Großer Preis von Kanada

Vettel fährt abgezockt zurück an die WM-Spitze

 - 21:57

Winnie Harlow ist Model. In letzter Zeit war sie häufiger mit Lewis Hamilton auf Abendveranstaltungen. Sie sind eben Freunde, gute Freunde. Und trotzdem konnte Winnie Harlow es am Sonntag kaum erwarten, Sebastian Vettel ein Geschenk zu machen. Der Deutsche im Ferrari hatte den Großen Preis von Kanada seit dem ersten Meter angeführt, inzwischen hatten die Formel-1-Piloten 69 Runden auf dem Circuit Gilles Villeneuve auf der Île Notre-Dame im Sankt-Lorenz-Strom gedreht, da winkte Winnie Harlow mit der schwarz-weiß karierten Flagge.

Moment mal – 69? Nicht mit Sebastian Vettel. Er hatte mitgezählt. „Sagt ihnen, dass sie das Rennen nicht abwinken sollen, solange es nicht vorbei ist“, schimpfte der Ferrari-Pilot über den Funk. Wer den Großen Preis von Kanada gewinnen will, muss eigentlich 70 Runden fahren. Vettel trat weiter aufs Gaspedal, legte noch 4361 Meter zurück, die Flagge wurde noch mal geschwenkt, dann aber: „Grande! Grande! Grazie, ragazzi“, freute sich Vettel. Der fünfzigste Sieg, im 205. Rennen seiner Formel-1-Karriere, und Vettel ist zurück an der Spitze. Sebastian Vettel: 121 Punkte. Lewis Hamilton: 120 Punkte nach sieben von 21 Rennen, nach dem ersten Drittel der Saison.

Der Brite im Mercedes beendete das Rennen in Kanada auf Platz fünf, weit hinter Vettel, hinter seinem Teamkollegen Valtteri Bottas, der vor Max Verstappen (Red Bull) Zweiter wurde, und hinter Daniel Ricciardo. Hamilton hetzte den Australier im Red Bull auf den letzten Runden über den Kurs, mit einiger Aussicht kurz vor dem Rennende noch vorbeizuschlüpfen – doch dann: Harlow bremst Hamilton aus. Gewertet wurde die Tour in Montreal, wie es die Regeln vorgeben. Wenn die schwarz-weiße Flagge geschwenkt wird, ist Feierabend.

Der erste Ferrari-Sieg in Kanada seit Schumacher 2004

Vettel war es recht. Die WM-Führung? Nicht so wichtig, „ehrlich gesagt: egal“, meinte Vettel anschließend. „Perfekt, unglaublich, so muss man es beschreiben“, sagte Vettel: „Wir hatten am Anfang des Wochenendes Probleme hier, und dann legen wir so ein Rennen hin. Die Menschen in Montreal mussten lange genug auf einen Ferrari-Sieg warten.“ Es war der erste Sieg der Scuderia seit 2004. Vettel sagte, ihm sei schon auf den letzten Kilometern bewusst gewesen, wer damals am Steuer saß: Michael Schumacher. „Da war es teilweise schwierig die Augen auf der Strecke zu halten. Schade, dass er heute nicht dabei sein kann als Ferraristi.“

Ferrari war mit einer verbesserten Version des SF71H nach Kanada gekommen und hatte im Qualifying und im Rennen das schnellste Auto im Feld. „Phantastisch“, sagte Teamchef Maurizio Arrivabene nach getaner Abreit. „Schritt für Schritt haben wir ein phantastisches Auto für einen phantastischen Fahrer vorbereitet. Ferrari ist zurück an der Spitze.“

Vettel fuhr überlegen zum Sieg, wurde nur anfangs gebremst, als das Rennen schon nach wenigen Kurven durch das Safety Car neutralisiert werden musste, weil der Kanadier Stroll (Williams) den Neuseeländer Hartley (Toro Rosso) in die Mauer drückte und beide ins Aus kreiselten. Kaum war die Fahrt wieder freigegeben, setzte sich Vettel Sekunde um Sekunde von Bottas ab. Hamilton, der als Vierter das Rennen aufgenommen hatte, musste zunächst mit Kühlproblemen am Mercedes-Aggregat kämpfen und verlor nach dem Boxenstopp eine Position an Ricciardo.

Ansonsten war die 37. Austragung des Rennens auf der Insel im breiten Strome eine der ruhigeren auf dem Hochgeschwindigkeitskurs. Vor dem Start hatte Jacques Villeneuve eine Runde im Ferrari 312 T3 seines Vaters, des 1983 tödlich verunglückten kanadischen Rennfahreridols Gilles Villeneuve gedreht – für manchen Zuschauer wird es der emotionalste Moment des Rennsonntags geblieben sein, denn trotz der drei ähnlich starken Teams Ferrari, Mercedes und Red Bull blieben Überholversuche weitgehend aus. Als Bottas 15 Runden vor dem Ende bis auf 3,1 Sekunden heran gerückt war, verbremste sich der Finne bei der Überrundung des Spaniers Carlos Sainz – die Jagd auf Vettel war beendet, bevor sie überhaupt richtig losgehen werden konnte.

In diese Aussicht war der bisherige WM-Spitzenreiter Hamilton nicht einmal gekommen. Schon im Qualifying nur Vierter, eine solch mediokre Tagesform „sieht man selten von ihm“, befand auch RTL-Fernsehexperte Timo Glock. Der Brite ahnte vor dem Start, dass er auf Fehler der vor ihm startenden Kollegen hoffen musste. Sie taten ihm den Gefallen nicht, auch Verstappen fuhr einwandfrei. Der Spannung in der WM war der sehr durchwachsene Auftritt des Duos Hamilton/Harlow zuträglich. In einer anderen Statistik aber bleibt der Brite vor Vettel. In 69 Jahren Formel 1 ist der Deutsche der vierte Pilot, dem 50 oder mehr Siege gelungen sind. Häufiger gewonnen haben nur Alain Prost (51), Hamilton (64) und Schumacher. Der Rekordweltmeister feierte sieben seiner 91 Grand-Prix-Siege in Montréal.

Quelle: chwb./F.A.Z.
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