Formel-1-Spektakel in Monaco

„Einzigartig, atemraubend und spektakulär geil“

Von Anno Hecker, Monte Carlo
 - 17:40

Die Frage nach dem Reiz der großen Sause in Monte Carlo ist kaum ausformuliert, da schießt Nico Hülkenberg los: „Einzigartig, atemraubend und spektakulär geil.“

Es ist Mittwoch, der Medien-Tag vor dem Großen Preis von Monaco an diesem Sonntag (15.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL). Kein Rennwagenrad dreht sich. Blechlawinen kriechen durch die Gassen. Ferraris brüllen auf, vielleicht vor lauter Ungeduld. Es geht kaum voran. Die Menschen sitzen in den Cafés und betrachten gelassen genervte Sportwagenchauffeure im Stop-and-go-Modus. 600 PS hinten drin, aber ein Schneckenrennen. Eng, verbaut, die Berge im Rücken, das Mittelmeer vor der Nase: Monte Carlo platzt aus allen Nähten vor dem Ansturm der Fans. Modern denkende Stadtplaner würden zu Batterieautos raten, zu Einfahrquoten, Spaziergängen oder Tretrollern – und zu einem Fahrverbot. Stattdessen wird die Formel 1 zum 65. Mal hineingewunken; zum langsamsten Rennen der Saison. Mit 50 durch die Rascasse-Kehre statt mit 320 durch die Eau Rouge in Spa? Was ist daran so spektakulär für einen Berufsrennfahrer, Herr Hülkenberg?

Er schießt wieder vor: „Das ist doch selbsterklärend“, sagt der Rheinländer. Ist es das? Eben noch mit dem Allerweltsauto im Stadtstau gestanden auf dem Weg zum Fahrerlager, hinter dem brüllenden Ferrari, milde belächelt von Cafébesuchern. Der von Hülkenberg so geliebte Monaco-Giro am Sonntag im Mai ist dem gemeinen Autofahrer nicht recht geläufig. Die meisten Menschen haben weder einen Formel-1-Boliden in der Garage noch die Gelegenheit, so einen Renner in Monaco auszufahren.

Hülkenberg, 30 Jahre alt, kennt die Sause. Er hat 140 Grands Prix bestritten. Er ist seit acht Jahren Formel-1-Pilot, wenn er nicht im Tross von einem Kontinent zum anderen rauscht, dann lebt er in Monaco. Am Sonntag wird er zum neunten Mal aus dem Liegesitz in seinem Renault das Rennen erleben. Eine einzigartige Perspektive, 20 Männern weltweit vorbehalten. Das Selbsterklärende soll er mal selbst erklären. Wieder schießt er los: „Die Kulisse hier, der Hafen, die Strecke, der Speed, wie es hier zur Sache geht, wie dynamisch es im Auto zugeht. Wir sind hier permanent am Arbeiten. Das ist die einzige Strecke, auf der es nicht mal eine Sekunde geradeaus geht. Man dreht 78 Runden lang am Lenkrad, ist ständig am Schalten, es gibt keine Atempause.“ Hülkenberg holt Luft: „Das ist sehr spannend.“

Marketingprofis der Teams schwärmen in diesen Tagen vom Monaco-Rennen als gesellschaftlichem Ereignis. Zumindest kommt der lokale Adel. Am Donnerstag bequemte sich Fürst Albert II. von seinem Felsenpalast hinunter in die Boxengasse. Am Sonntag sollen zahlreiche Berühmte und Reiche vor der Fürstenloge über die Startaufstellung flanieren. Die meisten Fahrer lassen den ständigen Trubel, die seltene Nähe von fremden Menschen zu den Maschinen gelassen über sich ergehen. Im Gegenzug bietet ihn das Rennen die Chance, in der Manege von Monaco Kunststücke zu zeigen, die weniger abhängig sind von der Kraft der bis zu 980 PS starken Motoren. Hülkenberg spricht von „mehr Einsatzbereitschaft“, von „mehr Vertrauen“ und von „mehr Mut“, von einer Herzenssache kombiniert mit einem kühlen Kopf: „Die Konzentration muss sehr intensiv sein, weil es hier ein Balanceakt ist. Das macht es so attraktiv, so individuell und so herausfordernd.“

Der Entdeckung der Menschlichkeit in der Formel-1-Maschinerie zum Trotz: Hülkenberg hat keine große Chance, das Rennen im Renault zu gewinnen. Daniel Ricciardo schon eher. Sein Red Bull scheint wie maßgeschneidert für Monaco. Schon am Donnerstag unterbietet er beim Training den Rundenrekord von Kimi Räikkönen während des Startplatzrennens von 2017 um fast 0,3 Sekunden. Der Australier zeigt sein Zahnpasta-Lächeln: „Ich freue mich auf das Rennen wie ein Schulkind.“ Weil Red Bull erstmals in dieser Saison die Aussicht auf die erste Startreihe winkt, die Voraussetzung für einen Sieg aus eigener Kraft. Weil es keine langen Geraden gibt, fällt der schwächere Motor nicht so ins Gewicht.

Der Vollgasanteil liegt nur bei 34 Prozent der 3,3 Kilometer langen Stadtrundfahrt. In den Kurven gehört Ricciardos Dienstwagen zu den Besten. Der Luftzug knallt wie ein Peitschenhieb, als der Australier seinen Renner durch die Schwimmbad-Passage treibt. Einlenken, auslenken bei Tempo 230 im (gefühlten) Zeitraum eines Wimpernschlags. „Was für ein Spaß“, sagt Ricciardo nach zwei Bestzeiten vor seinem Teamkollegen Max Verstappen. Die Autos kleben dank der erstmals eingesetzten Hypersoftreifen, der weichsten Mischung. „Wir wären überrascht, wenn Mercedes oder Ferrari am Samstag vor dem Qualifying eine halbe Sekunde schneller wären“, sagt Ricciardo. Am Donnerstag liegt er eine halbe Sekunde vor Vettel im Ferrari und Mercedes-Pilot Lewis Hamilton: „0,2 wären okay, das lässt sich reinfahren.“ Mit Mut, mit Vertrauen.

Hülkenberg genießt mehr davon als in früheren Jahren. Renaults Teamchef lobte ihn neulich überschwänglich. Den Teamkollegen Carlos Sainz hatte er bislang im Griff. Hülkenberg scheint seinen Platz gefunden und Enttäuschungen hinter sich gelassen zu haben. Wo steht Williams, das ihn nach nur einem Jahr vor die Tür setzte? Wo seine früheren Teams Force India und Sauber? Sie kämpfen um ihre Existenz. Hülkenberg dagegen, wie am Donnerstag als Siebter, bislang erfolgreich um die Position als Führender des Mittelfeldes; und um den Reiz des Widerspruchs. Monaco hält eisern am Anachronismus fest, ignoriert den weltweiten Trend, übergeht die Anordnung des Formel-1-Vermarkters, Kinder statt Grid Girls vor die Autos in der Startaufstellung zu stellen. Hülkenberg glaubt den Grund zu kennen: „Monaco“, sagt er, „nutzt sich einfach nicht ab.“

Warum wird in Monaco am Freitag nicht gefahren?

In Monaco ticken die Uhren anders. An einem gewöhnlichen Formel-1-Rennwochenende an einer gewöhnlichen Strecke werden am Freitag zwei Trainingseinheiten absolviert. Nicht so im Fürstentum. Dort rasen die Piloten schon am Donnerstag durch die engen Straßen. Traditionell fand der Grand Prix am Wochenende nach Christi Himmelfahrt statt, was auf einen Donnerstag fällt.

Die Veranstalter nutzten dann auch gleich diesen Feiertag für das vorgezogene Training. Das Datum war für Fans und Touristen attraktiv. Zudem konnten die Organisatoren dafür sorgen, dass der Geschäftsverkehr am Freitag nicht komplett zum Erliegen kommt. Schließlich wird das Rennen auf öffentlichen Straßen ausgetragen. Schon ab 14.30 Uhr wird die Strecke am Freitag für die PS-Fans geöffnet, nachdem kleinere Serien ihre Runden beendet haben.

Dass der Klassiker in Monte Carlo am Wochenende nach Christi Himmelfahrt stattfinden muss, ist längst nicht mehr Gesetz. Das letzte Wochenende im Mai soll es vielmehr schon sein. Am trainingsfreien Formel-1-Freitag wird aber nicht gerüttelt. „Fast schon heilig“ sei das in Monaco, schrieb Ferrari. Es ist liebgewonnene Tradition. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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