Formel 1

Einfach nur Vollgas bei Verstappen

Von Christoph Becker, Mexiko-Stadt
 - 13:11

Max Verstappen hat sich mit der Spielkonsole beschäftigt in den vergangenen Tagen. „Ich bin in Houston geblieben und habe Fifa gespielt“, antwortete der 20 Jahre alte Niederländer auf die Frage, wie er nach dem Eklat von Austin die Zeit verbracht habe. Dort, in Texas, war Verstappen am vergangenen Wochenende zunächst mit einer famosen Fahrt von Startplatz 16 aufgefallen. Und anschließend verbal aus der Rolle gefallen.

Im niederländischen Fernsehen hatte sich Verstappen so sehr über die Entscheidung der Rennkommissare echauffiert, dass er von „Mongoloiden“ in der Jury gesprochen hatte. Verstappen war in der letzten Runde am vor ihm fahrenden Kimi Räikkönen vorbeigesaust auf Rang Drei beim Großen Preis der Vereinigten Staaten, in dem er in Kurve 17 neben der Strecke fuhr. Was verboten ist.

Der Disput rund um die Bestrafung und Zurückstufung Verstappens entwickelte sich dann zu einer Diskussion über Wortwahl und Haltung des Fahrers, der von vielen als künftiger Weltmeister gesehen wird. In den Niederlanden wurde in den vergangenen Tagen erstmals in der kurzen, aufregenden Formel-1-Karriere Kritik am jungen Verstappen laut. Er nahm seine Wortwahl zurück.

„Die Bestrafung war nicht richtig“

Als Verstappen am Donnerstagvormittag in Mexiko-Stadt den Pressekonferenzraum betrat, wurde schnell deutlich, dass der Red-Bull-Pilot keine Lust mehr hatte, über seine Entgleisung zu sprechen. „Meine Gedanken sind immer noch ziemlich ähnlich“, sagte Verstappen: „Nach dem Rennen ist es immer emotional, besonders wenn du vom Podest geholt wirst, das du dir verdient hast. Die Bestrafung war nicht richtig. Die Fans haben es geliebt, es war ein super Überholmanöver. Die haben mir mein Podium weggenommen. Sie sagen, ich hätte einen unfairen Vorteil erlangt, das habe ich nicht, sonst hätte ich ja jede Runde die Kurve geschnitten. Da ist es doch ziemlich normal, dass ich sauer werde.“

Zwei Stunden nach Verstappens Auftritt lud der Internationale Automobil-Verband (Fia) zu einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz. Renndirektor Charlie Whiting versuchte zu erläutern, warum Verstappen in Austin bestraft worden war, im Gegensatz zu anderen Fahrern, die ebenfalls neben der Strecke unterwegs gewesen waren.

Eine inkonsequente Anwendung der Regeln war schließlich der Hauptvorwurf von Red-Bull-Teamchef Christian Horner, Motorsportdirektor Helmut Marko und anderen gewesen. Whitings Darlegungen lassen sich kurz zusammenfassen: „Es ging bei Max nicht darum, dass er sich einen zeitlichen Vorteil verschafft hat in einem Teilabschnitt. Er hat die Kurve geschnitten und dabei einen anderen Fahrer überholt.“ Diese Einschätzung wird durch die Kamerabilder der Szene bestätigt. Verstappen aber führt noch ein Hilfsargument an: Er sei so einem Auffahrunfall aus dem Weg gegangen.

Muss Verstappen mit einer Strafe für seine Wortwahl rechnen?

Die Erregung über die Bestrafung jedenfalls war unmittelbar nach dem Rennen immens. Verstappens Vater Jos, einst Teamkollege von Michael Schumacher bei Benetton, hatte sich unmittelbar danach bei Twitter ausgetobt und in seiner Aufregung offensichtlich wenig Wert auf orthographische Feinheiten gelegt, dafür aber das Akronym Fia als „Ferrari International Assistance“ interpretiert.

Ob Verstappen junior für seine Wortwahl gegenüber den Rennkommissaren eine Strafe zu erwarten habe, wollte Whiting nicht beantworten, aber: „Eine Entschuldigung hätte ich schon gut gefunden.“ Vergangenes Jahr in Mexiko, als sowohl Verstappen als auch Sebastian Vettel von den Kommissaren, unter ihnen der Australier Garry Connelly, bestraft worden waren, hatte Vettel an Whitings Adresse gefunkt: „Fuck off, Charlie.“ Vettel entschuldigte sich anschließend schriftlich bei Whiting – und bei Fia-Präsident Jean Todt, der daraufhin „ausnahmsweise“ auf ein Disziplinarverfahren vor dem Fia-Sportgericht verzichtete.

Von Verstappen war da noch kein Reue-Schriftstück bekannt. „Die Wortwahl war nicht korrekt. Aber meine Stimmung ist absolut dieselbe.“ Später erläuterte Verstappen seine Auffassung, niemanden beleidigt zu haben: „Ich habe keine Namen genannt. Hätte ich jemanden beleidigen wollen, hätte ich Namen genannt. Ich halte mich nicht zurück, ich bin geradeaus.“ Später schrieb er auf Instagram: „Ich möchte mich noch einmal für die Ausdrucksweise entschuldigen die ich nach dem US Grand Prix gebraucht habe. (…) Ich weiß, dass die Worte, die ich gebraucht habe, unangebracht waren und sie waren nicht an eine bestimmte Person gerichtet.“

Wer gemeint war, lässt sich zumindest einigermaßen zielsicher interpretieren. Verstappen ist der Ansicht, von Connelly verfolgt zu werden. „Es ist dieser eine Idioten-Steward da oben, der immer Entscheidungen gegen mich trifft“, hatte er in Austin gesagt. Tatsächlich hatten vier Kommissare über das Manöver befunden, das Ergebnis sei 4:0 ausgefallen, sagte Whiting am Donnerstag. Auch Jury-Mitglied Mika Salo, früherer Formel-1-Rennfahrer, bekam die Konsequenzen der Entscheidung zu spüren.

Er hatte in finnischen Medien davon berichtet, Morddrohungen erhalten zu haben, „hauptsächlich aus den Niederlanden“. Für das Rennen am Sonntag auf dem Autodromo Hermanos Rodríguez (20.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky), bei dem Verstappen hinter Sebastian Vettel als Zweiter startet, übernehmen der Passauer Amtsrichter Gerd Ennser, Felipe Giaffone, ein ehemalige Rennfahrer aus Brasilien, und der dänische Le-Mans-Rekordsieger Tom Kristensen das Standgericht der Formel 1. Verstappen beklagte sich in Mexiko darüber, dass in Austin niemand mit den Fahrern gesprochen habe. „Seit der ersten Kurve im ersten Training fährt jeder neben der Strecke, alles ist in Ordnung. Niemand sagt etwas, niemand erwähnt das.“

Der Mexikaner Sergio Pérez stimmte Verstappen zu. „Vorher wurde nichts erwähnt, es gab keine Richtlinien. Wir brauchen Richtlinien darüber, was erlaubt ist und was nicht.“ Whiting wollte den Vorwurf nicht stehenlassen. Er führte die Videoüberwachung und die Analyse der Sektorzeiten, mit der die Stewards feststellen, ob ein Fahrer durch das Abweichen von der Strecke einen Vorteil erlangte, im Pressekonferenzraum vor. „Die Teams wissen genau, was wir machen.“ Wenn das nicht an die Fahrer weitergegeben werde, sei es nicht der Fia vorzuwerfen.

Die Aufregung um das Überholmanöver kam unmittelbar, nachdem der Niederländer seinen Vertrag bei Red Bull verlängert hatte, bis einschließlich der Saison 2020. Mit der Vertragsverlängerung hat der jüngste Sieger eines Formel-1-Rennens signalisiert, dass es nun endgültig ernst wird mit dem Unternehmen Weltmeister Verstappen. „Ich glaube, kein Team hat sich in dieser Saison so stark verbessert wie wir“, sagte er in Mexiko-Stadt. Verstappens Wege werden sich regelmäßig mit der Konkurrenz von Mercedes und Ferrari kreuzen.

Wie am Freitag beim ersten freien Training, als Verstappen hinter den beiden Mercedes-Piloten Valtteri Bottas und Lewis Hamilton, aber noch vor seinem Teamkollegen Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel im Ferrari lag. Zurückstecken ist nicht Teil des Plans – der Aufregung geht Verstappen offenkundig nicht aus dem Weg. Das Rennen in Austin sei trotz allem großartig gewesen. „Ich bin immer noch ein fröhlicher Mensch, weil der Speed gut war.“ Und bei schlechter Laune hilft die Spielkonsole. So einfach ist das für Verstappen.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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