Formel 1 in Brasilien

Vettels Sieg für die rote Seele

Von Christoph Becker
 - 18:39
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Der Freude des Siegers waren die Nachwirkungen der vergangenen Rennen anzumerken. „Es waren schwere Wochen für uns – ich freue mich für alle im Team.“ Sebastian Vettel hatte den Großen Preis von Brasilien gewonnen, doch der fünfte Grand-Prix-Sieg des Jahres verschafft dem Ferrari-Piloten nicht mehr als beste Aussichten auf den zweiten Platz in Fahrer-Weltmeisterschaft. Vettel siegte in São Paulo vor Valtteri Bottas (Mercedes), Teamkollege Kimi Räikkönen und dem Weltmeister des Jahres 2017, Lewis Hamilton (Mercedes).

Den entscheidenden Vorteil sicherte sich Vettel am Start. Auf Position zwei reagierte er einen Augenblick schneller als Bottas, so dass der Finne den Vorteil der Pole Position verlor. Zwar lag Bottas noch vorne, doch da die erste Kurve im Autódromo José Carlos Pace nach links abknickt, hatte Vettel den Trumpf: die Innenbahn. Bottas zog zurück, vermied eine Kollision, Vettel lag in Führung. Doch die Erfahrung von nunmehr fast drei Jahrzehnten ununterbrochener Auftritte der Formel 1 in Interlagos zeigen: Die Tücken des „Senna-S“ lernen vor allem die Fahrer auf den hinteren Plätzen kennen. In der Ausgabe 2017 waren im Crash-Trio Ricciardo (Red Bull), Magnussen (Haas) und Vandoorne (McLaren) von drei Fahrern zwei zu viel. Auch der Australier Ricciardo kreiselte von der Strecke, konnte im Gegensatz zu den Konkurrenten aber immerhin die Fahrt fortsetzen. Der großzügig verteilte Carbon-Schrott machte eine Ausfahrt des Safety-Cars nötig, doch noch bevor das Feld eingefangen war, krachte es schon wieder. Die Franzosen Romain Grosjean (Haas) und Esteban Ocon (Force India) drehten sich in Kurve sieben synchron von der Piste. Für Ocon war das Rennen beendet.

Das zu forsche Arbeitsverständnis der Unfallbeteiligten machte einem die Arbeit leichter, dessen Ausgangslage zum Start durchaus bipolar erschien: Hamilton steht seit zwei Wochen als Weltmeister fest. Doch als der Große Preis von Brasilien freigegeben wurde, stand der Engländer auf dem schlechtesten Platz, in der Boxengasse. Der letzte Startplatz war die Konsequenz des Unfalls in der Qualifikation am Samstag, den Hamilton unverletzt überstanden hatte und der ihn wieder zum Jäger machte.

Nach neun Runden schon war der Champion Zehnter, mithin wieder in den Punkterängen angekommen. Und die Aufholjagd lief, verglichen mit jener, die ihm die frühe Kollision mit Vettel in Mexiko-Stadt vor zwei Wochen eingebracht hatte, äußerst reibungslos. Zum Beispiel Fernando Alonso: Der Spanier hatte in Mexiko verbissen gegen Hamilton gekämpft. In Brasilien war er chancenlos. Hamilton flog vorbei, Platz fünf in Runde 21. Wenig später führte Hamilton sogar, denn die vier vor ihm fahrenden Piloten hatten die Ausfahrt genommen: Richtung Boxenstopp.

Bottas setzte Vettel mit seinem Stopp in Runde 27 unter Druck, doch die Scuderia hielt Stand. Eine Runde später kam Vettel zum Service und wurde so schnell wieder ins Rennen geschickt, dass er haarscharf vor dem Finnen zurück auf die Strecke bog. „Lief wie geschmiert“, so Vettel nach dem Rennen. Er gab Bottas keine Gelegenheit zur Attacke – schnell war der Ferrari eine, eineinhalb, zwei Sekunden voraus. Der Deutsche kontrollierte das Geschehen bis zur Zielflagge.

Hamilton, im Gegensatz zur Konkurrenz auf härteren Reifen gestartet, konnte bis zur 44. Runde warten, bevor ihm die Mercedes-Crew superweiche Pneus montierte. „Du fährst um das Podium“, bekam der Weltmeister zu hören – der Gegner hieß Kimi Räikkönen. Ferraris Nummer zwei war von Startplatz drei aus ins Rennen gegangen und bis dahin nicht unter Druck geraten, denn der zuletzt so starke Max Verstappen hatte im Red Bull keine Chance auf die vorderen Ränge.

Hamilton kam mit großen Sätzen näher, das Szenario erinnerte an den Versuch Vettels, beim Rennen in Malaysia Anfang Oktober von ganz hinten noch die Teilnahme an der Siegerehrung zu erzwingen. Wie das Vorhaben des Deutschen in Südostasien scheiterte auch Hamiltons in Südamerika. Auf den letzten Runden hatte Räikkönen den Mercedes im Rückspiegel, doch die Aufholjagd hatte die Reifen so stark beansprucht, dass sich keine Gelegenheit für einen Angriff mehr ergab. Im Ziel herrschte bei Ferrari im Wesentlichen Erleichterung, endlich mal wieder ein Rennen gewonnen zu haben. Zuletzt hatte Vettel in Ungarn gewonnen, das ist dreieinhalb Monate her.

Richtiggehend emotional wurde es für den Mann, der auf Platz sieben ins Ziel gekommen war: Felipe Massa verabschiedete sich vom heimischen Publikum. Der 36 Jahre alte Williams-Pilot hat keine Zukunft in der Formel 1, auch wenn er selbst gerne noch bleiben würde. Die brasilianischen Fans bekamen die Gelegenheit, „adeus“ zu sagen. Der Brasilianer bekam Gastrecht auf dem Siegerpodest. Hier hatte er auch 2008 gestanden, als er zum elften und letzten Mal einen Grand Prix gewonnen hatte. Fast wäre er damit Weltmeister geworden. Lewis Hamilton aber war in der vorletzten Kurve noch auf Platz fünf vorgefahren. Damit war der Engländer zum ersten Mal Champion. Neun Jahre später ist er viermaliger Weltmeister.

Ergebnisse vom Grand Prix von Brasilien in São Paulo

71 Runden à 4,309 km/305,909 km), 12.11.2017:

1. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 1:31:26,262 Std.;
2. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes +2,762 Sek.;
3. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari +4,600;
4. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes +5,468;
5. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull +32,940;
6. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull +48,691;
7. Felipe Massa (Brasilien) - Williams +1:08,882 Min.;
8. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren +1:09,363;
9. Sergio Perez (Mexiko) - Force India +1:09,500;
10. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault + 1 Rd.;
11. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Renault + 1 Rd.;
12. Pierre Gasly (Frankreich) - Toro Rosso + 1 Rd.;
13. Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber + 1 Rd.;
14. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber + 1 Rd.;
15. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas + 2 Rd.;
16. Lance Stroll (Kanada) - Williams + 2 Rd.

Ausfälle: Esteban Ocon (Frankreich) - Force India (1. Rd.); Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas (1. Rd.); Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren (1. Rd.); Brendon Hartley (Neuseeland) - Toro Rosso (41. Rd.)
Pole Position: Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 1:08,322 Min.
Schnellste Rennrunde: Max Verstappen - Red Bull 1:11,044 Min.

Fahrer-Wertung, Stand nach 19 von 20 Wettbewerben:

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 345 Pkt.;
2. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 302;
3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 280;
4. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 200;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 193;
6. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 158;
7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 94;
8. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India 83;
9. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso 54;
10. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 42;
11. Lance Stroll (Kanada) - Williams 40;
12. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault 35;
13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 28;
14. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas 19;
15. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 15;
16. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren 13;
17. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault 8;
18. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber 5;
19. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 5

Konstrukteurs-Wertung, Stand nach 19 von 20 Wettbewerben:

1. Mercedes 625 Pkt.;
2. Ferrari 495;
3. Red Bull 358;
4. Force India 177;
5. Williams 82;
6. Toro Rosso 53;
7. Renault 49;
8. Haas 47;
9. McLaren 28;
10. Sauber 5

Quelle: FAZ.NET
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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