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Belgiens Kevin de Bruyne

Den Schatten gewählt

Von Christian Eichler, Moskau
 - 18:11

Eine Frauengeschichte hätte Belgien auf dem Weg zum vielleicht größten Spiel seiner Fußballgeschichte, gegen Brasilien an diesem Freitag (20.00 Uhr MESZ/ im F.A.Z.-Liveticker zur WM sowie im ZDF und bei Sky), dazwischenkommen können. Das war 2013, als Kevin de Bruyne erfuhr, dass seine damalige Freundin eine Ausstiegsklausel genutzt und sich zu Thibaut Courtois transferiert hatte. Als man sich beim Nationalteam traf, ging der gehörnte Regisseur auf den Torwart los. Wie gut die beiden sich wieder verstehen, sah man in der letzten Minute des Achtelfinals gegen Japan. Courtois fing eine Ecke, kegelte den Ball so sanft in den Lauf von des Kollegen, dass dieser „keine Sekunde warten oder abbremsen musste“, und de Bruyne sezierte nach einem Fünfzig-Meter-Spurt mit einem grandiosen Außenristpass die japanische Defensive. Am Ende des „perfekten Konters“, so de Bruyne, stand der 3:2-Siegtreffer.

Nach der Außenristflanke auf Romelu Lukaku zum zweiten Tor gegen Panama im Auftaktspiel war diese Aktion der zweite Hinweis darauf, warum die Brüsseler Zeitung „Le Soir“ ihn als derzeit einzigen Erben von Pirlo, Xavi und Iniesta als Großmeister in der „Wissenschaft des Passes“ sieht. Aber eben auch: erst der zweite bei dieser WM. „Er findet Pässe, die andere nicht finden“, sagt Nationaltrainer Roberto Martinez über seinen „ultimativen Spielmacher“. Pässe, die aber dort, wo Martinez ihn spielen lässt, meist nicht mal ein de Bruyne findet. Der Mann, der in dieser Saison als Spielgestalter von Manchester City so großartig aufspielte, dass Trainer Pep Guardiola „keine Worte für seine Leistung“ fand, spielt im belgischen Team in der „Doppel-Sechs“ neben Axel Witsel vor der Abwehr, weit weg vom bevorzugten Einflussbereich. Und damit weit weg von Eden Hazard, dem anderen großen Spielkünstler der Belgier, von dem de Bruyne brav sagt: „Nicht ich bin der wichtigste Spieler, Eden ist es.“ Viele Kritiker bemängeln, de Bruyne bleibe bei der WM weit unter seinen Möglichkeiten. Martinez kontert und erklärt, dieser werde nicht genug gewürdigt. „Er hat entscheidenden Anteil an unserem Spiel. Er fügt alles zusammen. Seine Leistung ist essentiell für die Art, wie wir spielen, wie wir pressen und verteidigen.“

Bis Martinez nach der enttäuschenden EM 2016 Marc Wilmots ablöste, hatte es in Belgien geheißen, Hazard und de Bruyne passten nicht zusammen. Es ist ein altes Trainerproblem: wenn zwei überragende Spieler einen allzu ähnlichen Spielraum besetzen. Man kann es lösen, indem man sich für den einen entscheidet und den anderen draußen lässt, so wie es Helmut Schön mit Netzer (EM 1972) und Overath (WM 1974) tat. Oder indem man einen vor und den anderen nach der Pause einsetzt, wie Ferruccio Valcareggi mit Mazzola und Rivera in Italiens WM-Team 1970. Auch jetzt behaupten manche Experten, ohne de Bruyne wäre das belgische Team besser, andere sagen das von Hazard. Martinez löste das Problem anders, ähnlich wie es der kroatische Kollege Zlatko Dalic mit den als nicht kompatibel geltenden Rakitic und Modric tat: Er zog den defensiv stärkeren der beiden weit nach hinten zurück. So kommen sie sich nicht ins Gehege. Das forderte de Bruyne den Verzicht auf die in Manchester so genial besetzte Rolle des „freien Achters“ ab, der mit öffnenden Pässen und diagonalen Läufen den Weg zum Tor bahnt. „Ein Unterschied zwischen Tag und Nacht“ liege zwischen de Bruynes Spiel bei City und dem für Belgien, sagt der frühere Nationalspieler Philippe Albert. „Dieser Unterschied sind 25 Meter.“

Mit der Ruhe eines Spaziergängers

„Statt des Lichts hat er den Schatten gewählt“, schrieb „Le Soir“. Er selbst sieht es als Dienst an der Mannschaft. Der 27-Jährige, seit zwei Jahren Familienvater, sagt: „Als junger Spieler war ich noch nicht so weit, aber jetzt muss ich mich meiner Verantwortung stellen.“ Seine neue Rolle aus der Tiefe sei „instinktiv“ gekommen. Martinez sagt, sie ermögliche es den Offensivspielern, „in guten Positionen zu sein“.

Dafür kommt de Bruyne selbst oft in eine schlechte Position. Die flinken, nach innen ziehenden Außen der Japaner nutzten die Schwachstellen im belgischen 3-4-3-System und brachten ihn und Witsel immer wieder in Nöte. Durch Neymar & Co. droht noch Schlimmeres. Deshalb gibt es Gedankenspiele, von drei auf zwei Innenverteidiger, also eine Viererkette, zu wechseln und den freien Platz mit einem defensivstarken „Sechser“ wie Mousa Dembele zu füllen – was de Bruyne die Freiheit für eine offensivere Rolle geben könnte.

De Bruyne selbst tangiert die ganze Diskussion nicht besonders. „Wir sind ruhiger denn je“, sagt er über die Stimmung im immer noch jungen und dennoch bereits turniererfahrenen Team. Aufgeregtheit ist seine Sache ohnehin nicht. Speicheltests der Klubärzte in Manchester zeigten, dass de Bruyne vor einem Ligaspiel so entspannt ist, als ginge er mit seinem Hund spazieren. Allerdings fährt er sehr schnell aus der Haut, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. „Ein Siegertyp, stets fordernd“, sagt Martinez, „einer, wie ihn jedes Fußballteam braucht.“

Vielleicht sogar der FC Bayern, der sich 2015 die Chance entgehen ließ, de Bruyne aus Wolfsburg zu holen. Der damals beste Spieler der Bundesliga hatte Angebote aus Paris, Manchester und München, doch wollte der Meister „keine große Summe für ihn zahlen“, wie Guardiola, damals Bayern-Trainer, vor kurzem sagte. City gab 74 Millionen Euro aus, was Guardiola heute freut. Und Jupp Heynckes, seinen Nach-Nachfolger, ärgerte: „Für de Bruyne“, sagte er im Januar, „würde ich mein letztes Hemd geben.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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