Frauenfußball-EM
DFB-Star Dzsenifer Marozsan

Immer ihrer Zeit voraus

Von Alex Westhoff
© Picture-Alliance, F.A.S.

Viele denken, es ist alles nur Talent. Aber das stimmt nicht. Es war viel harte Arbeit, die sich auszahlt. Ich habe gelernt: Viel Arbeit wird belohnt. Ich habe als kleines Mädchen auf der Straße angefangen mit den Jungs zu kicken. Da war es nicht einfach, akzeptiert zu werden. Sogar mein eigener Bruder wollte mich anfangs nicht dabeihaben. Da musste ich mich schon durchsetzen. Schritt für Schritt.“

Aufgrund ihrer immensen Begabung schien der Weg von Dzsenifer Marozsan irgendwie vorbestimmt. Aus der kleinen Dzseni, die einst auf Saarbrücker Straßen lernte, den Ball zu beherrschen, wurde das Supertalent des deutschen Frauenfußballs. Und aus der Hochveranlagten ist die Kapitänin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft geworden. Mit 25 Jahren führt Dzsenifer Marozsan die DFB-Auswahl an, die an diesem Montag (20.45 Uhr, im Liveticker auf FAZ.NET und im Fernsehen auf ARD/Eurosport) gegen Schweden in das Europameisterschafts-Turnier in den Niederlanden startet.

Bundestrainerin Steffi Jones adelte ihre zentrale Mittelfeldkraft jüngst mit dem Attribut „weltbeste Spielerin“. Dzsenifer Marozsan ist zeit ihrer Karriere mit verbalem Vorschusslorbeer überhäuft worden: Supertalent, Rohdiamant, Juwel – und nun „weltbeste Fußballerin“. Damit muss man als junge Frau erstmal fertig werden. Sie hat das Versprechen, das viele immer in ihr sahen, eingelöst. Bundestrainerin Jones erhob sie zum „Dreh- und Angelpunkt“ des Teams, das nichts weniger als den nächsten EM-Titel holen soll. Es wäre der siebte in Serie.

Beidfüßig, technisch beschlagen, hohe Passgenauigkeit

An guten Tagen hat das Spiel von Dzsenifer Marozsan etwas tänzerisch Leichtes, ihre Ballbehandlung ist sehenswert, ihre Passgenauigkeit immens, ihre Schusstechnik nahezu perfekt, ihre Schüsse sind nach den Maßstäben des Frauenfußballs Naturereignisse. Dieser beidfüßig starken Spielerin sieht man einfach gerne beim Fußballspielen zu. Sind die deutschen Kombinationen auf dem Rasen im Fluss, hat, so viel ist klar, die in Ungarn geborene Dzsenifer Marozsan ihre Füße im Spiel.

Ihre Präsenz und Aura auf dem Platz sind mittlerweile geprägt von der Selbstverständlichkeit eines Stars. Das Finale des olympischen Turniers in Rio gegen Schweden machte sie im vergangenen Sommer mit einem Treffer und einer Torvorbereitung fast im Alleingang zu einer golden strahlenden Angelegenheit für die deutsche Elf.

Goldmoment: Maroszans Tor im Finale von Rio gegen Schweden
© Reuters, F.A.S.

Vergleiche mit den männlichen Kollegen sind bei den Frauen eigentlich verpönt. Aber Dzsenifer Marozsan kann im Mittelfeld Özil, und sie kann auch Kroos. Sie hält die Balance zwischen dem Simplen und dem Spektakulären. Sie ist auf und neben dem Platz gereift zurückgekehrt von ihrem ersten Auslandsjahr. Die Kreative spielt für den Branchenprimus, das Real Madrid des Frauenfußballs: Olympique Lyon. In ihrer Premierensaison räumte sie neben Meisterschaft und Pokal in Frankreich auch den Champions-League-Titel ab – und wurde zur Spielerin der Saison gewählt. Mehr geht nicht.

„So eine Saison habe ich noch nie gespielt, das war der Wahnsinn. Bei Olympique wird kein Unterschied gemacht zwischen dem Männerteam und den Frauen, wir sind gleichberechtigt auf dem nagelneuen Trainingsgelände. Ich werde auf der Straße häufiger erkannt als in Deutschland, im Supermarkt werde ich fast jedes Mal angesprochen. Das empfinde ich als große Ehre. Auch die französische Lebensart liegt mir. Die Unterschiede habe ich gleich beim ersten Lehrgang in Deutschland wieder bemerkt. Da steht Disziplin viel mehr im Vordergrund, und es wird genau auf die Uhr geschaut.“

Ihr Vater war ungarischer Nationalspieler

Dzsenifer Marozsan war mit ihren Qualitäten auf dem Fußballplatz ihrer Zeit immer voraus. In allen U-Nationalmannschaften war sie es gewohnt, die mit Abstand Beste zu sein. Das Talent wurde ihr buchstäblich in die Wiege gelegt. Ihr Vater Janos war ungarischer Nationalspieler, ließ seine Karriere beim 1. FC Saarbrücken ausklingen und wurde mit seiner Familie dort sesshaft. Seine in Budapest geborene Tochter wurde – mit Sondergenehmigung wie einst Birgit Prinz – als 14-Jährige die jüngste Bundesligaspielerin. Der DFB setzte alle Hebel in Bewegung, um die Hochbegabte im Verband zu halten. Weil Dzsenifer Marozsan noch minderjährig war, musste die ganze vierköpfige Familie eingebürgert werden.

Mit 16 unterschrieb sie einen Vertrag bei der damals besten deutschen Adresse, bekam beim 1. FFC Frankfurt gleich das Trikot mit der Nummer zehn. Sie brach zugunsten der Profikarriere die Schule ab und zog mit 17 aus dem Saarbrücker Kinderzimmer in ein eigenes Apartment in der Bankenstadt. Sie profitierte vom Training mit vielen Weltklassespielerinnen, fremdelte aber zunächst mit dem Druck, der in dem Frankfurter Starensemble herrschte.

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Dzsenifer Marozsan ist die derzeit wohl beste Spielerin der Welt. Wie kam es dazu? #WEURO2017
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Der deutsche Frauenfußball gilt als Kandidat für den EM-Titel. Und das vor allem wegen Dzsenifer Marozsan

Aus Heimweh fuhr Dzsenifer Marozsan mitunter nur für einen Abend nach Hause – anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück. Mit dem Thema Ernährung ging sie manchmal zu unbedarft um, die Arbeit an der Fitness war ihr oft lästig. Der DFB bot ihr mit der Ausbildung zur Bürokauffrau in der Frankfurter Zentrale Halt außerhalb des Fußballplatzes, es folgten Praktika in verschiedenen Abteilungen des Verbandes. Beim FFC wechselten sich Spiele, in denen sie den Zuschauern „Aaahs“ und „Oooohs“ entlockte und allein mit ihrer außerordentlichen Technik die Funken sprühen ließ, ab mit Partien, in denen sie gehemmt und blockiert wirkte. Kein Wunder, denn schon als Teenie lag ihr jedermann im Ohr: Dzseni, mit deinen Fähigkeiten musst du das Spiel an dich reißen, Verantwortung übernehmen und selbst mehr Tore erzielen.

Rückschläge – und immer wieder der Druck, die Beste sein zu müssen

Es gab einige Rückschläge auf dem Weg, flügge zu werden. Eine Knieverletzung zerstob die Hoffnung der damals 19-Jährigen auf die Teilnahme bei der Heim-WM 2011. Gerieten ihre Auftritte für den FFC und die Nationalmannschaft wankelmütig, wurden diese meist direkt in Beziehung gesetzt zu ihrem doch ach so großen Potential.

„In Frankfurt waren alle Augen auf mich gerichtet. Wenn etwas nur gut gelungen ist, war es nicht gut genug. In Lyon liegt das Spiel nicht nur auf meinen Schultern. So bin ich nicht allein zuständig für tödliche Pässe, sondern kann auch selbst mal einen empfangen.“

Bei der EM wird Dzsenifer Marozsan aber voll im Blickpunkt stehen – die Bundestrainerin hat für die 25-Jährige eine exponierte Position auf dem Feld vorgesehen. Die taktischen Umbauarbeiten von Steffi Jones hin zu einer Mittelfeld-Raute haben auch das Ziel, Dzsenifer Marozsans Fähigkeiten fürs Team noch mehr zum Leuchten zu bringen. Die neugewonnene Freiheit in der Offensive im Vergleich zu den Jahren unter Silvia Neid tut ihr ausgesprochen gut, wie man unlängst beim einzigen echten Testspiel vor Turnierbeginn gegen Brasilien (3:1) bestens beobachten konnte. Im eher starren System von Bundestrainerin Neid („Dzseni ist unsere beste Fußballerin“) musste sich die Hochbegabte in die Formation einsortieren. Bei Steffi Jones („Dzseni ist die weltbeste Fußballerin“) soll sie sich offensiv voll ausleben. Sie soll Rhythmus und Takt des deutschen Spiels vorgeben, ihre „phänomenalen No-look-Pässe“ (Jones) einsetzen.

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Als eine ihrer ersten Amtshandlungen hat die neue Bundestrainerin Marozsan im vergangenen Herbst zur neuen Kapitänin der deutschen Auswahl bestimmt. Noch so ein großer Vorschusslorbeer in ihrer Karriere. Denn die Ausnahmespielerin mit der Vorliebe für großflächige Tattoos ist keine natürliche Führungsfigur, sondern eine eher stille Anführerin. Abseits des Platzes ist sie ruhig und zurückhaltend, betont stets, wie sehr sie das Spiel liebt, sich aber nicht übermäßig Gedanken über den Fußball als solchen macht.

„Den Start ins Turnier werden wir uns hart erarbeiten müssen. Bei den großen Turnieren kommt es auf die Mentalität an. Wir haben uns immer reingesteigert in die Turniere und wurden von Spiel zu Spiel besser. Das werden wir auch bei dieser EM brauchen.“

Nicht mehr die alleinige Verantwortung fürs Schöne

Deutschland geht als Serien-Europameister als großer Favorit in das Turnier in den Niederlanden. Die Vorrundengegner Schweden, Italien und Russland, so viel steht zu erwarten, werden den Olympiasiegerinnen sehr defensiv begegnen. Da könnten Marozsans Fähigkeiten, den Ball unerwartet zu beschleunigen oder das Spiel präzise zu verlagern, den Unterschied ausmachen. Zu weit darf die Abhängigkeit von der Spielführerin aber nach den Plänen der Bundestrainerin auch nicht gehen. Also nicht: Ball zu Dzseni – und dann Daumendrücken. Es ist der in Teilen neu formierten, mit jungen Spielerinnen aufgepeppten Nationalmannschaft durchaus zuzutrauen.

Steffi Jones hat vor Beginn der EM-Mission jeder Spielerin im Kader einen zum Charakter passenden Spitznamen aus der Welt der Comics und der Sagen verpasst. Dzsenifer Marozsan bekam: Robin Hood.

„Weil ich ein großes Herz habe. Ich versuche, so weit es geht, dass sich alle wohl fühlen. Das Menschliche und der Umgang miteinander sind mir sehr wichtig. Ich bin froh, dass ich von so vielen tollen Mädels umgeben bin. Für meine Ansprachen vor Anpfiff im Kreis in der Kabine habe ich lange überlegt, ob ich das planen oder spontan machen soll. Nun weiß ich: Es muss spontan kommen, sonst kommt es nicht ehrlich rüber.“

Quelle: F.A.S.
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