Großer Preis von Kanada

Der hochspannende Dreikampf in der Formel 1

Von Hermann Renner, Montreal
 - 15:45

Es ist tatsächlich so eingetreten, wie es Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor der Saison prophezeit hatte. Diese Weltmeisterschaft, die an diesem Sonntag beim Großen Preis von Kanada in Montreal (20 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL) in die nächste Runde geht, ist ein Dreikampf. Mercedes führt zwar die WM-Wertung vor Ferrari und Red Bull an, doch im Moment würde sich niemand trauen, auf ein bestimmtes Team zu wetten.

Nichts unterstreicht die Kurzlebigkeit von Prognosen besser als die Verteilung der Pokale. Alle drei Kandidaten haben je zweimal gewonnen. Jeder hat seinen „Heimsieg“ eingefahren, also auf der Rennstrecke dominiert, die das jeweilige Auto favorisiert. Mercedes in Barcelona, Ferrari in Bahrein, Red Bull in Monte Carlo. Die anderen drei Rennen gewann das Team mit den wenigsten Fehlern. Ferrari profitierte in Melbourne davon, dass Mercedes sich nicht ausreichend gegen eine Neutralisation im Rennen absicherte. Ein Eingabefehler im Strategieprogramm warf Lewis Hamilton hinter Sebastian Vettel. Der hatte mit seinem Reifenwechsel auf den perfekten Moment gewartet. Auf einer Strecke, auf der nicht überholt werden kann, war das auch mit dem schnelleren Auto nicht mehr zu korrigieren.

In Schanghai war Mercedes zu langsam und Ferrari zu sorglos. Ein zu später Boxenstopp warf Vettel hinter Valtteri Bottas. Von der Spitze weg hätte der Ferrari gegen den Schlussangriff der Red-Bull-Piloten ganz anders reagieren können. Doch Vettel war hinter Bottas eingeklemmt und konnte sich gegen den Red-Bull-Express nicht wehren, der eine Safety-Car-Phase zum Reifenwechsel genutzt hatte. In Baku taktierte Ferrari wieder falsch, stoppte Vettel zu früh und verlor dann die Führung an Mercedes, als die Red Bull-Piloten mit ihrer Kollision das Safety-Car auf die Strecke brachten.

Die Gefahr von Fehlern

Die Vorlieben der drei Autos sind so exponiert, dass sie sich beim Rennen selten nahe kommen, es sei denn, einer verkalkuliert sich mit dem Timing des Boxenstopps, wählt die falschen Reifen oder hat ein technisches Problem. Der Red Bull RB14 mag enge Kurven und langsame Strecken. Da zehrt er von seiner guten Traktion und Bremsstabilität. Da kann er seinen Abtrieb ausspielen, und es stört auch nicht, dass der mit mehr Widerstand erkauft wird als bei den anderen. Der Red Bull streichelt seine Reifen, was im Rennen eine Trumpfkarte sein kann. Doch er bringt sie nicht immer schnell genug in ihr Arbeitsfenster, was in der Qualifikation ein Handicap ist. Meistens ist nur die dritte Startreihe für Max Verstappen und Daniel Ricciardo reserviert. Sie müssen Positionen gutmachen. Das birgt die Gefahr von Fehlern.

Der Mercedes ist das komplette Gegenteil. Er erzielt maximalen Abtrieb auf Strecken wie Barcelona, Silverstone oder Suzuka. Flüssige Layouts mit mittelschnellen und schnellen Kurven und entsprechend Geraden dazwischen. Da das Auto im Gegensatz zum Red Bull von vorne nach hinten kaum angestellt ist, produziert es auch weniger Luftwiderstand. Auf diesen Streckentypen sind meistens die härteren Reifenmischungen im Angebot, was dem hilft, der seine Reifen gerne überhitzt. Also Mercedes. In engen Kurven wirkt „unser schneller Elefant“, wie Wolff sagt, dagegen etwas unbeholfen. „Zum Glück gibt es nur ein Monte Carlo im Kalender“, sagte Lewis Hamilton nach dem Rennen von Monaco.

Ferrari liegt in der goldenen Mitte zwischen Mercedes und Red Bull, und deshalb sitzt Vettel nach Meinung von Hamilton auch im ausgewogensten Auto im Feld. „Der Ferrari fährt überall stark. Seb ist immer noch unser Hauptgegner.“ Der Weltmeister warnt aber auch: „Wenn Renault in Kanada seine Motor-Ausbaustufe bringt, könnte das Red Bull helfen.“ Renault erwartet, dass sich mit der zweiten Spezifikation des RE18-Motors der Abstand zu Mercedes und Ferrari deutlich verringert. Red Bull ist noch skeptisch. Teamchef Christian Horner wirft ein: „Auch Mercedes und Ferrari kommen mit Neuentwicklungen nach Montreal.“ Für Motorsportdirektor Helmut Marko ist das PS-Defizit immer noch das größte Handicap, das Red Bull mit sich herumschleppt. Das wird von der Konkurrenz bestritten: „Der Red Bull steht hinten so hoch in den Federn. Das wirkt wie ein Bremsfallschirm. Es ist nicht nur der Motor daran schuld, wenn sie auf den Geraden Zeit verlieren.“

Je enger der Wettbewerb, umso vergifteter das Klima. Und umso genauer schaut man dem Gegner aufs Auto. Ferrari ist in der Batterie-Affäre mit einem Streifschuss davongekommen. Mercedes hatte den Verdacht, Ferrari hole durch eine spezielle Anordnung der Batterien und eine trickreiche Schaltung mehr Leistung aus dem Energiespeicher als erlaubt. Das soll in Qualifikationsrunden drei Zehntel extra gebracht haben. Die FIA-Kommissare konnten zwar für die Vergangenheit nicht alle Zweifel ausschließen, waren aber mit der von Ferrari verlangten Modifikation im Energiemanagement zufrieden. In summa aller Eigenschaften sind sich die drei Autos praktisch ebenbürtig. Da die Regeln schon ziemlich ausgereizt sind, ist es eher unwahrscheinlich, dass einem der drei Teams der Griff in die Trickkiste der Aerodynamik gelingt. Beim Motor gelten Schritte von 10 PS bereits als gewaltig.

„Auf dem Niveau, auf dem sich die drei Topteams bewegen, sind Fortschritte von einem Zehntel schon viel“, sagt Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin. Die ersten sechs Rennen haben angedeutet, wie diese Weltmeisterschaft wahrscheinlich entschieden wird. Man muss seine Chancen nutzen und Fehler vermeiden. Am Ende können ein Motorschaden, eine Startplatzstrafe, ein schlechter Boxenstopp, eine falsche Entscheidung am Kommandostand, ein Unfall den Ausschlag geben. Es ist kein Zufall, dass sich die drei Siege auf nur drei Fahrer verteilen. Ebenjene mit den geringsten Leistungsschwankungen und der kleinsten Fehlerrate. Hamilton und Vettel haben noch eine weiße Weste. Ricciardo standen ein Mal die Technik und ein Mal sein Teamkollege im Weg.

Quelle: F.A.Z.
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