Formel-1-Kommentar

Ferrari muss die Nerven behalten

Von Anno Hecker
 - 11:10

So kennt man Sebastian Vettel. Erst wenn alle Räder vom Boliden geschlagen sind, bietet er selbstbewusst ein Remis an. Er ist gerne der Letzte, der die Aussichtslosigkeit seiner Lage akzeptiert. Damit fuhr er bislang ganz gut, 2010 zum Beispiel zu seinem ersten WM-Titel, den niemand am Morgen des letzten Rennens der Saison in Abu Dhabi für wahrscheinlich gehalten hatte.

Vier Rennen vor dem Ende der Saison trotz nun 59 Punkten Rückstand hinter Lewis Hamilton in aller Öffentlichkeit noch von einer ordentlichen Chance zu sprechen ist in Vettels Welt also eher Standard. Und seiner Erfahrung geschuldet: Nichts, was am Morgen Bestand hat in der Formel 1, muss am Nachmittag noch gültig sein. Diese bittere Lektion haben beide WM-Kandidaten schon längst gelernt. Deshalb ist auch Hamiltons Vorsicht, die höfliche Ablehnung voreiliger Gratulanten, nicht nur klug, sondern weise.

Der Brite weiß bei aller Selbständigkeit zu gut, wie abhängig der Pilot im Cockpit, wie widersprüchlich das Offensichtliche der Formel 1 ist: hier der Starkult, die Konzentration auf einen Einzelnen im Rampenlicht, dort das Team im Halbdunkeln. Die Fahrer mögen (fast) alles einstreichen, Ruhm, Ehre, Anerkennung, Millionengehälter. Ohne die Arbeit von tausend Menschen im Hintergrund kämen sie keinen Zentimeter vom Fleck. Deshalb sind die mühsamen Danksagungen oder gar pathetischen Liebeserklärungen von Chefpiloten an ihre Rennställe, selbst wenn sie nicht so gemeint sein sollten, im Kern wahr: Die Formel 1 ist ein Mannschaftssport, in dem noch der Unscheinbarste Einfluss auf Sieg oder Niederlage haben kann. Diesmal war es vielleicht ein Zündkerzenkontrolleur.

Wer also Vettels Pech groß schreibt, reduziert im gleichen Moment die Leistung von Hamilton und Mercedes. Nur wenn alle Details einer so fragilen Konstruktion ineinanderpassen, ist es möglich, über inzwischen 16 von 20 Rennen so eine konstant außergewöhnlich starke Vorstellung zu bieten, ohne – von außen erkennbare – folgenschwere Fehler. Dazu ist es nicht über Nacht gekommen. Mercedes hat sich unter Leitung von Toto Wolff und Niki Lauda Schritt für Schritt an diese Form herangearbeitet und selbst nach den Regeländerungen sowie unter dem großen Druck von Ferrari nicht aus der Façon bringen lassen. Um dorthin zu kommen, braucht ein Rennstall Ruhe statt Aufregung, überzeugende Führung statt der Wucht einer eisernen Faust.

Ferrari ist im Vergleich zum vergangenen Jahr ein enormer Sprung gelungen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, zu glauben, dass die sich abzeichnenden Niederlagen in der Konstrukteurs- und in der Fahrerwertung bleibende Schäden hinterlassen bei Team und Fahrer. Im Gegenteil. Niederlagen sind der Treibstoff für die Beschleunigung, solange alle Beteiligten in den schwierigsten Phasen die Nerven behalten. Dem schon mal impulsiven Vettel ist das am Sonntag in einem schwierigen Moment gelungen. Weltmeister kann der Rennstall (eines Tages) nur wieder werden, wenn alle, die etwas zu sagen haben, so reagieren.

Quelle: F.A.Z.
Arno Hecker
Anno Hecker
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