Nascar-Star Dale Earnhardt

Der Mut zum Loslassen

Von Jürgen Kalwa, New York
 - 19:59
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Er hat schon viele Tage erlebt wie neulich auf der nördlichsten Rennstrecke der Saison. Loudon in New Hampshire – das war ein „schrecklicher, erbärmlicher Tag“, an dem das Auto vor dem Start zwar „ziemlich schnell war“, aber unterwegs nicht spritzig genug. Höhepunkt war eine der typischen Karambolagen, die sich vor ihm in einer riesigen Rauchwolke auftürmte bei einem Tempo von rund 250 Kilometer pro Stunde. Am Ende landete er auf Platz 34. Er macht so etwas nicht mehr lange mit. Bald ist Schluss für den 43 Jahre alten Haudegen.

Mit siebzehn entschied sich Dale Earnhardt junior für den Motorsport. „Junior“, wie man ihn, den Sohn eines der verwegensten Fahrer in Amerikas beliebtester Motorsport-Serie Nascar damals nannte, wollte dem Beispiel seines Vater folgen. 26 Jahre danach beendet er seine Karriere. Earnhardt hat viel erreicht am Steuer dieser Blechkäfige auf Rädern mit ihrer antiquierten, ungeschliffenen Technik. Dazu gehören nicht nur die beiden Erfolge auf der prestigeträchtigsten Nascar-Piste in Daytona, sondern vor allem seine enorme Popularität. Und das, obwohl er kein einziges Mal die Jahreswertung gewinnen konnte. Der Gouverneur von Alabama nutzte etwa die Etappe in dieser Woche in Talladega dazu, den Sonntag im ganzen Bundesstaat offiziell zum „Dale-Earnhardt-junior-Tag“ zu erklären.

Der so Geehrte will es in seinem Chevrolet mit der Nummer 88 gehörig donnern lassen. Ohrenbetäubende 340 Stundenkilometer Schnitt auf dem schnellsten Oval des Landes – das sollte drin sein. Das Windschattenfahren und die Zentimeterarbeit beim Überholen bei einem derartigen Tempo liegen ihm. Zwischen 2001 und 2004 fuhr er auf der Strecke mehrmals als Erster über den Zielstrich. 2015 triumphierte er zum letzten Mal. Doch die meiste andere Zeit fährt er hinterher. Die vielen Zusammenstöße und die damit verbundenen Gehirnerschütterungen haben ihren Tribut gefordert.

Als er 2016 zum letzten Mal ausfiel, fühlte er sich derart marode, dass er den Plan fasste, endgültig auszusteigen. Seit er die Entscheidung zu Saisonbeginn bekanntgab, ist er allerdings mehr im Gespräch denn je – als die Hauptfigur einer langen Abschiedstournee, bei der Spitzenfahrer der nachrückenden Generation, die Truex heißen und Busch, Keselowski und Harvick, im Schatten stehen.

Anhänger jenseits des typischen Klientels

Dabei fiel Earnhardt, der 2015 einen lange geplanten Abstecher ins mittelfränkische Städtchen Illesheim machte, um mit eigenen Augen zu sehen, woher seine deutschen Vorfahren kamen, schon immer aus dem Rahmen. Obwohl er sportlich nicht die erhoffte Ausnahmeerscheinung wurde, avancierte er zum Sympathieträger Nummer eins der Automobilrennserie, die allerdings inzwischen den Zenit überschritten hat. Die Einschaltquoten im amerikanischen Fernsehen sinken. Als Kommentator will er künftig dieser Entwicklung entgegenwirken.

Mit seiner klugen, eloquenten Art erreichte er stets auch Kreise jenseits der typischen Südstaaten-Anhängerschaft, die sich – politisch konservativ – zu einer Sportart hingezogen fühlt, in der schwarze Amerikaner keine Rolle spielen. Er gab gerne zwischendurch immer wieder Einblicke in sein liberales Denken. Als Donald Trump mit einer seiner ersten Amtshandlungen Muslimen aus bestimmten Ländern die Einreise in die Vereinigten Staaten zu verweigern versuchte, schrieb Earnhardt auf Twitter: Seine Familie sei im 18. Jahrhundert aus Deutschland ausgewandert, um „religiöser Verfolgung zu entkommen“. Amerika sei „von Immigranten geschaffen“ worden. In der jüngsten Hymnen-Debatte wendet er sich gegen dumpfen Patriotismus. Er hält es lieber mit John F. Kennedy, der einmal sagte, dass alle Amerikaner das Recht hätten, friedlich zu protestieren.

Mit solchen Ideen wäre er bei seinem Vater sicher nicht weit gekommen. Doch der lebt schon lange nicht mehr. Er ist 2001 bei den Daytona 500 kurz vor dem Ende des Rennens im Alter von 49 Jahren tödlich verunglückt, als er versuchte, seinen vor ihm an zweiter Stelle liegenden Sohn vor der drängelnden Konkurrenz abzuschirmen. Der Mann mit dem Spitznamen „Intimidator“ – Einschüchterer –, der sich nicht scheute, seine Gegner bei hohem Tempo ruppig mit den Kotflügeln zu attackieren, hatte versäumt, rechtzeitig auszusteigen.

„Junior“, der ein Vermögen von mehr als 200 Millionen Dollar erwirtschaftet hat, zeigte sich auch danach immer wieder von der selbstbewussten Seite. Etwa als er sich 2007 im Streit mit seiner Stiefmutter Teresa abseilte, die den Rennstall ihres verunglückten Mannes weiterbetrieb, und auf diese Weise sein eigenes Profil schärfte. Der amerikanische Journalist Jay Busbee, der das Buch „Earnhardt Nation“ geschrieben hat, war beeindruckt, „wie gut Junior mit dem umgegangen ist, womit er konfrontiert wurde“. Nicht nur was den geschäftlichen Teil, sondern auch was Verlust und Trauer angeht. „Er muss zweimal im Jahr nach Daytona und immer wieder dort vorbeifahren, wo sein Vater verunglückt ist.“ Der Mann hatte eben schon immer Mut, Gas zu geben. Und jetzt hat er den Mut, loszulassen.

Quelle: F.A.Z.
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