschen will. Also müsste das Reglement geändert werden: weg von den Flügeln, hin zu größeren Unterböden, Seitenschürzen und Reifen mit mehr mechanischem Grip. Dann werden wir bekommen, was sich alle wünschen.

Nicht jedes Team ist damit einverstanden ...

... was ich verstehe. Keiner will, wenn er viel investiert hat und ein hohes Level erreicht hat, seinen Vorteil freiwillig hergeben. Deshalb muss die Formel-1-Führung einen Weg finden, alle von diesem Weg zu überzeugen.

Der Konzern hinter Ihrem Rennstall ist Weltmeister in der Formel E geworden, die mit Batterien fährt. Wird sich die Formel 1 der Elektrifizierung entziehen können?

Ich bin weder Visionär noch Wissenschaftler. Aber es ist absehbar, dass die Elektromobilität in die Städte kommen und sich schnell verbreiten wird. Vielleicht entstehen zwei Formel-1-Serien. Die klassische Formel 1 behielte ihren Charme, wenn sie nicht jede Entwicklung mitmacht, wenn sie speziell und mit Blick auf Leistung sowie Tempo unerreicht bleibt.

Sie haben 2010 bei Williams begonnen und gehören inzwischen mit 129 Grands Prix schon zu den sehr erfahrenen Piloten. Was hat Sie in Ihrer abwechslungsreichen Karriere geprägt?

Es sind einige Dinge passiert, die ich nicht steuern konnte. Ich habe dann einen anderen Weg finden müssen und dabei viel gelernt über die Mechanismen der Formel 1. Man wird etwas abgebrühter, ein bisschen härter, erfahrener und weiß zu unterscheiden zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen.

Was macht die Formel 1 so unberechenbar?

2012 fuhr ich für Force India. Sauber wollte, dass ich komme. Die Schweizer hatten ein sehr schnelles Auto, eine Waffe. Ich habe mich dann im September entscheiden müssen und kam in einen Sauber, der nicht mehr das war, was ich gesehen hatte. Das hing damit zusammen, dass das Team in der Kreide stand, mir das aber verheimlicht hatte. Wäre ich 2013 im Force India geblieben und mit dem starken Auto gleich mal aufs Podium gefahren, dann hätte ich vielleicht bei Ferrari landen können. Aber hätte, hätte. Ich bin sehr zufrieden im Moment. Wir haben gute Aussichten. Renault wird kommen.

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Quelle: F.A.Z.
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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