Rallye Dakar

Kampf der Systeme

Von Leonhard Kazda
 - 15:33

Ein Finne mitten im europäischen Winter in Südamerika auf anstrengender Mission: Wenn das gut gehen soll, bedarf es einer ernsthaften Vorbereitung. Mikko Hirvonen hat sich in der heimischen Sauna fast täglich bei 40 Grad Temperatur eine Dreiviertelstunde auf dem Ergometer abgestrampelt, ist gejoggt, geradelt und hat sich mit Boxtraining fit gemacht für seinen Kampf gegen die Hitze im Wüstensand und die dünne Luft auf den langen Hochgebirgspassagen auf 4000 Meter. An diesem Samstag startet der Mann aus der finnischen Stadt Jyväskylä in der peruanischen Hauptstadt Lima als einer von 337 Teilnehmern zu einer heißen, langen, gefährlichen und anstrengenden Reise: der Rallye Dakar. Die wilde Hatz für Geländewagen, LKW, Motorräder und Quads führt über 9000 Kilometer durch drei südamerikanische Länder: Peru, Bolivien und Argentinien, wo die Teilnehmer, die alles überstehen, am 20. Januar das Ziel in Córdoba erreichen werden.

Auch mit seinem Auto hat sich Rallyefahrer Hirvonen vor der 40. Ausgabe dieser berühmt-berüchtigten Wettfahrt ausgiebig beschäftigt, zumal es ein komplett neu entwickeltes Fahrzeug ist. Im vergangenen Jahr fuhr der Finne noch einen allradgetriebenen Mini des Treburer Rennstalls X-raid. Diesmal steuert er einen hinterradgetriebenen Buggy. Mehr als 5000 Kilometer haben ihn Hirvonen und sein bayrischer Navigator Andreas Schulz gemeinsam mit den beiden anderen X-raid-Buggy-Teams von Bryce Menzies/Pete Mortensen und Yazeed Al-Rajhi/Timo Gottschalk bei Testfahren im Herbst durch die marokkanische Wüste gescheucht. „Irgendwie schon fast zu gut“, so sagt X-raid-Teamchef Sven Quandt, seien die Testfahrten verlaufen. „Wir hatten keinerlei große Probleme. Und das ist ja nicht ganz normal.“

40 Ingenieure haben mitentwickelt

Für Quandt, den Spross der BMW-Dynastie, ist es das größte Projekt, das er mit seinem Offroad-Rennstall X-raid bislang in Angriff genommen hat. Denn die Treburer schicken nicht nur die drei „Mini John Cooper Works Buggys“, so der offizielle Name des hochbeinig daherkommenden Wüstenflitzers, sondern auch vier allradgetriebene „Mini John Cooper Works Rallys“ ins Rennen. Auch in sie hat Quandt viel Zeit und Geld investiert, um die Autos dem neuen Reglement anzupassen. Dreimal so hoch wie in den Jahren zuvor sei der Aufwand gewesen, sagt der X-raid-Chef.

40 Ingenieure haben die Fahrzeuge mitentwickelt und wettbewerbsfähig gemacht. Der wuchtig wirkende Allradler wurde um 100 Kilogramm abgespeckt, um das neue erlaubte Mindestgewicht zu erreichen. Zudem dürfen nun Allrad-Fahrzeuge einen längeren Federweg haben. Die Änderungen seien erst im Juni vom Internationalen Automobilsport-Verband (Fia) bekanntgegeben worden, sagt Quandt. Entsprechend hektisch ist an den Autos gearbeitet worden.

Dass es zu der lange von den Allrad-Teams geforderten Reglementsänderung kam, lag auch am Einstieg von X-raid in die Fahrzeugklasse der Buggys. Nach altem Reglement waren die Allradler gegen sie chancenlos. Die Buggys waren leichter, schneller, nahmen ruppige Passagen mit ihren doppelt so langen Federwegen besser – und rasten so zum Sieg der Dakar 2017. Es dominierten die 3008-DKR-Buggys von Peugeot. Stéphane Peterhansel, Sébastien Loeb und Cyril Depres belegten die ersten drei Plätze, dahinter kamen die Allrad-Fahrzeuge von Toyota. Die Autos von X-raid waren abgeschlagen, belegten die Plätze sechs, 13 und 27.

Buggys gegen Allradler – das ist ein Kampf der Systeme, der die Wüstenrallyefahrer schon lange bewegt und die Szene schon aufwühlte, als der Franzose Jean-Louis Schlesser die Dakar in den Jahren 1999 und 2000 in einem Buggy gewann, der von einem mächtigen V8-Motor mit 5,4 Litern Hubraum angetrieben wurde. Vorgesehen war diese Fahrzeugklasse vor allem für Privatteams, die so die Möglichkeit hatten, relativ kostengünstig konkurrenzfähige Autos auf die Räder zu stellen. Inzwischen haben die Hersteller, allen voran Peugeot, das Buggy-Terrain erobert.

Dass diese abermals bei der Dakar den Ton angeben und mit Reglementsvorteilen gefördert werden, passte den Teams in ihren teuren Allradfahrzeugen nicht. Als Quandt nach dem dürftigen Abschneiden 2017 laut darüber nachdachte, seine Allradfahrzeuge ganz von der Dakar zurückzuziehen, kam Bewegung in die Reihen der Funktionäre von Fia und dem Dakar-Veranstalter Amaury Sport Organisation. Auch die Tatsache, dass Peugeot 2018 seine letzte Dakar fahren wird, dürfte dazu geführt haben, das Reglement so zu gestalten, dass das Rennen auch für Allrad-Fahrzeuge attraktiv bleibt und diese nun wieder eine Chance auf den Sieg haben.

Die bevorstehende 40. Auflage der Dakar bietet jedoch ein Terrain, das den schnellen Buggys entgegen kommt. Sie führe, so sagt Dakar-Sportdirektor Marc Coma, „alle Formen von Sand“. Und in dem sind die leichten Buggys meist schneller. Allradler fühlen sich eher auf harten Trails mit engen Kurven wohl, wo sie die Vorteile ihrer höheren Traktion ausspielen können. Das hessische Team X-raid hat zwei Eisen im Feuer.

Quelle: F.A.Z.
Leonhard Kazda
Sportredakteur.
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