Frauenfußball-EM
Deutsche Fußballfrauen vor EM

Einmal frisch durchgekehrt

Von Alex Westhoff
© dpa, F.A.Z.

Steffi Jones sagt: „Diese Europameisterschaft kommt zu früh.“ Steffi Jones sagt auch: „Ganz oder gar nicht – wir wollen Europameister werden.“ In den Augen der Bundestrainerin ist dies kein Widerspruch, sondern Ausdruck der Stärke des deutschen Frauenfußballs. Sie sind in die Niederlande gereist, um den Pokal zu gewinnen – keine Frage.

Was soll man im deutschen Lager auch anderes sagen, wenn man als aktueller Olympiasieger ins Turnier geht und überhaupt seit 1995 jede EM mit dem Titelgewinn abgeschlossen hat. Und doch hat Steffi Jones bei der kontinentalen Vormacht mit Beginn ihrer Amtszeit nach dem goldenen Triumph von Rio einen Veränderungsprozess angestoßen. Die 44-Jährige hat nicht revolutioniert, aber beherzt reformiert.

Offensiver soll das deutsche Spiel werden, moderner, mutiger, sehenswerter. Steffi Jones fordert und fördert mehr Spielfreude, Kreativität und Variabilität, gegossen in ein 4-4-2-System mit Mittelfeldraute, das der Bestenauswahl des DFB zuvor unbekannt war.

Basisdemokratie, flache Hierarchien, stille Anführerinnen

Zudem hat sie das Binnenklima belebt und um basisdemokratische Elemente angereichert. Die gebürtige Frankfurterin setzt auf die aktive Mitgestaltung des Auswahl-Alltags durch die (Führungs-)Spielerinnen. Kurzum: Die Bundestrainerin hat einmal frisch durchgekehrt durch den deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaftsbetrieb nach elf ungemein erfolgreichen Jahren unter Silvia Neid, die mit der Goldmedaille von Rio ein furioses Finale erlebte. Vom Olympia-Kader startet nur etwa die Hälfte der Spielerinnen mit in die Ära Jones, in der an diesem Montagabend (20.45 Uhr, Liveticker auf FAZ.NET und in der ARD und Eurosport) in Breda gegen Schweden der erste echte Leistungsnachweis erwartet wird.

Bei allem mitunter überschwänglichen Lob der Spielerinnen für den neuen Besen, den Steffi Jones schwingt, birgt diese EM Überraschungspotential. Was diese in Teilen neuformierte Equipe imstande ist zu leisten, wissen die Protagonisten selbst nicht wirklich. Wie sieht die neue Hierarchie aus nach den Rücktritten der jahrelang prägenden Kräfte wie Saskia Bartusiak, Annike Krahn oder Melanie Behringer und dem verletzungsbedingten Ausfall von Alexandra Popp und Simone Laudehr? Wie meistert Steffi Jones, die vor dem höchsten Trainerinnen-Amt im Land überhaupt noch nie für eine Mannschaft verantwortlich war, ihr erstes Turnier in der neuen Funktion? Besteht sie den ersten Stresstest ihrer Amtszeit?

Steffi Jones: Die neue Nationaltrainerin will den EM-Titel vor allem mit vielen jungen Spielerinnen holen.
© dpa, F.A.Z.

Mit Markus Högner holte sie einen anerkannten Coach aus der Bundesliga in ihr Trainerteam, das zuvor viele Jahre lang rein weiblich besetzt war. Mit Dzsenifer Marozsan kürte Steffi Jones nicht die führungsstärkste, sondern die beste Fußballerin zur Kapitänin. „Ich halte nichts von Bilanzen“, sagt die überragende Spielerin des Champions-League-Gewinners Olympique Lyon. Dzsenifer Marozsan hängt weder den deutschen Lauf bei EM-Turnieren noch die aktuelle Siegesserie in Duellen mit Schweden zu hoch.

„Unsere Mannschaft ist genial. Aber es wird richtig hart für uns werden“, sagt die 25-Jährige vor dem Härtetest gegen die Schwedinnen, die auf eine Revanche für das verlorene Olympia-Finale aus sind. Auf ihren kreativen Ideen in der Zentrale ruhen viele Hoffnungen, dass den Deutschen gegen vermutlich äußerst defensiv eingestellte Vorrundengegner – es folgen Italien und Russland – ein überzeugender Start gelingt.

Frankreich ist dem deutschen Vereinsfußball derzeit voraus

Auf dem Weg ins Finale am 6. August in Enschede bei diesem auf 16 Mannschaften erweiterten Turnier könnte ein Duell mit Frankreich anstehen. Die französischen Top-Vereinsteams sind den deutschen aktuell voraus, auch in England und Spanien erlebt der Frauenfußball einen nachhaltigen Aufschwung. Und doch bleiben die deutschen Frauen bei der Lesart, dass sie sich in den Niederlanden eigentlich nur selbst schlagen können.

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„Wir haben den Anspruch, den Titel zu holen, und sind überzeugt, dass wir es schaffen können“, sagt Lina Magull vom SC Freiburg. Dass der aufstrebende Klub aus dem Breisgau mit fünf Spielerinnen ebenso viele Nationalspielerinnen entsendet wie die Vormacht VfL Wolfsburg, trägt auch die Handschrift der Trainernovizin Steffi Jones.

Von der Beckenbauerin zur Bundestrainerin – so könnte man den Weg der 44-Jährigen überschreiben. Als OK-Chefin war sie das Gesicht der Heim-WM 2011. Anschließend wurde sie als Direktorin Frauen- und Mädchenfußball beim DFB nicht so recht glücklich. Als Bundestrainerin ist sie es allem Anschein nach. Und dann kommt diese EM womöglich nicht zu früh, sondern wird zur bestandenen Reifeprüfung für die Mannschaft – und vor allem für Steffi Jones.

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Die @DFB_Frauen wollen nach Olympiagold auch den EM-Titel. Wie gut sind sie wirklich? #WEURO2017 #GERSWE
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Reifeprüfung für Steffi Jones: Die @DFB_Frauen wollen nach Olympiagold auch den EM-Titel. #GERSWE

Daten zur EM

Der deutsche Kader:
Tor: Benkarth (SC Freiburg), Schult (VfL Wolfsburg), Weiß (SGS Essen)
Abwehr: Blässe (Wolfsburg). Demann (Bayern München), Hendrich (1. FFC Frankfurt), Henning (Olympique Lyon), Kerschowski (Wolfsburg), Maier (München), Peter (Wolfsburg), Simon (Freiburg)
Mittelfeld: Däbritz (München), Dallmann (Essen), Doorsoun (Essen), Goeßling (Wolfsburg), Kemme (Turbine Potsdam), Magull (Freiburg), Marozsan (Lyon)
Sturm: Huth (Potsdam), Islacker (München), Kayikci (Freiburg), Mittag (FC Rosengard), Petermann (Freiburg)

Die deutschen Gruppenspiele:
Montag, 17. Juli (20.45 Uhr in Breda): Deutschland – Schweden Freitag, 21. Juli (20.45 Uhr in Tilburg): Deutschland – Italien Dienstag, 25. Juli (20.45 Uhr in Utrecht): Russland – Deutschland

Quelle: F.A.Z.
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