Grand Prix von Singapur

Steilpass für Ferrari

Von Hermann Renner
 - 11:46
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Die Formel 1 biegt langsam in die Zielgerade ein. Der Zirkus tourt ab jetzt in Übersee, fängt in Singapur an, weiter über Malaysia, Japan, die Vereinigten Staaten, Mexiko und Brasilien nach Abu Dhabi. Lewis Hamilton und Sebastian Vettel trennen drei Punkte. Für Mercedes und Ferrari gilt damit: Die Heimrennen müssen gewonnen werden, die Auswärtsspiele muss man mit Anstand verlieren.

Monza war von der Lokalität her zwar Ferrari-Boden, technisch aber eine Mercedes-Strecke. Mercedes hat es mit einem Doppelsieg bestätigt. Sebastian Vettel betrieb als Dritter die maximal mögliche Schadensbegrenzung. Sorgen machte nur der große Abstand. 36 Sekunden hinter dem Sieger verlangten nach einer Erklärung. Eine Woche zuvor war er in Spa-Francorchamps noch auf Augenhöhe mit Mercedes gefahren. Auf einer ähnlich schnellen Strecke.

Ferrari wurde in Monza unter Wert geschlagen. Mercedes stellte seine Fehler von Spa ab, und Ferrari baute in Monza welche ein. Ferrari-Präsident Sergio Marchionne kommentierte kurz und bündig. „Wir haben versagt.“ Der Fehler lag in der Fahrzeugabstimmung. Ferrari wollte es auf heimischem Boden besonders gut machen und machte es besonders schlecht. Als die Ingenieure das Setup vom Freitag optimieren wollten, liefen sie in die falsche Richtung. Wegen des Regens am Samstag fiel das keinem auf.

Am Sonntag war es zu spät. GPS-Daten verraten: Ferrari war in allen Kurven und auf den Geraden langsamer als der WM-Gegner. Die Fahrer klagten über eine Instabilität im Heck und über mangelndes Vertrauen in ihr Auto. Bremsstabilität und Traktion sind eigentlich ein Markenzeichen des SF70H. Vettel betont, dass es nur ein Ausrutscher war: „Eigentlich haben wir ein Auto, das überall funktioniert. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen, dass wir plötzlich den Faden verloren hätten.“ Die harsche Kritik des Präsidenten relativiert sein teuerster Angestellter. „Ihr habt euch wieder den einen Satz rausgepickt, weil er gut klingt. Zum Team hat er nicht gesagt, dass wir versagt hätten.“

In Singapur, wo die Formel 1 nach der am Freitag verkündeten Vertragsverlängerung nun bis 2021 ihre Runden drehen wird, hat Ferrari am Sonntag (Start: 14 Uhr/MESZ) beste Chancen, die Verhältnisse wieder geradezurücken. Der Marina Bay Circuit ist das komplette Gegenteil von Monza. Er zählt mit seinen 23 Kurven auf 5,065 Kilometer Länge neben Monte Carlo und dem Hungaroring zu den langsameren Strecken im Kalender. Da ist maximaler Abtrieb gefragt. In der Konfiguration ist der Ferrari allen anderen überlegen. Pirelli senkt für das Stadtrennen die Reifendrücke wieder ab und lässt mehr Radsturz zu. Motorleistung spielt nur eine Nebenrolle. Alles hilft Ferrari.

Vettel hat die Rennen in Monte Carlo und Budapest überlegen gewonnen, und Hamilton schaffte es beide Male nicht auf das Podium. Ein Steilpass für Ferrari. Das sehen auch die Mercedes-Ingenieure so: „Wir sind realistisch und gehen nach Singapur im Glauben, dass Ferrari dort das bessere Auto hat. Wir waren in Barcelona, Monaco und Budapest langsamer als sie. Es wäre vermessen, zu glauben, wir hätten diese Probleme seit Budapest gelöst. Wir werden ein paar Dinge probieren, von denen wir glauben, dass wir dort in die falsche Richtung gelaufen sind. Trotzdem ist Ferrari Favorit.“

Vettel macht trotz der Niederlage von Monza auf gute Stimmung, weil er nicht will, dass ein schlechtes Resultat das Team moralisch runterzieht. Ferrari braucht alle Kraft für Singapur. Ein Rennen, das man gewinnen muss. Weil man auf einer Ferrari-Strecke nicht WM-Punkte an den Gegner abgeben darf. Weil Vettel auf dem Marina Bay Circuit vier der bislang neun Rennen gewonnen hat. Und weil hier Mercedes selbst in den Jahren erdrückender Überlegenheit seine größten Probleme hatte. Die Ferrari-Piloten weisen die Favoritenrolle trotzdem von sich, um dem Team nicht zu viel Druck aufzuladen. „Was auf dem Papier steht, bedeutet nichts und ändert nichts. Am Ende zählt nur das Ergebnis am Sonntag“, sagt Kimi Räikkönen.

Vettel sieht trotz seiner Siege in Monte Carlo und Budapest seinen fünften Singapur-Triumph nicht als gesetzt: „In der Theorie sollten wir in Singapur besser sein als in Monza. Aber unsere Siege in Monaco und Ungarn waren nicht so deutlich, wie sie aussahen. Am Ende kommt es immer darauf an, wie du dein Wochenende abwickelst. Um hier zu gewinnen, muss jedes Detail passen. Du brauchst Vertrauen in dein Auto.“ Vettel mag die Hitzeschlacht in dem von Mauern eingezäunten Betonkanal. „Du musst dich auf diese Strecke einlassen. Sie ist eine echte Herausforderung, physisch und mental. In der Hitze und Luftfeuchtigkeit ist es nicht einfach, zwei Stunden lang die Konzentration hochzuhalten.“

Vettel erwartet einen engen Dreikampf zwischen Ferrari, Mercedes und Red Bull. „Bei Red Bull ist ein klarer Aufwärtstrend zu sehen. Sie waren schon in Monza stärker als erwartet“, räumt der WM-Zweite ein. Er sieht den 14. WM-Lauf des Jahres auch nicht als Schicksalsrennen, das er unbedingt gewinnen muss, um Hamilton wieder die WM-Führung abzujagen: „Wir können, aber wir müssen nicht gewinnen. Es gibt für uns noch viele Rennen, um Punkte gutzumachen. Es ist auch nicht wichtig, am Sonntag wieder in der WM in Führung zu gehen. Wichtig ist, dass ich nach Abu Dhabi oben stehe.“

Quelle: F.A.Z.
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