Nationalmannschafts-Kommentar

Löws Stolz – und eine Sorge

Von Christian Kamp
 - 08:26
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So schlecht wie am Sonntag in der ersten Hälfte spielten die Deutschen lange nicht – und standen am Ende so gut da wie noch nie. Man konnte gegen Aserbaidschan schon eine Weile ins Zweifeln kommen, ob Joachim Löws Mannschaft die bisherige Qualifikations-Bestmarke der Spanier knacken würde. Doch wie in praktisch jedem Spiel der vergangenen Monate zeigte sich auch diesmal: Wenn die Deutschen Ernst machen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Tore fallen. Dass es am Ende der makellosen WM-Ausscheidungsrunde 43 waren, bei nur vier Gegentreffern, nannte der Bundestrainer eine „phantastische“ Bilanz. Die Spanier hatten vor der WM 2010 ebenfalls zehn Siege in zehn Spielen geschafft, bei 28:5 Toren. Daraus nun eine Gewinnprognose für die Endrunde in Russland abzuleiten kam jedoch niemandem in den Sinn, auch wenn es im Fall der Spanier dann tatsächlich so gekommen war. Die Deutschen wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, der EM 2012, dass aller Glanz auf dem Weg zu einem Turnier in einem Moment der Schwäche jäh verblassen kann.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Und doch hat sich die deutsche Auswahl mit ihrem Zwischenergebnis ein Gütesiegel verdient, das etwas zu sagen hat. Über die Qualität der Spieler natürlich und darüber, dass Löws Mannschaft samt und sonders über eine „gute Basis“ verfügt, wie der Bundestrainer sagte. Sein Nationalteam braucht kaum noch Anlaufzeit, um in unterschiedlichsten Konstellationen ansehnlichen und erfolgreichen Fußball zu spielen, was man von vielen Vereinsteams, die jeden Tag zusammen üben, nicht behaupten kann. Vor allem aber hat das Team anders als auf dem Weg zur EM im vergangenen Jahr wieder die richtige Mentalität an den Tag gelegt, auch gegen vermeintlich „kleine“ Gegner, wie Löw zufrieden bemerkte. Die bisweilen weltmeisterliche Attitüde ist einer neuen Ernsthaftigkeit und frischen Lust gewichen. Mit dem Ergebnis, dass die Deutschen derzeit die Nummer eins sind, wo man nur hinschaut sind: Weltmeister, Confed-Cup-Sieger, Qualifikations-Weltmeister und seit ein paar Wochen auch wieder in der Weltrangliste.

Fußball-Nationalmannschaft
Löw: „Nur wir haben etwas zu verlieren“
© dpa, reuters

Neuer mit Fragezeichen

Wenn man jetzt überlegt, was – bei allen Unwägbarkeiten, die noch auf der Strecke liegen – möglichst nicht passieren sollte, soll die Titelverteidigung in Russland erfolgreich ablaufen, landet man auch schnell bei einer Nummer eins, in diesem Fall allerdings, zumindest im Moment, einer Art deutscher Leerstelle. Von Manuel Neuer war dieser Tage zu hören, dass das vollständige Auskurieren seines Fußbruches weit länger dauern könnte als zunächst gedacht: womöglich bis zu einem halben Jahr. Der Bundestrainer würde zur Not auch bis zur letzten Minute auf Neuer warten, so wie vor der WM in Brasilien.

Dort war er ein maßgeblicher Faktor für den Titelgewinn und strahlt seitdem eine Aura aus, an die Marc-André ter Stegen und Bernd Leno bei allen Qualitäten nicht herankommen. Die benötigt Löw nicht gegen Aserbaidschan, Nordirland oder San Marino, bei einer WM aber ganz bestimmt. Löw wird Neuers Schritte mit Spannung und womöglich auch ein wenig Sorge verfolgen – selbst wenn er es da zumindest besser hat als sein Kollege Jupp Heynckes beim FC Bayern. Für den beginnt der Ernstfall nicht in ein paar Monaten. Sondern sofort.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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