Deutschland vor dem WM-Finale

Man sehe und staune

Von Christian Kamp, Rio de Janeiro
 - 14:54
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Hans-Dieter Flick hat schon einen kleinen Abschied hinter sich. Es war die letzte Pressekonferenz, die er als Assistenztrainer der Nationalmannschaft absolvierte am Donnerstag in Santo André. Nach der WM beginnt er seinen neuen Job als Sportdirektor. Und weil es sich anbot, zog er im Zeitraffer noch einmal ein Fazit der Arbeit mit dem Team seit 2006. So wie Flick über die Anfänge sprach, muss es zum Haareraufen gewesen sein, mit welchen taktischen Grundlagen die Spieler seinerzeit zum Nationalteam kamen. Es sei viel an den „Basics“ gearbeitet worden in jener Zeit – mit Erfolg, wie die Turnierergebnisse zeigten.

Nach 2010 dann sei ein neuer Entwicklungsschritt nötig gewesen, weil die „Gegner sich auf uns eingestellt hatten“. Aber auch den habe man gemeistert: „Wir haben den Ballbesitzfußball verbessert, fast perfektioniert“, sagte Flick. Alles in allem sei das Trainerteam „stolz, dass die Entwicklung so weitergegangen ist“. Dann kam Flick in der Gegenwart an. Und das Lob wurde noch ein bisschen größer. „Sensationell“ und „Wahnsinn“ sei es gewesen, was sich in der Mannschaft seit dem Trainingslager in Südtirol getan habe. Das kann man wohl sagen.

Willkommener Flashback für Löw

Als die Deutschen vor gut sechs Wochen das Passeiertal verließen, wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, einen künftigen Weltmeister in diesem Team zu sehen. Zu viele Probleme, zu viele ungeklärte Fragen. Umso höher ist die Entwicklungsarbeit zu bewerten, die Joachim Löw und sein Trainerteam in der Zeit danach, teils also bei laufendem Betrieb, hinbekommen haben. Und so waren natürlich auch die Argentinier beeindruckt vom deutschen Gala-Auftritt gegen Brasilien. „Deutschland hat ein großartiges Team. Das, was da am Dienstag mit Brasilien passiert ist, kann jeder anderen Mannschaft genauso passieren“, sagte Sergio Agüero: „Wenn sie Platz haben, sind sie tödlich.“

So leicht, das muss man auch sagen, hatte es den Deutschen lange kein Gegner dieses Namens mehr gemacht. Es schien, als hätten die Brasilianer keinen blassen Schimmer davon gehabt, was die Deutschen in der Vergangenheit so stark gemacht hatte: ein hocheffizientes Umschaltspiel und die Fähigkeit, alles in Grund und Boden zu spielen, wenn sich ihnen nur die Räume bieten. Es erinnerte ein bisschen an die Erfolgsformel von 2010.

Für Löws Team war das ein willkommener Flashback – der sich aber so gegen Argentinien kaum wiederholen wird. Unter Alejandro Sabella als Nationaltrainer hat die Mannschaft sich taktisch um Dimensionen verbessert gegenüber dem naiven Bauchmenschenfußball unter Diego Maradona. Sicher, sie haben niemanden mitgerissen bei ihren eher nüchternen Auftritten in Brasilien. Aber sie waren auch nie in Gefahr, von irgendetwas mitgerissen zu werden. „Argentinien ist defensiv stark, kompakt, gut organisiert“, sagte Joachim Löw. „Und in der Offensive haben sie überragende Spieler wie Messi und Higuaín.“

„Wir haben auch einen Plan“

Es ist tatsächlich diese Balance von Defensive und Offensive, kombiniert mit viel Teamspirit und auch Pathos, die aus den Argentiniern einen zähen und gefährlichen Gegner macht. Aus dem Spiel heraus haben sie in der K.-o.-Phase bislang keinen Gegentreffer kassiert, was schon etwas über die Wehrhaftigkeit dieses Teams aussagt. Mit Javier Mascherano haben sie einen der besten Strategen dieser WM im Mittelfeld. Und vorne gibt es eben nicht nur Messi, der jederzeit in der Lage ist, einem Gegner weh zutun, sondern auch Gonzalo Higuaín, mit Abstrichen Agüero und, sollte er fit werden, Ángel di María, der neben Thomas Müller einer der flottesten Flügelmänner ist bei dieser WM.

Messi – das ist natürlich immer das große Thema, wenn eine Mannschaft gegen Argentinien oder den FC Barcelona spielt. Der Superstar spielt eines seiner besseren Turniere. Aber auch kein konstantes oder gar überragendes. Im Halbfinale war er nahezu wirkungslos, die Niederländer verstanden es prächtig, ihm den Spaß am Spiel zu nehmen. „Wir haben natürlich auch alle verfolgt, wie die Holländer Messi in Schach gehalten haben“, sagte Flick. „Wir haben mit Sicherheit auch einen Plan.“

Benedikt Höwedes, der es auf der linken Abwehrseite das eine oder andere Mal mit Messi zu tun bekommen wird, verriet ein bisschen was davon: „Natürlich ist er ein phantastischer, außergewöhnlicher Spieler, der zu den besten der Welt zählt“, sagte er. „Wie bei Cristiano Ronaldo müssen wir im Kollektiv gegen ihn spielen, nicht im Eins-gegen-eins.“ Das Wichtigste wird sein, sich nicht von Phasen der Passivität täuschen zu lassen – wenn Messi etwas gezeigt hat bei diesem Turnier, dann, dass man ihn immer auf der Rechnung haben sollte. Lässt man ihm einmal den Raum, den er braucht, um Tempo Richtung Tor aufzunehmen, kann es schnell geschehen sein.

Raumversteller gegen Raumdeuter

Mit Sicherheit aber werden die Argentinier einen besseren Plan haben müssen, sich auf Deutschland einzustellen, als umgekehrt. Entscheidend, das ist keine Überraschung, wird sein, was im Mittelfeld passiert. Und gerade da haben die Deutschen den größten Schritt gemacht. Sie beherrschen beides: das dominante Spiel mit Ball und den schnellen Konter nach Ballgewinn. Das macht es zu einer äußerst kitzligen Angelegenheit, gegen Löws Team zu spielen. Das zudem noch sein Faible für Standards entdeckt hat. „Darin sind wir ja seit neuestem die Könige“, sagte Müller.

„Es geht im Fußball um Räume und darum, sie zu besetzen und zuzustellen“, sagte Trainer Sabella dieser Tage über seine Philosophie. Seine Mannschaft gehört zweifellos zu den besten Raumverstellern bei dieser WM, die Deutschen wiederum sind die wohl besten Raumdeuter mit Spielern wie Toni Kroos, Thomas Müller und auch Mesut Özil. Das verheißt nicht unbedingt ein Spektakel wie gegen Brasilien. Eher ein hartes Stück Arbeit, bei dem womöglich auch Geduld gefordert ist. Mit einer guten Chance allerdings, dass sie irgendwann die Lücke finden.

Quelle: F.A.S.
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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