Interview mit Toto Wolff

„Wir lassen Lewis sein Leben führen“

Von Christoph Becker
 - 18:30

Herr Wolff, nicht nur Sie und Niki Lauda haben festgestellt, dass Lewis Hamilton sich noch einmal immens gesteigert hat. Woher kommt dieser Schub?

Das Beeindruckende ist, dass er sich im Auto und außerhalb immer weiter entwickelt. Er analysiert sehr kritisch für sich selbst, wo er sich verbessern kann. Deswegen sieht man bei manchen Supersportlern eine beeindruckende Lernkurve. Und er hat gelernt, mit dem kapriziösen Auto besser umzugehen, die Reifen besser zu verstehen. Der dritte Faktor ist die positive Dynamik im Team.

Sie haben sich mit Lewis Hamilton im vergangenen Dezember zur Aussprache getroffen, auf wessen Initiative kam das zustande?

Durch uns beide. Wir hatten die Weihnachtsfeier am Vortag, er war nicht gut drauf. Da haben wir gesagt: Setzen wir uns zusammen. Es ist wie eine Ehe. Es hat nie einer hundertprozentig Recht und der andere liegt voll daneben. Wenn man es bespricht, kann man den Standpunkt des anderen besser verstehen. Nicht jeder Streit führt zu einer Scheidung, sondern klärt die Luft. Da haben wir gesagt: Wir machen es gleich morgen.

Worum ging es?

Er hatte den Eindruck, dass das Team am Ende Nico (Rosberg, den Teamkollegen und Weltmeister 2016, der nach der Saison zurücktrat; d. Red.) unterstützt. Dass ihn der Motorschaden in Malaysia die Meisterschaft gekostet hätte und generell die gesunde Rivalität mit Nico in eine Kontroverse und dann zur Animosität ausgeartet sei. Das hängt dann wie eine dunkle Wolke über uns, weil wir jeden Tag miteinander verbringen. Das haben wir alles geklärt. Man hat gesehen, dass es ihn richtig erleichtert hat am Ende.

Wie lange hat das Gespräch gedauert?

Drei Stunden. Wir haben nichts gegessen, nur einen Tee getrunken, wie man das in England so macht. Es war so, wie man sich in einer Beziehung ausspricht, danach ist alles leichter. Es war wichtig, dass wir diesen Rucksack nicht mit in die Ferien nehmen.

Ein abgelegter Rucksack und schon steigert sich die Leistung so augenfällig?

Das ist die Konsequenz aus der besseren Stimmung im Team, aus dem Vertrauen in das Team und die Menschen, das er gewonnen hat. Und er hatte ein Auto, das schnell, aber schwer zu fahren ist. Das macht ihm als Herausforderung Spaß.

Formel 1
Hamilton rast wieder zum Titel
© dpa, reuters

Hamilton hat alle Rennen seit Anfang September – mit Ausnahme des Grand Prix von Malaysia – gewonnen. Woher kam dieser zweite Schub nach dem Sommer?

Ein Ereignis, das viele nicht wichtig genommen haben, war der Tausch mit Valtteri (Teamkollege Bottas; d. Red.) in Budapest. Lewis hat gesagt: Lasst mich versuchen, Räikkönen zu überholen. Wenn ich es nicht schaffe, gebe ich Valtteri den Platz zurück. Genau das haben wir Valtteri gesagt. Er überholt, du kriegst deinen Platz wieder, wenn es nicht gelingt. Wir haben uns daran gehalten. Das war der Moment, in dem uns klar geworden ist: Wir stehen zu unseren Worten und sind bereit, die Konsequenz zu akzeptieren. Die eigenen Werte kann man leicht vergessen, wenn es Spitz auf Knopf geht. Aber wir haben sie nicht vergessen. Es war der Beweis, dass wir in der Praxis dazustehen. Dieser Spirit in dem Team hat uns diese Meisterschaft gewinnen lassen – und wird uns noch andere Meisterschaften gewinnen lassen.

Nach drei Weltmeisterschaften in vier Jahren wird Lewis Hamilton nun mit Mercedes identifiziert wie einst Senna mit McLaren oder Schumacher mit Ferrari. Schafft das auch neue Probleme?

Nein. In zwanzig Jahren spricht man über die Mercedes-Zeit und wird das mit Hamilton in Verbindung bringen, wie es in den Fünfzigern mit Fangio oder Stirling Moss war oder eben Michael Schumacher und Ferrari. Das ist in Ordnung, da zahlen beide Marken auf sich ein.

Hamilton sagt von sich: Ich bin nicht der Typ, der fünf Stunden konzentriert in einem Meeting sitzen kann. Ich mache das anders. Wie macht er das?

Er ist bei den Debriefings enorm konzentriert. Da sucht er alles, da schmeißt er alles hinein. Aber dann ist ihm wichtig, dass er sich herausnehmen kann und in sein anderes Leben gehen kann. Familie, Musik, Mode vor allem. In dieser Zeit resettet er sich.

Waren diese Freiheiten schwierig zu akzeptieren für Sie, für Mercedes?

Bei McLaren hat man gesehen, wie man es nicht machen muss. Am Anfang war es für das Team sicher schwierig zu akzeptieren. Das war eine ewige Diskussion mit dem Niki. Er hat gesagt: Das kann nicht sein, dass Lewis vor zwei Tagen noch in L.A. war. Meine Meinung war: Wenn er am Wochenende performt, kann er sein, wo er will. Nur weil du so funktionierst, heißt das nicht, dass er so funktioniert. Jeder Mensch ist anders. Für mich war es ein Meilenstein, als wir mit dem „Head of Performance“ der Saracens gesprochen haben.

Wer sind die Saracens?

Eine Rugbymannschaft in England. Das war 2014. Der Coach hat gesagt: Im Team gibt es die kreativen Spieler. Die kommen zu spät, parken auf dem falschen Parkplatz, haben ein chaotisches Familienleben und ernähren sich nicht, wie sie sollen. Dann gibt es die, die kommen in der Frühe zehn Minuten vorher, haben ein stabiles Familienleben und ordnen dem Sport alles unter. Die ärgern sich maßlos über die anderen, die sich nicht an Strukturen halten. Aber beide Gruppen haben verstanden, dass sie einander brauchen. Weil die Kreativen diejenigen sind, die die Punkte holen, die Trys schaffen. Mir war es wichtig zu erkennen: Was müssen wir tun, um Lewis optimale Rahmenbedingungen zu geben, damit er Leistung bringt. Da geht es nicht darum, dass ich mich mit meinem Ego durchsetze, wann er wo zu sein hat. Unser Deal ist: Er muss auf der Strecke Leistung abliefern, alle anderen Freiheiten kann ich ihm geben.

Als es 2015 um einen neuen Vertrag ging, will er gesagt haben: ,Ihr werdet mich brauchen, wenn wir gegen Ferrari fahren‘. Hat er die Freiheiten damals eingefordert?

Er musste das nicht einfordern, wir haben sie ihm zugestanden. Ich kann mich erinnern, ich habe Anrufe bekommen, 2013, 2014, aus unserer Marketingabteilung, weil Lewis mit einem Ferrari irgendwo abgebildet wurde, und alle sind durchgedreht. Das ist ganz in Ordnung.

Aber unüblich in Stuttgart.

Überall ist das unüblich. Aber dann muss man umdenken. Erstens ist Ferrari nicht irgendeine Marke. Und zweitens ist er für uns in allererster Linie der schnellste Rennfahrer, den wir in unserem Auto haben wollen. Dazu muss man Kompromisse eingehen. Und der Kompromiss ist: Wir lassen ihn sein Leben führen, damit er bestmöglich performt. Das Vertrauen, das ich in ihm gefunden habe, dass er weiß, was für ihn am besten ist. Er würde nie etwas tun, was ihm in der Performance schadet. Das musste ich auch erst lernen.

Wie lange wird Lewis Hamilton noch fahren für Mercedes?

Auf jeden Fall ein Jahr. Wenn die Saison vorbei ist, werden wir zusammensitzen und überlegen, welche Rahmenbedingungen wir schaffen können, damit es weitergeht.

Was ist für ihn als Rennfahrer noch möglich? Kann er Michael Schumachers Rekorde brechen – sieben Titel, 91 Grand-Prix-Siege?

Das ist nicht ausgeschlossen. Michael Schumacher ist der herausragendste Rennfahrer der Formel-1-Geschichte. Aber Lewis hat seinen Pole-Position-Rekord geschlagen, er braucht noch 30 Rennsiege und ein paar Meisterschaften. Aber er ist Anfang 30 und hat noch gute fünf, sechs Jahre in der Formel 1. Wenn er und das Team, für das er fährt, einen guten Job machen, ist es möglich, das zu erreichen. Die Benchmark ist der beste Rennfahrer aller Zeiten.

Fünf, sechs Jahre bei Mercedes?

Das hätten wir gerne. Das sollte das Ziel sein.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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