Ferraris Niederlage

Nur die Ruhe!

Von Hermann Renner, São Paulo
 - 11:13

Sebastian Vettel glaubte bis zuletzt daran. Selbst als der erste WM-Titel in Diensten von Ferrari für ihn nur noch mathematisch möglich war. In Mexiko, vor zwei Wochen, konnte das jeder sehen. Da hatte Vettel den Titelkampf in der Formel 1 gegen Lewis Hamilton (Mercedes) endgültig verloren, und er war so enttäuscht, als wäre es im Finale um den Unterschied eines WM-Punktes gegangen. Formel-1-Chef Ross Brawn sagte vor dem Großen Preis von Brasilien an diesem Sonntag (Start: 17 Uhr MEZ/Live bei RTL und Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1): „Sebastian war am Boden zerstört.“ Dann fügte der frühere Ferrari-Technikdirektor noch an: „Bei Michael Schumacher war es genauso. Er hat eine Niederlage erst akzeptiert, als sie unverrückbar feststand.“

Ferrari wartet nun schon zehn Jahre auf den nächsten Fahrer-Weltmeister, 2007 hatte sich Kimi Räikkönen zum bis dato letzten Mal den Titel gesichert. Mit jedem Jahr steigt der Druck. Erinnerungen werden wach an die letzte titellose Epoche der Scuderia, die von 1979 bis ins Jahr 2000 dauerte, und von der sie erst Michael Schumacher erlösen konnte. Sebastian Vettel würde diese Geschichte gerne fortschreiben. Er wollte nur nicht so lange warten wie sein berühmter Landsmann. Schumacher rannte vier Jahre lang gegen überlegene Williams und McLaren an, bis Ferrari 2000 endlich ein Auto gebaut hatte, mit dem man um den Titel fahren konnte. Vettel hatte dieses Auto bereits in seinem dritten Ferrari-Jahr. Vielleicht war es sogar die goldene Chance, die nicht so schnell wiederkommt. Offiziell würde er das nie zugeben, aber tief drinnen muss diese Urangst wohl mitfahren. 2009, als er in einer ähnlich aussichtslosen Lage die WM gegen Jenson Button verlor, und er sich fragen lassen musste, warum ihm die zu erwartende Niederlage so zu Herzen ging, antwortete Vettel: „Wer weiß, ob ich je wieder in die Lage komme. Die Formel 1 lässt sich nicht berechnen. Du musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“

Die Technik war zu ehrgeizig

In diesem Jahr war Vettel am richtigen Ort. Bis zur Sommerpause. Der 30 Jahre alte Deutsche führte zur Halbzeit die Meisterschaft mit 14 Punkten Vorsprung auf Hamilton an. Weil der Mercedes eine Wundertüte war, der Ferrari stattdessen eine sichere Bank. Leicht zu fahren, einfach abzustimmen, auf jeder Strecke unter allen Bedingungen auf allen Reifentypen schnell. Ausgerechnet beim Heimspiel in Monza wendete sich das Blatt. Ferrari war zum ersten Mal chancenlos. Im Rückblick weiß man, dass die Techniker zu ehrgeizig waren und um jeden Preis eine neue Fahrwerksentwicklung einsetzen wollten und das Auto falsch eingestellt hatten. Das Urteil von Ferrari-Präsident Sergio Marchionne klang wie eine Drohung: „Wir haben versagt.“

Der Satz geistert seitdem in den Köpfen aller Ferrari-Mitarbeiter umher. Der große Chef duldet keine Niederlage. In Italien kursierten daher bereits die ersten Gerüchte, Teamchef Maurizio Arrivabene müsse seinen Hut nehmen, wenn es mit dem Titel wieder nicht klappt. Ferrari war im Kampf gegen Mercedes zum Risiko gezwungen. Die Modifikation an der Vorderachse erwies sich nur auf bestimmten Strecken als Vorteil, und auch nur mit Vettel am Steuer. Kimi Räikkönen kehrte nach zwei Versuchen zur alten Version zurück. Die Hoffnung lag jetzt auf dem vierten Motor, der endlich mit Mercedes gleichziehen sollte. Doch was die Techniker in Maranello auch machten, dem Sechszylinder-Turbo ließ sich nicht mehr Leistung entlocken. Erst recht nicht, nachdem der Weltverband Ferrari in Monza zum zweiten Mal wegen zu hohen Ölverbrauchs warnte.

Vettel sucht die Schuld nicht bei anderen

Ferrari modifizierte das Kühlsystem und dessen Luftzufuhr, um dem Motor auf diesem Weg mehr PS zu entlocken. Alles unter enormem Zeitdruck. Auf dem Papier folgten mit Singapur, Malaysia und Suzuka drei Rennstrecken, auf denen Ferrari gewinnen konnte, ja gewinnen musste. Doch die Asien-Tournee endete im Tal der Tränen. Statt drei Siegen gab es drei Niederlagen, statt 75 nur 12 Punkte für Vettel.

Die Startkollision von Singapur, die beide Ferrari nach 400 Metern aus dem Rennen riss, die undichten Luftsammler in Malaysia, die defekte Zündkerze in Japan waren gewissermaßen der Todesstoß für die WM-Mission: „Wir haben auf den Strecken Punkte hergeschenkt, auf denen wir besser als Mercedes waren“, blickt Arrivabene verbittert zurück. Vettel pflichtete seinem Chef bei: „Was uns in den letzten Wochen passiert ist, hat nichts mit Pech zu tun oder dem Glück anderer. Das haben wir selbst zu verantworten. Wir hatten es in der Hand und haben es nicht geschafft.“

Die Angst vor dem Chef geht um

Ferrari kam nicht zur Ruhe. In der Heimat wurden weiter Störfeuer gelegt, die sich auf die Männer an der Front wie eine übergroße Last legte. Marchionne forderte eine Antwort auf die Niederlagen. Zwischen den Zeilen war versteckte Kritik an seinen Söldnern zu lesen. Er beklagte die Defekte, setzte der Qualitätskontrolle eine neue Chefin aus dem Hause Fiat vor die Nase und nahm auch die Piloten in die Pflicht.

Von Fehleinschätzungen war die Rede. Die bloße Ankündigung, Marchionne könne persönlich an der Strecke auftauchen, verwandelte das Team in einen aufgeregten Hühnerhaufen. Zu groß ist die Angst vor dem allmächtigen Chef, der nach internen Aussagen eine Wundertüte sein kann. Heute dein Freund, morgen dein Feind. Es schlichen sich Fehler in ein System ein, das vierzehn Rennen absolut zuverlässig gearbeitet hatte. In Austin wurde Vettels Chassis gewechselt, in Mexico-City explodierte der Feuerlöscher. Doch da war ohnehin schon alles verloren.

Keine Veränderungen im Team

Das Team richtet den Blick jetzt nach vorn. Marchionne auch. Seine Ansage, „wir haben das schnellste Auto im Feld“, ist kein Lob, sondern die stille Aufforderung, mit diesem tollen Auto auch gefälligst die letzten beiden Rennen zu gewinnen. Der WM-Titel 2018 ist Pflicht, doch alle Beteiligten wissen, dass es noch schwerer wird als in diesem Jahr. Red Bull ist zurück und damit neben Mercedes ein weiterer Gegner im Titelkampf. McLaren-Renault mit Fernando Alonso im Auto könnte ein zusätzlicher Störfaktor werden. Droht jetzt Ferrari ein neuer Umbruch? „Alles, was sich ändert, war von langer Hand geplant“, sagt Vettel. Teamchef Arrivabene müsste sich nach alter Ferrari-Tradition die größten Sorgen machen, doch dazu brauchte man erst einmal einen geeigneten Ersatz.

Einen Mann, der die italienische Sprache spricht und im Team gut vernetzt ist. „Maurizio macht einen guten Job“, sagt Vettel und gibt seinem Chef damit Rückendeckung. Technikdirektor Mattia Binotto ist ohnehin unumstritten. Marchionne mag den Brillenträger, der aussieht wie ein Theologiestudent. Weil Binotto so ist wie er. Der Ingenieur mit Schweizer Wurzeln hat Ferraris Technikabteilung umgekrempelt. Unter seiner Leitung wird mutiger und aggressiver entwickelt. Und man lotet die Regeln bis ans Limit oder manchmal sogar darüber aus.

Ross Brawn kennt die Verhältnisse bei Ferrari aus eigener Erfahrung. Er hat elf Jahre in Maranello gearbeitet. Nun sagt er: „Das Dümmste, das Ferrari jetzt machen könnte, wären große Veränderungen. Die Truppe ist gut. Man muss ihr die Gelegenheit geben, sich noch besser zusammenzuschweißen. Das genau ist die Stärke von Mercedes. WM-Titel gewinnst du nur mit einer Mannschaft, die sich vertraut und in sich ruht.“

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJenson ButtonKimi RäikkönenLewis HamiltonMichael SchumacherRoss BrawnSebastian VettelSergio MarchionneMonzaFerrariFormel 1Mclaren Group LimitedRTL