Ärger um Wechsel

Der Mann, der in der Formel 1 zu viel weiß

Von Hermann Renner, Suzuka
 - 15:26

Am Anfang war es nur eine unbedeutende Personalie im Mikrokosmos der Formel 1: Sechs Tage vor dem Großen Preis von Malaysia am vorvergangenen Wochenende meldete der Automobil-Weltverband (Fia), dass sein Technischer Direktor gekündigt hatte. Marcin Budkowski war nicht nur die rechte Hand von Rennleiter Charlie Whiting, über den Tisch des 40 Jahre alten Polen mit französischem Pass ging sämtliche Korrespondenz mit den Technikchefs der zehn Rennställe.

Budkowski kennt somit alle Daten der aktuellen Autos, und er weiß, was die Teams für die Saison 2018 planen. Schließlich muss jede Neuentwicklung von der Fia auf Regelkonformität überprüft und danach abgesegnet werden. Noch drei Wochen vor seinem Abgang war Budkowski im Windkanal von Red Bull, um sich das Modell des Jahrgangs 2018 anzuschauen. Eine Woche später stattete er Sauber einen Besuch ab. „Er weiß, wie unser neues Auto aussehen wird, er kennt die Designphilosophie, die dahintersteckt“, erzählt Sauber-Teamchef Frederic Vasseur. Force-India-Teammanager Andy Stevenson berichtet: „Wir haben ihm die Daten des nächstjährigen Autos und der Aufhängung geschickt.“ Auch Otmar Szafnauer, Sportdirektor von Force India, ärgert sich: „Budkowski ist clever genug, dass er diese Daten versteht.“

Der fahnenflüchtige Fia-Techniker war vor seiner Zeit beim Verband als Aerodynamiker bei McLaren angestellt. Damit kennt er alle Zusammenhänge eines modernen Formel-1-Autos. Daten von fremden Autos sind für ihn nicht nur Zahlenkolonnen. Er kann sie interpretieren. Die Teams haben Budkowski als Ansprechpartner bei der Fia geschätzt. Erst im vergangenen Winter erhielt er viel Respekt, als er die Aerodynamik-Regeln verständlicher formulierte, mit entsprechenden Zeichnungen versah und das Regelwerk neu strukturierte. Seit diesem Jahr leitete er an Stelle von Whiting die Sitzungen der Technischen Arbeitsgruppe.

Die Kündigung des Mannes, der alles weiß, bekam eine neue Dynamik, als durchsickerte, dass seine Arbeitssperre lediglich drei Monate beträgt. Da Budkowski die Fia ohne Angabe von Gründen verlassen hat, setzte sich im Fahrerlager schnell der Verdacht durch, dass er bei einem Team andocken könnte. Und das womöglich schon am 1. Januar 2018. Anfangs wollte sich noch niemand unbeliebt machen und zugeben, das wandelnde Techniklexikon angeheuert zu haben.

Doch die Teamchefs horchten sich gegenseitig aus. Und nach dem Ausschlussverfahren kristallisierte sich schließlich heraus, dass es sich bei der neuen Adresse von Budkowski nur um Renault handeln könne. Inzwischen ist dieser Transfer zur Tatsache geworden. Am Freitag, zwei Tage vor dem Großen Preis von Japan in Suzuka am Sonntag, verschickte Renault eine offizielle Pressemitteilung und vermeldete die Verpflichtung von Budkowski. Er wird im britischen Standort Enstone als Leiter der Chassisentwicklung beschäftigt sein. „In den letzten Monaten haben wir viele positive Veränderungen bei Renault vorgenommen, zum Beispiel die schnelle Aufrüstung der Fabrik in Enstone, die Restrukturierung unserer Motoren-Entwicklung in Viry und die Ankunft von neuen strategischen Partnern“, sagte Renault-Sportchef Cyril Abiteboul: „Es war klar, dass auch die Management-Ebene verstärkt werden muss. Budkowskis Mission beinhaltet, Enstone weiter zu stärken, damit Renault bis 2020 mit den Top-Teams mithalten kann.“

Budkowski fügt sich als vierter Technikdirektor neben Bob Bell, Nick Chester und Rob White in die bestehende Struktur ein. Der Großteil der Konkurrenz hält es moralisch für verwerflich, dass Renault ein Tabu bricht und den Obertechniker des Weltverbandes anheuert. Nur einer gratuliert Renault-Sportchef Abiteboul zu dessen Coup, will dabei aber lieber anonym bleiben: „Es ist die erste gute Entscheidung, die Cyril getroffen hat.“ Nico Hülkenberg, der deutsche Fahrer in Diensten von Renault, freut sich auf den neuen Mitarbeiter und sagt: „Wir können jeden guten Mann in unserem Team gebrauchen.“

„Marcin ist ein cleverer Junge“

Ingenieure zählen neben den Fahrern zu den Königsfiguren in der Formel 1. Die Verantwortlichen der Teams fahnden permanent nach neuen Talenten. All das geschieht zumeist im Verborgenen, denn anders als in der Vergangenheit halten die Rennställe ihre großen Denker zumeist aus der Öffentlichkeit heraus. Sie dürfen keine Interviews geben, idealerweise fallen sie überhaupt nicht auf. Adrian Newey, der als Chefdesigner bei Red Bull jährlich ein Millionengehalt einstreicht, ist deshalb der letzte seiner Art in der Formel 1. Eine schillernde Ingenieursgestalt, einer, den alle kennen und deshalb in der Startaufstellung menschliche Mauern bilden, um einen genauen Blick des Engländers auf Boliden der Konkurrenz zu verhindern.

Budkowski stammt eher aus der zweiten Reihe dieser Experten, seine Erfahrungen bei der Fia aber machen aus ihm einen Experten von unschätzbarem Wert. So wird Renault auch für die Top-Teams zu einer Bedrohung – noch nicht jetzt, aber vielleicht in zwei Jahren. Deshalb wird die Verpflichtung des Fia-Manns von einigen auch mit Sorge beobachtet. „Egal in welcher Funktion Budkowski bei Renault arbeitet. Er weiß, was er weiß. Seine Informationen wären für jedes Team eine große Hilfe“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Der Engländer schlägt deshalb vor, für Fia-Angestellte in dieser Funktion Arbeitssperren von einem Jahr, besser noch von achtzehn Monaten einzuführen. Dann wäre der Schaden für die anderen Teams geringer, weil sich das Wissen ausschließlich auf alte Autos beziehen würde. Ähnlich äußert sich Toto Wolff, der Motorsportchef von Mercedes: „Marcin ist ein cleverer Junge. Er genießt höchsten Respekt bei allen Teams. Keiner will sich ihm in den Weg stellen“, sagte der Österreicher: „Es geht hier einfach darum, wie lange die Sperrzeit in solchen Fällen sein sollte. In der Industrie beträgt diese Periode mindestens sechs Monate, in vielen Fällen sogar eher zwölf Monate. Das müssen wir diskutieren.“

Die sechs Teamchefs der Strategiegruppe verständigten sich in Malaysia darauf, das Thema für die nächste Sitzung auf die Agenda zu setzen. Die Hardliner gehen sogar so weit, dass man Budkowski und möglichen Nachahmern verbieten sollte, in einer bestimmten Zeitspanne speziell für ein Formel-1-Team zu arbeiten. Die Fia befürchtet, dass dies rechtlich nicht durchsetzbar ist. Alle Mitarbeiter der Exekutive sind bei der Filiale in Genf angestellt. Für sie gilt also das Schweizer Arbeitsrecht. Sauber-Teamchef Vasseur sieht darin kein Problem, das sich nicht lösen ließe, er sagt: „Dann müssen halt diese Leute in Frankreich beschäftigt werden.“

Inzwischen gab es bereits verschiedene Gespräche zwischen den Vertretern von Fia und Renault. Teamchef Abiteboul beteuerte danach, dass der Arbeitsbeginn von Budkowski bei Renault noch nicht feststehe. „Wir wissen, dass es sich um eine delikate Angelegenheit handelt. Wir wollen einen Termin finden, mit dem alle leben können. Momentan sieht es so aus, dass er Anfang April bei uns anfangen könnte. Das wäre immerhin das doppelte seiner vertraglichen Sperrzeit. Das ist aber noch nicht fest beschlossen“, sagte Abiteboul. Sicher ist deshalb vorerst nur das: Die Aufregung rund um die Personalie Budkowski wird anhalten, unklar sind nur die Folgen für die gesamte Branche.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenForce IndiaFormel 1Mclaren Group LimitedRed BullRenault