100 Prozent Kovac

Belgien ist mein Geheimfavorit

Von Niko Kovac
 - 09:03

Etwa ein Drittel der Deutschen legen sich bei ihrem WM-Tipp auf die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw fest. So weit gehe ich nicht, aber für mich gehört Deutschland neben Brasilien, Argentinien und Spanien natürlich zu den vier großen Titelfavoriten. Und dann habe ich noch einen Geheimfavoriten ...

Die durchwachsenen Leistungen, die die deutsche Mannschaft in den letzten beiden Testspielen gezeigt hat, irritieren mich überhaupt nicht. Denn einerseits ist die Trainingssteuerung darauf ausgelegt, dass die Spieler in der ersten Gruppenbegegnung am kommenden Sonntag gegen Mexiko (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei Sky) fit sind und ihre Höchstleistung in der K.o.-Runde abrufen. Andererseits sind auch Nationalspieler nur Menschen. Nach einer langen Saison ist es gegen Ende der Vorbereitung ganz normal, dass sie einmal ein bisschen die Seele baumeln lassen und nicht einhundert Prozent geben. Dazu spielt es auch eine Rolle, dass sich so kurz vor dem WM-Start niemand mehr verletzen will. Marco Reus machte diese schlimme Erfahrung ja schon häufiger. Deshalb freue ich mich ganz besonders, dass dieser Weltklassespieler endlich sein Debüt bei einem großen Turnier geben kann.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Wir sollten uns auch nicht davon verrückt machen, dass dem deutschen Spiel zuletzt in der Offensive etwas die Durchschlagskraft und das Überraschungsmoment fehlte. Wenn es zählt, dann gehen die Spieler mit einer ganz anderen Anspannung zur Sache. Die Vorbereitungsspiele werden nun mal von den Außenseitern ernster und wichtiger genommen als von den Favoriten. Das zeigte schon die Vergangenheit. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals eine Mannschaft Weltmeister wurde, die in der Turniervorbereitung alle Gegner vom Platz geschossen hatte.

Video starten

In Moskau gelandetDie Mannschaft ist angekommen

Die vereinzelte Kritik an Joachim Löw, an seiner Zusammenstellung des Kaders, kann ich nicht nachvollziehen. Bisher hat der Bundestrainer alles richtig gemacht. Manche vermuteten, er würde bei der Auswahl der Spieler zu viel auf Harmonie achten und weniger auf die Leistung, weil er mit Leroy Sané und Sandro Wagner zwei Spieler aus dem Kader nahm, denen nachgesagt wird, nicht ganz so pflegeleicht zu sein. Aber es ist ja nicht so, dass Löw dafür Lämmchen mitgenommen hätte, die den Ball nicht treffen.

Der Bundestrainer weiß doch ganz genau, wie schwierig es ist, eine Gruppe über viele Wochen zusammen zu halten. Da versammeln sich Stars, die viel im Leben erreicht haben, die ein gewisses Ego besitzen. Die auch an ihrem persönlichen Erfolg interessiert sind und an einem nächsten großen Vertrag. Diese Einzelinteressen muss er unter einen Hut bringen. Das geht nicht von alleine. Vor allem der respektvolle Umgang untereinander ist ganz entscheidend. Kommt es zum Knatsch, kann es ganz schnell in die falsche Richtung gehen. Aber das ist die große Stärke von Löw. Längst kommt es nicht mehr nur auf Taktik und Kondition an, das Soziale wird immer wichtiger. Und Löw ist sehr empathisch, kommunikativ und spürt Schwingungen. Er hat auch ein gutes Händchen dafür, mal kurze und mal lange Leine zu geben. Denn zu viele Reglementierungen sind auch nicht gut. Die Spieler dürfen sich auf der einen Seite nicht allein gelassen fühlen, weil sie schon auch viel Freizeit haben. Auf der anderen Seite dürfen sie sich nicht eingeengt vorkommen.

Diese Kompetenz hat Löw. Er wird auch Gündogan und Özil den Rückhalt geben, den sie brauchen, um in Russland eine gute Performance abzuliefern. Es beeinflusst sie sicher, dass sie so in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sind. Ich möchte ihr Verhalten im Fall Erdogan politisch nicht bewerten, aber keine Nationalmannschaft kann es sich leisten, auf zwei solche Klassespieler zu verzichten. Und ich bin davon überzeugt, dass sie in Russland ihre Leistung bringen werden.

Viel wird vom Verlauf des ersten WM-Spiels abhängen. Mexiko ist ein ausgesprochen unangenehmer Gegner. Ich habe zweimal bei Weltmeisterschaften gegen die Nordamerikaner verloren. 2002 in Japan als Spieler 0:1 und 2014 in Brasilien als kroatischer Nationaltrainer 1:3 im entscheidenden Gruppenspiel. Die Mexikaner haben ihren eigenen Spielstil, technisch sehr versiert, sehr clever, mit hoher Spielintelligenz und auch recht hart. Aber sie haben auch viel Druck. Komischerweise verlangen ihre Landsleute jedes Mal den WM-Titel, obwohl das nicht realistisch ist.

Interviews und HighlightsAlle Videos zur Fußball-WM 2018 in Russland

Für mich ist ein ganz anderes Team Geheimfavorit – Belgien. Dort wird seit zehn, zwölf Jahren richtig gute Arbeit geleistet. Wie damals in Deutschland nach der verpatzten EM 2004 wurden die Schwächen gnadenlos analysiert und durch den Einbau neuer Strukturen beseitigt. Ich halte das kleine Belgien mittlerweile für ein Vorbild. Sie wissen, welchen Fußball sie spielen wollen, und entwickeln dafür nicht nur die Spieler, sondern auch die Trainer. Sie haben besonders viele gute Jugendtrainer. Im Nachwuchs sollten ohnehin die Besten arbeiten, denn da kann am meisten richtig oder falsch gemacht werden. Wir Trainer in der Spitze sind darauf angewiesen, was von unten hoch kommt. Wir setzen sozusagen nur noch das Dach auf die Wände, die auf dem Fundament stehen. Gerade die Nationaltrainer haben doch kaum Zeit, den Spielern etwas zu vermitteln.

Alle Fußballverbände, die im Moment in Europa oben stehen, haben gute Strukturen: Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien, seit kürzerem auch England. Da gibt es einen roten Faden von der U15 bis in die Nationalmannschaft. Für die Nationaltrainer ist es leichter, mit Spielern zu arbeiten, die die Spielidee schon von den Juniorenteams her kennen. In dem Zusammenhang frage ich mich, was die Italiener in Zukunft machen werden? Es wird interessant sein zu sehen, ob sie die Lehren aus dem Qualifikations-Aus ziehen.

Die deutsche Nationalmannschaft erfüllt meiner Meinung nach die Voraussetzungen, um den Titel erfolgreich verteidigen zu können. Ob das gelingt, hängt auch am Faktor Glück. Bei jeder WM gibt es ein Spiel, in dem es nicht läuft, bei dem man eigentlich als Verlierer den Platz verlassen müsste. In Brasilien war das das Achtelfinale gegen Algerien. Da hing der Titel am seidenen Faden. Der sollte bitte auch in Russland nicht reißen.

Unser WM-Kommentator Niko Kovac trainierte 2014 bei der Weltmeisterschaft in Brasilien die kroatische Nationalmannschaft, führte 2018 Eintracht Frankfurt zum DFB-Pokalsieg und ist vom 1. Juli an neuer Cheftrainer bei Bayern München.

Exklusives Angebot zur Fußball WM
Exklusives Angebot zur Fußball-WM

4 Wochen das F.A.Z.-&-F.A.S.-Digitalpaket gratis

Mehr erfahren
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJoachim LöwBrasilienRusslandDeutschlandSpanienMexikoZDFMarco Reus