500 Meilen von Indianapolis

Alonso sucht neuen Ruhm abseits der Formel 1

Von Michael Wittershagen, Barcelona
 - 10:16

An diesem Sonntagabend um 19.00 Uhr, nur fünf Stunden nach dem Start zum Großen Preis von Spanien in Barcelona (14.00 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET), will Fernando Alonso wieder in die Luft gehen. Ein Privatflieger wird auf ihn warten, um ihn so schnell und komfortabel wie möglich nach Indianapolis zu bringen. Denn nicht einmal 24 Stunden später steigt dort auf dem Speedway das erste Training für die 500 Meilen von Indianapolis – mit Alonso am Steuer. Es ist ein Grenzgang, den der Spanier probt. Einer, mit dem er die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schon am Donnerstag wollte Lewis Hamilton (Mercedes) unbedingt wissen, wie sich so ein Indycar anfühle. Alonso erzählte, gestikulierte und lachte. So gelöst haben ihn seine Rivalen lange nicht mehr erlebt.

Im Mai 2013, bei seinem Heimrennen in Barcelona, stand Alonso in der Formel 1 zum bis dato letzten Mal ganz oben auf dem Podium. Eineinhalb Jahre später, nach einer Reihe von Misserfolgen, Enttäuschungen und Zerwürfnissen, endete seine Liaison mit Ferrari. Alonso wechselte zu McLaren, um dort mit dem Motorenpartner Honda die erfolgreichen Jahre wiederzubeleben. Beim Großen Preis von Barcelona wird er von Rang sieben starten. Glanz aber versprüht dieses Projekt nur in der Theorie, die Realität ist geprägt von Niederlagen. Vierzig Mal ging Alonso bisher an den Start, dreizehn Mal hat er nicht die Zielflagge gesehen, nur elf Mal kam er unter die besten zehn. In dieser Saison hat er keines der bisherigen vier Rennen beendet, vor zwei Wochen in Russland blieb er aufgrund eines technischen Defekts auf dem Weg in die Startaufstellung stehen. Die Antriebseinheit hat nicht nur zu wenig Power, sie ist auch unzuverlässig. Im Training vor dem Rennen in Spanien blieb er mit Motorproblemen schon nach kurzer Zeit stehen. und so droht einer der großen Stars der Szene im Mittelmaß zu verschwinden.

Am Samstag aber zeigte Alonso noch einmal, was in ihm steckt. Als Siebter qualifizierte er sich für das Rennen – ist damit der beste Mann all jener, die nicht in einem Mercedes, Red Bull oder Ferrari sitzen. „Das fühlt sich an, wie ein großes Geschenk“, sagt er danach: „Damit haben wir wirklich nicht gerechnet.“ Der Circuit de Catalunya meint es mit seinen vielen Kurven gut mit dem McLaren. Denn trotz der langen Start- und Zielgerade ist es im aktuellen Grand-Prix-Kalender eine Strecke, bei der eine gute Aerodynamik gefragt ist. Nur auf vier anderen Kursen kommt es noch weniger auf die pure Motorleistung an. Zudem ist Alonso eine Wahnsinnsrunde gelungen. Zum Vergleich: Sein Teamkollege Stoffel Vandoorne qualifizierte sich als 19. und damit Vorletzter.

Alonso bleibt die Königsfigur in den Plänen von McLaren, das weiß auch Zak Brown, der neue starke Mann im Rennstall. Es geht darum, Alonso bei Laune zu halten, ihn nicht zu verlieren. Auch in Barcelona drohte Alonso: „Wenn wir im September ein Auto haben, mit dem ich gewinnen kann, dann bleibe ich sehr gern hier. Wenn nicht, spreche ich gern mit anderen Teams.“ Valtteri Bottas verlässt Mercedes womöglich schon nach einem Jahr wieder, bei Ferrari enden die Verträge von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen. Alonso ist 35 Jahre alt, er hat vielleicht nur noch eine Chance in der Formel 1.

Das weiß auch McLaren-Boss Brown, der Alonso mit seiner Indy-Idee ans Team binden will – vor allem emotional. In der vergangenen Woche drehte Alonso erste Testrunden auf dem Speedway in Indianapolis. Die Durchschnittsgeschwindigkeit bei seinen schnellsten Umläufen: rund 353 Kilometer in der Stunde. „Er war perfekt“, sagte Teamchef Michael Andretti danach. „Er ist einer der Besten der Welt. Und jetzt hat er gezeigt, warum.“ Auch Brown war zufrieden und sagte: „Er ist wie ein kleines Kind – ihr solltet die SMS sehen, die er mir schreibt. Ich habe ihn nie so glücklich gesehen.“ Und weiter: „Ich erwarte, dass er um den Sieg fahren kann.“

Das Auto ist eines der besten im Feld, das Team eines der erfahrensten. Zwei der letzten drei Sieger beim Indy 500 fuhren für Andretti. Diese Aussicht ist es, die Alonso antreibt. Deshalb verzichtet er für seinen Start in Indianapolis sogar auf den Glamour-Grand-Prix in Monaco, wo ihn Jenson Button ersetzen wird. Alonso hat Größeres vor, er will Geschichte schreiben. Bisher konnten nur fünf Formel-1-Weltmeister die Indy 500 gewinnen: Jim Clark, Graham Hill, Emerson Fittipaldi, Mario Andretti und Jacques Villeneuve. Das Triple, zu dem noch die 24 Stunden von Le Mans zählen, gelang lediglich Hill. Genau das hat auch Alonso vor, daraus hat er zuletzt kein Geheimnis mehr gemacht. Vor einem Jahr sagte der zweimalige Weltmeister im Interview mit dieser Zeitung: „Wenn du aus der Formel 1 kommst, dann gibt es nur zwei Rennen, die ein vergleichbares Prestige haben. Das eine sind die 24 Stunden von Le Mans, das andere sind die 500 Meilen von Indianapolis.“

Er geht ein Wagnis ein. Die Rennen auf den Highspeed-Ovalen sind eine eigene Disziplin. Zwar sind die körperlichen Belastungen weit geringer als in der Formel 1, dafür kommt es auf etwas an, für das Typen wie Alonso nicht unbedingt bekannt sind: Geduld. Nur wer auf seine Chance wartet, wer mit kühlem Kopf durch die Rennunterbrechungen kommt, hat am Ende eine Chance auf den Sieg. Die anderen landen in der Mauer oder verstricken sich in Zweikämpfe, anstatt den richtigen Vordermann zu finden, um sich in dessen Windschatten nach vorn ziehen zu lassen. Sieben Trainingstage bleiben Alonso noch, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Am kommenden Wochenende beginnt die Qualifikation, für das Rennen am 28. Mai werden mehr als 200.000 Zuschauer erwartet. „Es werden zwei aufregende Wochen“, sagt Alonso. Der Rennwagen wird danach in sein Museum nach Oviedo gebracht. Das hat sich Alonso im Vertrag zusichern lassen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Wittershagen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Wittershagen
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFernando AlonsoLewis HamiltonIndianapolisSpanien-ReisenSpanienFerrariFormel 1Mclaren Group LimitedRTL