Formel-1-Kommentar

Vettel und Ferrari auf dem richtigen Weg

Von Christoph Becker, Mexiko-Stadt
 - 11:38
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„Wenn du merkst, dass es nicht reicht, ist es schwierig“, sagte Sebastian Vettel in Mexiko-Stadt, nachdem die Formel-1-Weltmeisterschaft 2017 endgültig verloren war. Vettel musste eine Niederlage einstecken, die sich über Wochen angekündigt hatte – und ihn doch hart traf. Das war schon 2009 so, als der junge Vettel in der zweiten Hälfte der Saison dem haushoch führenden Briten Jenson Button nachgejagt war, vergeblich. Und doch war Vettel überaus enttäuscht, den Titel nicht gewonnen zu haben. Die Karriere, die folgte, der Titel 2010 als bis heute jüngster Weltmeister, drei weitere mit Red Bull, hat ihn als Frontmann zu Ferrari geführt. Als denjenigen, dem zugetraut wird, die Scuderia wieder aufzurichten.

Vor dem Rennwochenende in Mexiko hatte Vettel noch einmal zurückgeblickt, daran erinnert, was er vorgefunden hatte, als er unterschrieben hatte im Herbst 2014. Der Vergleich mit der zerstrittenen, erfolglosen Mannschaft von damals spricht für Vettels Führungsqualitäten, spricht dafür, dass die Italiener damals den richtigen Fahrer unter Vertrag genommen haben. Und doch lässt sich die Statistik auch anders lesen: drei Jahre, null Titel. Zu wenig für die Ansprüche in Maranello, zu wenig vor allem für die Ansprüche von Konzernboss Sergio Marchionne.

Und in diesem Jahr, das wissen Vettel und Marchionne, war es ja tatsächlich so, wie der neue Weltmeister Lewis Hamilton nach dem spektakulären Rennen in Mexiko feststellte: Der Mercedes war nicht unbedingt das beste Auto – Ferrari war, wenigstens auf etlichen Strecken, vorbeigezogen. Und trotzdem musste Vettel feststellen: „They were the better bunch“ – sie, Mercedes also, waren der bessere Haufen. Haben weniger Fehler gemacht, konnten stattdessen von den Fehlern profitieren, die Ferrari machte. Die Rennen, die Vettel in der zweiten Hälfte hätte gewinnen können, bisweilen müssen, gewann Hamilton. Mal setzte sich der Engländer, wie in Spa, überaus knapp gegen Vettel durch; häufiger noch legte sich Ferrari selbst lahm.

Und selbst wenn der beeindruckende Hamilton abgehängt wurde, war Max Verstappen zur Stelle, nicht Vettel. Das wirft ein Szenario für die Zukunft an die Wand, das Vettel nicht gefallen dürfte: Es wird eher noch schwieriger mit dem Weltmeistertitel, der Niederländer und das immens erstarkte Red-Bull-Team sind mittendrin im Kampf um die Weltmeisterschaft 2018.

Trotzdem ist Ferrari auf dem richtigen Weg. Dass sich das enorme Tempo bei der Entwicklung womöglich rächen könnte, war ein Risiko, dass die Scuderia eingehen musste. Die Maschine im Heck des SF70-H war durchaus langlebig, eine Zündkerze war es, zum Beispiel in Suzuka, nicht. Mercedes konnte in der entscheidenden Phase der Saison auf die eigene Erfolgserfahrung setzen, so wie es einst in den Schumacher-Jahren bei Ferrari war. Es bleibt Vettels Team gar nichts anderes übrig, als den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Größere Personalrochaden stellen eher selbstgebaute Hindernisse da. Gleichwohl scheint die Zukunft von Teamboss Maurizio Arrivabene noch immer ungewiss. Vettel plädierte in Mexiko-Stadt engagiert für seinen Verbleib: „Ich bin ein Fan.“

Weltmeister Hamilton kündigte im Moment des Sieges an, alles dafür tun zu wollen, dass Ferrari ihn auch in den kommenden Jahren nicht mögen werde. Die Scuderia setzt auf Vettel. Der, obwohl schwer geschlagen in diesem Jahr, hat gerade in Mexiko gezeigt, was in ihm steckt. Die 4,3 Kilometer des Autodromo Hermanos Rodriguez sind rutschig wie kaum ein anderer Kurs, die Höhenluft raubt den Autos viel von ihrem Anpressdruck.

Auf die Pole Position, die er am Samstag mit beeindruckender Konzentration in letzter Sekunde herausgefahren hatte, folgte nachdem folgenschweren Dreikampf in der ersten Schikane eine bis ins Ziel spektakuläre Jagd über einen der schwierigsten Kurse des Rennkalenders. Vettel, der Verlierer, gratulierte Hamilton. Und sagte, anschließend bei aller Niedergeschlagenheit: „Ich habe keine Angst vor ihm.“ Warum auch? Vettel fuhr meisterhaft in Mexiko.

Quelle: FAZ.NET
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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