Frauenfußball-WM

Die Mütter machen’s

Von Daniel Meuren, Montreal
 - 14:21
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Man stelle sich vor, Lukas Podolski würde nächstes Jahr nach einem verfrühten Ausscheiden der Fußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in die Mikrofone sagen: „Das Turnier haben wir verloren, aber dafür kehre ich endlich wieder heim zu meiner Familie.“ Das Erstaunen wäre groß, es gäbe Diskussionen bezüglich der Ernsthaftigkeit, mit der Podolski seinem Sport nachgeht. Beim Frauenfußball ist das anders. Da sprach die Norwegerin Solveig Gulbrandsen am Montagabend nach dem WM-Achtelfinale in der kanadischen Hauptstadt Ottawa just diese beiden Sätze und löste Rührung aus bei den Zuhörern.

Zwei Kinder, Theodor und Lilly, durften sich dieser Tage über die Rückkehr ihrer Mama freuen, die bei der 1:2-Niederlage gegen England noch das Führungstor für ihr Team erzielt hatte. Der neun Jahre alte Sohn und die vier Jahre alte Tochter haben ihre Mutter indes gar nicht so lange vermissen müssen. In den Tagen vor dem Turnier waren sie ebenfalls in Kanada und durften im Teamhotel in einem eigenen Zimmer mit ihrem Vater wohnen und konnten ihre Mama jeden Tag sehen. „Ich hätte meine Karriere im Nationalteam nicht fortsetzen können, wenn ich zu lange von meinen Kindern weg sein müsste“, sagte Gulbrandsen in einem Interview mit dem englischen Radiosender „BBC“. „Es ist eine Bedingung, dass sie bei längeren Reisen und Turnieren dabei sein dürfen.“

Theodor und Lilly seien aber von klein auf im Team-Umfeld aufgewachsen und wüssten entsprechend, wie sie sich zu verhalten hätten.

„Und es ist auch für unser Team gut, dass da ein paar Kinder rumhüpfen und in der Hotellobby spielen.“ Theodor hat sogar das Nationalteam zu seinem neunten Geburtstag eingeladen, den er zu Turnierbeginn feierte, Norwegen profitierte vom Teambuilding bei Kakao und Topfschlagen. Gulbrandsen war in ihrer Karriere selten die einzige Mutter im Team. Bei den Norwegerinnen haben Reisen mit Nachwuchs Tradition. „Wir verfolgen dieses Prinzip schon seit vielen Jahren und sind immer gut damit gefahren“, sagt Team-Managerin Heide Store.

Der amerikanische Verband zahlt jeder Mama eine „Nanny“

Wie in Norwegen, so ist es auch beim amerikanischen Team an der Tagesordnung, dass Kinder dabei sind. Spielführerin Christie Rampone, die am Mittwoch ihren 40. Geburtstag begangen hat, wird oft begleitet von den beiden Töchtern Rylie Cate und Reece Elizabeth. Amy Rodriguez und Shannon Box füllen den Kindergarten weiter auf, dazu kommt der Nachwuchs von Trainerin Jill Ellis. Seit 1996 bezahlt der Verband jeder Mutter eine „Nanny“ samt Flug und Unterkunft.

Das ist im englischen Verband bis dato noch nicht so generös geregelt. Katie Chapmans Familie musste deshalb auf eigene Kosten nach Kanada einfliegen, wo Mann und Kinder einen Überraschungsbesuch zum 33. Geburtstag abgestattet haben. Der englische Fußballverband überprüft aber wohl gerade seine Betreuungspolitik.

Während manche Frauenfußball-Entwicklungsländer wie Kamerun oder Ecuador bislang ebenfalls keine besondere Unterstützung für ihre Fußball-Mütter vorsehen, hat der DFB schon geraume Zeit keinen Handlungsbedarf. Seit vielen Jahren hat keine Mutter mehr gespielt, selbst Insidern ist aktuell in der Bundesliga keine spielende Mutter bekannt.

Martina Voss-Tecklenburg, bei der WM Trainerin des Schweizer Nationalteams, hat bis zu ihrem Karriereende im Jahr 2000 bislang als letzte Nationalspielerin Sport und Familie mit ihrer damals sechs Jahre alten Tochter Dina verbunden. „Im DFB gab es damals noch keine Unterstützung, ich durfte Dina auch nie mitnehmen zu Lehrgängen“, sagt sie. „Das war belastend, weil ich mit schlechtem Gewissen im Bus saß, wenn sie vorher beim Abschied geweint hatte.“ Ein verfrühtes Karriereende sei für die 125-malige Nationalspielerin deshalb ständig ein Thema gewesen.

Nia Künzer, die Deutschland 2003 mit ihrem Golden Goal im Endspiel gegen Schweden den ersten Weltmeistertitel bescherte, hat erst nach dem Karriereende ihr erstes Kind geboren. Heute bewältigt sie ihren Berufsalltag bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und auch die vier Wochen als ARD-WM-Expertin als Mutter. „Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich mit Kindern hätte Fußball spielen können, so wie ich jetzt auch arbeiten kann. Dann muss aber das familiäre Umfeld mitspielen - gerade bei Turnieren und Spielen am Wochenende. Zudem müssten sich Verein und Verband was einfallen lassen“, sagt Künzer.

Der DFB muss sich nun vorbereiten auf ein Mutter-Szenario: Lira Alushi, die die Teilnahme an der WM wegen ihrer Schwangerschaft abgesagt hat, könnte ihre Karriere nach der Geburt fortsetzen. Dann würde der bunte Vogel noch etwas mehr Abwechslung in den Kader bringen. „Wenn Lira wieder in der Nationalmannschaft spielen möchte, werden wir sie und ihre Familie dabei voll unterstützen“, verspricht Doris Fitschen. Die Managerin des Nationalteams handelt dabei auch aus eigener schmerzhafter Erfahrung. Ihren großen Traum vom WM-Sieg als Spielerin zerstörte 1999 im Viertelfinale die amerikanische Siegtorschützin Joy Fawcett. Die damals zweifache Mutter spielte nur mit, weil der amerikanische Verband kurz zuvor sein Betreuungsprogramm initiiert hatte.

Quelle: FAZ.NET
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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