Ärger um Ribéry

Reizklima beim Rekordmeister

Von Elisabeth Schlammerl, München
 - 08:21
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Hasan Salihamidzic hat wirklich alles gegeben. Ein Klapps, ein Umarmungsversuch und viele tröstende Worte, aber der Sportdirektor des FC Bayern scheiterte auf der ganzen Linie mit seinen Maßnahmen zur Deeskalation. Franck Ribéry war in diesem Moment einfach nicht zu beruhigen. Der Franzose hatte ein ordentliches Spiel gezeigt beim Champions-League-Auftakt gegen den RSC Anderlecht am Dienstag, ein ordentlicheres jedenfalls als einige Kollegen, aber dennoch war er der erste, den der Trainer auswechselte.

Er verließ den Platz nach 77 Minuten betont langsam, schritt vorbei an der Bank, ohne Carlo Ancelotti eines Blickes zu würdigen, zog sein Trikot aus und schleuderte es zornig in die Ecke. Jetzt ist es nichts Neues, dass Ribéry - wie auch sein Pendant auf der anderen, der rechten Angriffsseite, Arjen Robben - Auswechslungen also persönliche Beleidigung empfindet und manchmal überzogen reagiert. Meistens sind die Wutreflexe eitler Spieler nur Randaspekte, aber der Auftritt oder besser Abgang von Ribéry beim 3:0-Sieg im ersten Gruppenspiel der Königsklasse könnte eine größere Bedeutung haben. Er ist auf jeden Fall ein weiterer Beweis für das gegenwärtige Reizklima beim deutschen Rekordmeister.

Das Spiel gegen Anderlecht hat nicht dafür gesorgt, dass sich Stimmung aufhellt. Die Bayern wirkten wie zuletzt phlegmatisch und ohne Esprit, selbst die frühe 1:0-Führung durch Robert Lewandowskis Foulelfmetertor (12. Minute) und der Platzverweis für Anderlechts Sven Kums wegen einer Notbremse, beflügelte die Münchner nicht. „Bei allem Respekt“, sagte Robben, „aber nach der Roten Karte musst du die aus der Arena schießen. Gegen einen stärkeren Gegner hätten wir Probleme bekommen.“

Erst nach einer guten Stunde, als die Kräfte der in Unterzahl spielenden Belgier nachließen, häuften sich die Chancen für die Gastgeber und Thiago (65.) sowie Joshua Kimmich (90.) sorgten mit ihren beiden Toren dafür, dass zumindest nicht über die Höhe des Sieges diskutiert wird, nur über die Leistung, und über die auch in den eigenen Reihen. „Wir müssen uns hinterfragen, als Mannschaft und auch individuell“, sagte Robben.

Spielerisch sind die Bayern derzeit weit entfernt von ihren Ansprüchen, und das führt beim erfolgsverwöhnten Verein zwangsläufig zu Aufgeregtheiten, weil Befindlichkeiten öffentlich debattiert und in einer mit vielen Ich-AGs besetzten Mannschaft Einzelinteressen verstärkt vertreten werden.

In Bremen Ende August hatte sich Thomas Müller über seine Nichtberücksichtigung beschwert, vor ein paar Tagen sorgte Lewandowski mit Kritik an der Transferpolitik des FC Bayern in einem vom Verein nicht autorisierten Interview für Aufregung und nun zürnt Ribéry – Ancelotti hat reichlich Baustellen in seiner Mannschaft, und an den meisten ist er nicht ganz unschuldig.

Seine Personalpolitik ist nicht immer für alle nachvollziehbar. Gegen Anderlecht ließ er Mats Hummels pausieren. Der Verteidiger zeigte immerhin Verständnis für die Entscheidung des Trainers. „Ich hatte jetzt beim Saisonauftakt und mit der Nationalmannschaft viele Spiele, da ist das schon okay. Ich kann auch nicht 65 Spiele im Jahr machen", sagte Hummels.

Die Moderation seiner Entscheidungen gelingt Ancelotti nicht

Die Breite des Kaders erfordert fast zwangsläufig eine häufige Rotation, um die Spieler bei Laune zu halten, aber offenbar gelingt es Ancelotti derzeit nicht, diese gut zu moderieren. Für Ribérys Auswechslung hatte der Italiener eine gute Erklärung parat. Nicht wegen der Leistung habe er den Spieler ausgewechselt, stellte der Bayern-Trainer klar. „Es waren noch zehn Minuten zu spielen, wir hatten das Spiel unter Kontrolle und er hatte bereits eine Gelbe Karte. Und er hatte am Sonntag ein kleines Problem und konnte nicht trainieren, deswegen wollte ich ihm ein bisschen Ruhe geben."

So wie bei Ancelotti ist auch bei Salihamidzic keine Linie zu erkennen. Der Sportdirektor scheint in seiner neuen Position noch nach einem stringenten Führungsstil zu suchen. Nachdem er zunächst den verständnisvollen Tröster gegeben hatte, schwenkte er eine Stunde später um und kritisierte Ribérys Verhalten. Spieler müssten Auswechslungen akzeptieren, sagte der Sportdirektor. Eine Reaktion wie die des Franzosen „darf nicht passieren beim FC Bayern. Das ist nicht okay. Darüber werden wir sprechen.“ Robben dagegen hält es für sinnvoller, die sich wieder mehr auf den Fußball zu konzentrieren. „Wir müssen nicht so viel reden, sondern es auf dem Platz zeigen.“

Quelle: FAZ.NET
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