Hubschrauber, Partys, Mode

Hamilton ist mehr als nur ein Rennfahrer

Von Christoph Becker, Mexiko-Stadt
 - 17:32
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Mexiko-Stadt, am Donnerstag. Lewis Hamilton spielt mit zwei Löwenjungen. Oder, genauer: Instagram, am Donnerstag. Lewis Hamilton postet ein Video, auf dem seine Mutter und er in einem größeren Zimmer zu sehen sind, in dem sie mit drei Löwenjungen spielen. Wieso, warum? Unklar. Und: Unerheblich. Die Press Association, Londoner Nachrichtenagentur seit 1868, sieht Nachrichtenwert, sendet eine Nachricht. Sechs Absätze, 173 Worte, 972 Zeichen, Leerzeichen mitgezählt. Schlagzeile: „Lewis Hamilton spielt mit Löwenjungen in Mexiko.“

66 Punkte Vorsprung hat Lewis Hamilton vor den letzten drei Rennen der laufenden Formel-1-Saison vor Sebastian Vettel. Es scheint unmöglich, dass Hamilton nicht Weltmeister wird, höchstwahrscheinlich wird er den Fahrertitel an diesem Sonntag auf dem Autodromo Hermanos Rodriguez gewinnen. Der fünfte Platz würde ihm genügen.

Es wäre sein vierter WM-Titel, der dritte in vier Jahren, der dritte mit Mercedes. Natürlich sagt Hamilton in Mexiko-Stadt, dass er auf Sieg fahren werde. Es wäre sein zehnter in diesem Jahr. Zehn waren es 2016 und 2015, elf 2014. 62 Formel-1-Rennen hat Lewis Hamilton gewonnen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Leute sagen, dass er auf dem Weg zum besten Fahrer ist, der je existierte“, sagte sein Teamchef Toto Wolff am vergangenen Wochenende nach Hamiltons Sieg in Austin, Texas.

Fashion, Ernährung, Star-Freunde

Hamilton, der GOAT? Der Greatest of All Time, der beste aller Zeiten? In diesem Jahr hat er Michael Schumacher als Mann mit den meisten Pole Positions abgelöst, 30 Rennsiege ist der Deutsche ihm noch voraus. Und vier Weltmeisterschaften, alsbald wohl nur noch drei. Er hat die Rekorde im Blick und im Kopf, sicher. Und will doch weiter.

Wenn Lewis Hamilton mit Löwenjungen spielt, springt die Nachrichtenagentur darauf an. Wenn Lewis Hamilton, wie am Anfang dieser Woche in Los Angeles, zur Geburtstagsparty des Rappers Drake auftaucht und zwei Hemden trägt, eines am Oberkörper, eines um die Hüfte gebunden, berichten Moderedakteure.

„Bizarrer Fashionflop“, findet die „Daily Mail“. Als Hamilton vor einigen Wochen entschied, sich fortan vegan zu ernähren, bekamen Ernährungswissenschaftler in etlichen Ländern der Welt Anrufe und E-Mails von Journalisten, auch von der F.A.S. Und Hamilton erzählt, wie viele Hühner und Kühe durch seine Entscheidung weiterleben dürfen.

Hamilton bricht mit Vorurteilen über Rennfahrer

„Wenn du Rennfahrer bist“, hatte Hamilton in Austin gesagt, „wirst du in eine Kiste gesteckt und es heißt, du machst nichts außer Rennfahrer sein, und ich bin viel mehr als ein Rennfahrer.“ Daran arbeitet er. Hamilton setzt eine der wichtigsten Spielregeln des Fahrerlagers außer Kraft. Bisher galt: Der Fahrer fährt. Wenn er nicht fährt, dann trainiert er fürs Fahren. Und wenn dann noch Zeit ist, gibt es einen Sponsorentermin.

„Ich hatte mir immer Sorgen gemacht“, sagte Ross Brawn in dieser Woche in einem Interview mit „Auto, Motor und Sport“, „dass seine Lebensweise Einfluss auf sein Fahren nimmt.“ Brawn war Teamchef bei Mercedes, als Hamilton 2013 ins Team kam und in Mogyorod den Großen Preis von Ungarn gewann, als erster Werksfahrer, der für Mercedes bei einem Formel-1-Rennen siegte seit Stirling Moss. Brawn war Schumachers Technischer Direktor bei Ferrari. Um Schumachers Lebensweise und mögliche Auswirkungen auf seine Rennfahrerei musste er sich nie sorgen.

Dass sich ein Lebensstil, wie ihn Hamilton pflegt, positiv auswirken könnte, ist für Brawn offenkundig undenkbar, auch heute noch. Aber jetzt sagt er: „Falls sich die Lebensweise auswirkt, meine Güte, dann helfe einer den anderen ...“ Auch Brawn hat erkannt, dass Hamilton sein Stil passt. „Er hat sich das gut eingerichtet.“

Hamilton, inzwischen 32 Jahre alt, „scheißalt“, wie er sagt, war 2007 in die Formel 1 gekommen, mit dem Ruf des Wunderkinds. Zehn Jahre später arbeitet er daran, die Grenzen der Serie, der Garagen, des Fahrerlagers zu verlassen. Hamilton, der Star. Nicht: Hamilton, der Formel-1-Star. David Beckham ist das gelungen. Maria Scharapowa verkauft mit ihrem Namen Premium-Gummibärchen. Bei vielen anderen bleibt es beim Suffix. Michael Phelps, auch ein „Größter aller Zeiten“, ist Michael Phelps, der Schwimmer.

Rennen fahren, das sei sein Job, sagt Hamilton, alles andere seien Ergänzungen. Er achte darauf, dass dem Beruf nichts in die Quere komme. Und doch nutzt er jede Gelegenheit, in Andeutungen von den Meetings zu sprechen, die zum Beispiel den Anfang der Woche vor dem Rennen in Mexiko geprägt haben. Es kursieren Berichte, Hamilton sei eine Zusammenarbeit von der Modemarke Tommy Hilfiger angeboten worden. Im September war er gemeinsam mit Fußballspieler Neymar bei der Hilfiger-Show auf der London Fashion Week. Das Leben voll ausleben, so viel tun wie möglich, darum gehe es ihm, sagt Hamilton in Mexiko.

Er war immer schon der andere Formel-1-Fahrer. Hamilton war der erste Weltmeister mit afrokaribischen Wurzeln. Trug auffallenden Schmuck, ließ sich Tattoos stechen, sammelte Instagram-Follower, 5,1 Millionen sind es inzwischen. Vor drei, vier Jahren aber war es noch schwierig, darin mehr als eine Masche zu sehen. Hamilton hielt seine Emotionen nicht zurück, ließ Beobachter deutlich sehen, wie er litt an der Trennung von seiner langjährigen Freundin, der Sängerin Nicole Scherzinger.

„Still I rise“

Doch die Persönlichkeit hinter den Ketten und Tattoos und den traurigen Blicken und Seufzern hatte sich noch nicht voll entfaltet. Die Entwicklung ist heute unverkennbar. Der „Sun“ sagte er vergangene Woche: „Ich trage dasselbe Herz in mir wie zu meiner Geburt. Aber mit dem Alter lernst du, dich besser auszudrücken oder dich besser zu steuern.“

„Still I rise“, daran wachse ich, hatte er sich 2013 über die Schulterblätter tätowieren lassen. Es ist der Titel eines Albums des erschossenen Rappers Tupac Shakur und eines Gedichtbands der amerikanischen Schriftstellerin und Bürgerrechtsikone Maya Angelou. Ein an Erfolg wie Einkommen (131 Millionen Pfund, laut „Rich List“ der Sunday Times) reicher Sportler tut sich nicht unbedingt einen Gefallen, wenn er seine Persönlichkeit mit derartiger Bedeutung auflädt.

Es sei denn, er wird der Bedeutung gerecht. Hamilton versucht es. Als Unicef-Botschafter war er im Sommer auf Kuba, anschließend äußerte er sich kritisch über die amerikanische Embargopolitik. Zunehmend spricht er inzwischen über politische Themen, über den Klimawandel, über den Rassismus, den er als Kind erfahren hat, in der weißen Motorsportwelt und abseits der Pisten, kritisiert Donald Trump („the big, big cheese“), schwärmt von der Protestbewegung des amerikanischen Quarterbacks Colin Kaepernick, erzählt, wie er spüre, dass sich die negative Energie auf dem Planeten vermehre.

Nicht immer passt alles zusammen, nicht immer ist alles richtig, manches sogar frappierend widersinnig. Drei Wochen, nachdem er in einem Interview der „Times“ sagte, er habe noch nie gewählt, weil er nicht glaube, dass seine Stimme einen Unterschied mache, schwärmt er gegenüber der „Süddeutschen“, wie ihn Angela Merkel inspiriert habe. Aber: Hamilton behauptet nicht, jedes Thema durchdrungen zu haben, zu dem er sich äußert. Dass er es überhaupt tut, macht ihn in der Welt der Downforce-Analysten und Boxenstrategie-Rechner zum Solitär.

Seitdem Sebastian Vettel am 30. Juli den Großen Preis von Ungarn gewonnen hat, heißt der Sieger sämtlicher Formel-1-Rennen – mit Ausnahme des Rennens in Malaysia, wo ihn Verstappen schlug – Lewis Hamilton.

Brawn, Wolff, Niki Lauda, alle haben in den vergangenen Tagen davon gesprochen, dass sie Hamilton nie stärker erlebt haben auf der Rennstrecke. Hamilton selbst sagt in Mexiko, dass er nie stärker gefahren sei als in der zweiten Hälfte der Saison 2017. Dabei war die Situation noch im vergangenen Jahr „unangenehm“, wie Hamilton sagt.

Der Blick in die Zukunft

Im vergangenen Winter, nachdem er den erbitterten Zweikampf gegen Nico Rosberg verloren hatte, saß er in der Küche von Teamchef Wolff. „Entscheidend“ sei dieses Treffen gewesen, hatte Hamilton vergangene Woche in Austin gesagt. Sie sprachen über die negative Energie, die sich im Team aufgebaut hatte. „Es wurde gesagt, was gesagt werden musste. Wir haben eine neue, stärkere Beziehung aufgebaut.“ Alle Fragen, aller Frust sei damals verflogen, sagte auch Wolff in Texas.

Hamilton habe sich in den Urlaub verabschiedet und sei mit einer großartigen Einstellung zurückgekehrt. Seither schwärmen Wolff, Hamilton und der neue Teamkollege Valtteri Bottas vom Zusammenhalt im Team.

Noch hat Hamilton seinen Vertrag, den er zuletzt 2015 erneuert hatte, nicht verlängert. Nach der kommenden Saison läuft er aus. „Ein paar Jahre“ wolle er noch fahren, sagt Hamilton in Mexiko. „Ich werde schon merken, wenn es so weit ist.“ Seine Verhandlungsposition scheint unangreifbar. Wolff wird daran häufiger erinnert. „Ich bin sehr stolz und zufrieden, dass ich, als wir damals meinen neuen Vertrag verhandelt haben, gesagt habe: Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir gegen Ferrari fahren. Dann werdet ihr mich brauchen. Und jetzt kann ich nach den Rennen gegen Sebastian immer sagen: Ich habe es euch gesagt.“

Quelle: F.A.S.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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