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Formel 1 in Singapur

K.o. in der ersten Runde für Ferrari

Von Anno Hecker
 - 17:44
Die Ferrari kollidierten schon in der ersten Runde in Singapur. Bild: AP, FAZ.NET

Sebastian Vettel drehte und wendete den Kopf. Von rechts nach links und wieder zurück. Der Blick in die Kamera fiel ihm schwer am Sonntagnachmittag kurz nach zwei. Eigentlich hatte er zu diesem Zeitpunkt im Rennwagen sitzen und nicht Interviews geben wollen. Während das Dröhnen der Motoren beim Großen Preis von Singapur seine Worte unterlegte, stand der Hesse im Abseits, im Fahrerlager, nach nicht einmal zwei Runden, um Erklärungen ringend, statt um den Sieg fahrend: Kurz nach dem Start war er in eine Kollision mit seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen und dem Niederländer Max Verstappen (Red Bull) verwickelt worden.

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Die beiden schieden sofort aus, Vettels Ferrari wurde beschädigt: „Dumm gelaufen“, sagte Vettel bei seiner wortkargen Vorstellung. Nur an seinem schmalen Lippen und dem düsteren Blick ließ sich ablesen, wie weh es tun musste, den schärfsten Rivalen Lewis Hamilton im Kampf um den WM-Titel davon fahren zu sehen, ohne eingreifen zu können. Der Engländer führt nach seinem Sieg im Silberpfeil vor Daniel Ricciardo (Red Bull) und Valtteri Bottas im zweiten Mercedes im Stadtstaat mit nun 28 Punkten vor Vettel. „Noch ist es nicht vorbei“, sagte der Deutsche verdrießlich: „Es gibt noch genügend Rennen.“

Sechs Grand Prix stehen noch aus. Aber auf keiner Rennstrecke lag der Sieg für Vettel so nahe wie in Singapur. Auf den engen, winkeligen Kursen ist die Effizienz des Ferraris größer als die des Mercedes. Das hatte sich im Qualifying angedeutet, in dem Vettel nicht gegen die Silberpfeile um die Pole Position fuhr, sondern gegen die Red-Bull-Crew, die plötzlich kaum zu schlagen scheint. Aber der Heppenheimer erhielt auf dem Weg zur erstbesten Startposition sogar Applaus von Red-Bull-Berater Helmut Marko für eine extrastarke Runde.

Und fühlte sich bestens präpariert, seine Mission in Singapur zu erfüllen, trotz der Bedrohung in seinem Nacken: Verstappen? Die Nähe, die der junge Mann aus den Niederlanden zum Ferrari-Star mitunter auf der Strecke sucht, hat schon mehrmals zu Karbonschrott und zu großem Unmut des Deutschen geführt. Doch diesmal verschonte der im Eifer des Gefechts impulsive Vettel das „Wunderkind“. Keine Verbalattacken, keine Fahrunfähigkeits-Atteste, lediglich ein lapidarer Hinweis: „Ich habe es ihm etwas eng gemacht, dann hat es schon gekracht.“

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Die Sicht von außen und von oben zeigt Verstappens Boliden nach dessen (besseren) Start eingezwängt von den beiden Ferraris. Links außen, etwas zurück, nahe an der Mauer Räikkönen, rechts außen und vorne Vettel. Als der Ferrari-Star Verstappen mit einem Zug nach links einbremsen will, wird der Red Bull wie in einer edlen Schrottpresse verkleinert. „Ich hatte zu keiner Seite Platz, es war wie in einem Sandwich“, sagte Verstappen, „bei dem Regen kann es sein, dass Vettel Kimi nicht gesehen hat.“ Vettel hielt sich trotz der Karambolage noch auf der ersten Position vor dem großen Nutznießer Hamilton, ehe er ein paar hundert Meter später rückwärts weiterfuhr, um den Frontflügel und einige andere Teile erleichtert: „Sorry Jungs“, rief Vettel den Boxencrew via Funk noch zu. „Ich habe mich gedreht.“ Ferrari und Vettel haben sich am Sonntag selbst geschlagen mit einem heftigen Hieb auf die eigene Nase.

Das muss in Singapur besonders schmerzen. Weil Hamilton die maximale Punktausbeute auf einer Strecke einstreicht, auf der er eigentlich Schadensbegrenzung betreiben wollte nach Rang fünf im Qualifikationstraining. Zweiter – das war schon eine sehr optimistische Kalkulation. Aber Sieger – während Vettel mit leeren Händen weiterzieht zum Rennen in Malaysia in zwei Wochen? „Was soll ich sagen? Danke für den Glauben an mich“, rief Hamilton seinem Team zu: „Was für ein toller Tag!“

„Wir haben ein bisschen Glück gehabt“, ließ die Teamleitung von Mercedes schon kurz nach dem Start-Crash mitteilen. Und sie hatten das Glück des Tüchtigen. Hamilton war präsent, als die Konkurrenz Fehler machte. Und er, das zieht sich durch die Saison wie ein silberner Faden, leistet sich so gut wie keine Fehler, jedenfalls kaum sichtbare. Nur einen kleinen Hakler sah man im Rennen, obwohl die Sause nach einem starken Regenguss mit Regenreifen begonnen wurde und sich die Strecke ständig änderte. Hamilton hat die Begabung, sich rasend schnell anpassen zu können.

Er kontrollierte den Grand Prix, ließ sich selbst von zwei weiteren Safety-Car-Phase nach dem Crash nicht beirren. Bei jedem Neustart wähnte sich sein hartnäckiger Verfolger Ricciardo in Schlagdistanz und hatte doch nicht den Hauch einer Chance. Falls Hamilton seine Konzentration nicht verliert und der Mercedes hält, was er verspricht, dann wird Vettel auf das angewiesen sein, was ihm am Sonntag selbst aus dem Rennen nahm: auf Crashs. Bei dem komfortablen Vorsprung aber kann sich Hamilton nun langsam die Freiheit erlauben, vorsichtiger zu sein.

„Finsh first, first finish“, wer Erster werden will, sagen die Patrolheads gerne, muss erst einmal ins Ziel kommen. Nur zwölf der zwanzig Fahrer schafften es am Sonntag. Und kurioserweise waren darunter auch jene, denen man ein unfallfreies Kreisen unter schwierigen Bedingungen nicht ohne weiteres zutraut: Jolyon Palmer zu Beispiel wurde Sechster, gewann im Renault erstmals Punkte. Sein Teamkollege Nico Hülkenberg, bislang der einzige Punktesammler des Konzernteams, hatte dagegen aufgeben müssen. Obwohl er zwischenzeitlich auf Rang drei gelegen hatten. Aber ein verkorkster Boxenstopp nahm ihm alle Chancen, einen Rekord zu vermeiden: 131 Grand Prix ohne eine Plazierung auf dem Podium. Das hätte der Rheinländer gerne vermieden. Das Zeug dazu hat er, wie seine Vorstellung in jüngster Zeit und auch in Singapur belegt. Ihm fehlt nur, was Vettel hat, aber am Sonntag beim Start nicht ausreichend nutzte, um jeder Attacke zu entfliehen: ein schnelleres Auto.

Grand Prix von Singapur (58 Runden à 5,073 km/294,097 km)

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 2:03:23,544 Std.;
2. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull +4,507 Sek.;
3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes +8,800;
4. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso +22,822;
5. Sergio Perez (Mexiko) - Force India +25,359;
6. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault +27,259;
7. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren +30,388;
8. Lance Stroll (Kanada) - Williams +41,696;
9. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas +43,282;
10. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India +44,795;
11. Felipe Massa (Brasilien) - Williams +46,536;
12. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber + 2 Rd.

Ausfälle: Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull (1. Rd.); Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari (1. Rd.); Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari (1. Rd.); Fernando Alonso (Spanien) - McLaren (9. Rd.); Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso (11. Rd.); Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber (36. Rd.); Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault (49. Rd.); Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas (51. Rd.)

Pole Position: Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 1:39,491 Min.

Fahrer-Wertung, Stand nach 14 von 20 Wettbewerben:

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 263 Pkt.;
2. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 235;
3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 212;
4. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 162;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 138;
6. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 68;
7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 68;
8. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India 56;
9. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso 48;
10. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault 34;
11. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 31;
12. Lance Stroll (Kanada) - Williams 28;
13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 26;
14. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas 11;
15. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 10;
16. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault 8;
17. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren 7;
18. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber 5;
19. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 4

Konstrukteurs-Wertung, Stand nach 14 von 20 Wettbewerben:

1. Mercedes 475 Pkt.;
2. Ferrari 373;
3. Red Bull 230;
4. Force India 124;
5. Williams 59;
6. Toro Rosso 52;
7. Renault 42;
8. Haas 37;
9. McLaren 17;
10. Sauber 5

Quelle: FAZ.NET
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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