TV-Studio in Deutschland

Wie ARD und ZDF die Fußball-WM zeigen

Von Evi Simeoni, Baden-Baden
 - 21:48
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Wenn’s um den Sport geht, turnen auch die öffentlich-rechtlichen Sender mit: Sie üben den Spagat. Zumindest bei Großereignissen. Auf der einen Seite haben die Sender viel Geld für Übertragungsrechte bezahlt, weil sie damit ein großes, junges Publikum erreichen. Den 1:0-Endspielsieg der deutschen Nationalmannschaft über Argentinien bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Rio etwa sahen in der ARD 34,65 Millionen Zuschauer – ein Rekord. Darunter 42,5 Prozent der werberelevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren – eine Verjüngungskur also für die traditionellen Sender. Die Ware, die sie eingekauft haben, wollen ARD und ZDF folglich auch so ansprechend wie möglich präsentieren.

Dagegen aber steht die für die Öffentlich-Rechtlichen schwer lösbare Aufgabe, kritisch über politische Verhältnisse zu berichten, also auch über die Bedeutung von Sport-Großereignissen für die Imagepflege einer Autokratie, wie jetzt etwa in Russland. „Die Verbände sollten sich zukünftig besser überlegen, an welche Länder sie Großereignisse geben“, lässt sich Harald Dietz, der ARD-Sportchef und Leiter des WM-Teams, in einer offiziellen Broschüre in diesem Zusammenhang zitieren. Und sein ZDF-Kollege Thomas Fuhrmann kündigt an gleicher Stelle an: „Wir werden bei einer Propaganda-Show von Präsident Putin nicht mitspielen.“

Erstaunlich harsche Worte also gegen den Geschäftspartner, den Fußball-Weltverband Fifa, und gegen den WM-Gastgeber. Da ist es ganz praktisch, dass ARD und ZDF in diesem Jahr zum ersten Mal bei einer Fußball-Weltmeisterschaft ein gemeinsames Sendezentrum betreiben und dieses sich nicht in Russland, sondern in Baden-Baden befindet. „Mir gefällt es gut, dass wir nicht in Russland sind“, sagte etwa Thomas Wehrle, WM-Programmchef der ARD, im Rahmen einer Führung durch den in den Räumen des SWR aufgebauten Komplex. „Die Distanz zum Ausrichterland und der Fifa tut uns inhaltlich ganz gut.“ Und sie führt zu einer deutlichen Ersparnis. Jeder der beiden Sender verringere, so geben die Verantwortlichen einhellig an, seine Kosten im Vergleich zu 2014 um „einen siebenstelligen Betrag“. Genauere Zahlen erhält die Öffentlichkeit allerdings nicht.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Dort, wo normalerweise die beschaulichen Nachmittags-Magazine „Kaffee oder Tee“ und „ARD-Buffet“ entstehen, werden während der WM die Bilder von den Spielen bearbeitet und weitergesendet und die höchst aufwendigen Studio-Analysen produziert. Möglich gemacht hat dies eine technische Weiterentwicklung: Durch den Ausbau der Breitbandverbindung sind die Leitungspreise drastisch gesunken, die Bilder können sehr viel preiswerter von Moskau nach Deutschland gesendet werden als bisher. Baden-Baden ist mit den WM-Spielorten und dem Quartier der Nationalmannschaft in Watutinki durch 45 Bildleitungen verbunden. Das Ganze ist doppelt abgesichert: Es gibt eine durch Südeuropa und eine durch Nordeuropa verlaufende Leitung. Sollte die eine gestört sein, wird automatisch auf die andere umgeschaltet, ohne dass der Fernsehzuschauer dies merken würde.

Ein zusätzliches Back-up ist die Übertragung über Satellit. Der Fußballfan zu Hause oder beim Public Viewing muss sich also keine Sorgen um das Signal machen. Obwohl: Beim Europameisterschafts-Halbfinale 2008 zwischen Deutschland und der Türkei gab es trotz aller Vorkehrungen ein Blackout: Im Internationalen Fernsehzentrum in Wien war der Strom ausgefallen.

Die Verlegung der Zentrale nach Baden-Baden hat handfeste finanzielle Vorteile für beide Sender. Die Miete für Flächen im International Broadcast Center (IBC) 50 Kilometer außerhalb von Moskau sowie die Transportkosten für die Technik wären teuer gekommen. Auch die Hotelzimmer für das Personal kosten in Baden-Baden weniger als in Moskau. Die Mannschaften beider Sender, die vor Ort arbeiten werden, sind, verglichen mit Brasilien 2014, weniger als halb so groß. Die Live-Kommentatoren werden aber wie immer im Stadion sein, es wird Reporter, Moderatoren und Kamerateams in den WM-Stadien geben, und die ohnehin bestehenden Korrespondenten-Studios werden verstärkt. Die meisten Mitarbeiter einschließlich der Moderatoren und Experten, die in Baden-Baden arbeiten, hätten ohnehin auch in Moskau den Sport nicht live erleben, höchstens ein bisschen mehr Tuchfühlung mit Land und Leuten aufnehmen können.

Fast überirdisch leuchtet in Baden-Baden das Herzstück des Zentrums, das WM-Studio. Dort werden die Moderatoren Alexander Bommes und Matthias Opdenhövel für die ARD und Oliver Welke und Jochen Breyer für das ZDF gemeinsam mit ihren Experten die WM-Spiele zerpflücken und interpretieren. Im Hintergrund brilliert die LED-Wand, 10,80 Meter breit und 2,70 Meter hoch, und ein technisches Prunkstück, das extrem hoch auflösende Bilder wiedergeben kann. „Unser Fenster nach draußen“ nennt es Georg Schmid, der Technische Leiter des SWR. Die grundsätzliche Anmutung des Studios ist neutral. Es wird entsprechend umdekoriert, je nachdem, welcher Sender an der Reihe ist. Wobei auffällt, dass die Moderatoren des ZDF wesentlich aufwendigeres Mobiliar nutzen als die ARD: Das Zweite wird sitzen, das Erste stehen. Großer Wert wird im Übrigen darauf gelegt, dass die Synergie-Effekte des Projekts Grenzen haben, wenn es um Inhalte geht. „Die Redaktionen sind autark“, betont Christoph Hamm, WM-Programmchef des ZDF. „Es ist ja schon noch eine kleine Konkurrenz da.“

Quelle: F.A.Z.
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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