Timo Werner & Leroy Sané

Gebremste Tempomacher im DFB-Team

Von Michael Horeni, Köln
 - 16:12

An einem jener Tage, an denen diesmal sogar für Italien und insgesamt ein Dutzend europäischer Nationen die Teilnahme an der Weltmeisterschaft noch auf dem Spiel steht, hat es sich die deutsche Nationalmannschaft zur Gewohnheit gemacht, ihren Jahresabschluss zu feiern. Mit nervenaufreibenden K.-o.-Spielen um die letzten Qualifikationsplätze haben die Deutschen ja nun schon auch eine kleine Ewigkeit nichts mehr zu tun. Zum letzten Mal war das vor 16 Jahren nötig.

Damals nannte sich der Bundestrainer noch Teamchef und hieß Rudi Völler. Aber solche Zeiten, als es in zwei Spielen auch für Deutschland noch um alles ging, hat kein Spieler und kein Trainer aus dem aktuellen DFB-Team je erlebt. Die Nationalmannschaft von heute, die sich mit zehn Siegen in zehn WM-Qualifikationsspielen mit einem Rekordergebnis für die WM 2018 in Russland qualifiziert hatte, kann sich in jenen Tagen, in denen noch viele andere Nationalmannschaften zittern müssen, um ihr Ausflugsprogramm kümmern.

Diesmal entschied sich der Weltmeister, seinen freien Tag vor dem sportlichen Jahresabschluss an diesem Dienstag gegen Frankreich noch in London zu verbringen – und dort machte die Nationalelf dann noch einmal richtig Tempo, ganz anders jedenfalls als am Abend zuvor beim vor allem in der zweiten Halbzeit lahmen 0:0 im Wembley-Stadion. Am Samstag rasten die Spieler dann immerhin auf der Themse auf einem Speedboot von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, danach stand noch eine Fahrt im London Eye auf dem Programm. Der Ausflug der Nationalelf nach London hat sich also doch noch gelohnt.

Sportlich allerdings konnte der Bundestrainer nicht viel mit dem letzten Auswärtsspiel des Jahres an historischer Fußballstätte anfangen. Ihm war es auf dem Rasen viel zu langsam vorangegangen. „Wir müssen nach Ballgewinnen schneller umschalten, mit Dynamik zum Tor. Das haben wir versäumt“, kritisierte Joachim Löw. Bis zur Weltmeisterschaft werde man das unbedingt noch „einschleifen“ müssen im Team.

Tatsächlich schaffte es die deutsche Mannschaft gegen England kaum, ihr größtes Potential, das sie seit der Europameisterschaft in Frankreich hinzugewonnen hat, auch entsprechend auszuspielen: das enorme Tempo, über das sie mit Timo Werner und Leroy Sané nun im Angriff verfügt – zumindest potentiell. Aber die Mittelfeldspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan schafften es in London viel zu selten, nach Ballgewinn diese Stärke auch tatsächlich ins Spiel zu bringen.

Das könnte vielleicht schon an diesem Dienstag gegen in Köln beim letzten Spiel des Jahres gegen Frankreich schon besser werden, falls Löw es nochmals mit Werner und Sané versuchen sollte. Denn die beiden 21 Jahre alten Stürmer von RB Leipzig und Manchester City sind das schnellste Spitzen-Duo, das es wohl je gab in der langen Geschichte der Nationalmannschaft – und treffsicher dazu.

Von der enormen Geschwindigkeit jedoch, die beide in ihren Klubs auf den Platz bringen, war beim 0:0 gegen England im DFB-Team überraschend wenig zu sehen gewesen. Werner wurde nur einmal pro Halbzeit aus dem Mittelfeld heraus mit einem Pass in die Tiefe so freigespielt, dass er in vollem Tempo freie Bahn hatte. Er kam dann zwar auch zum Abschluss, aber der englische Torwart-Debütant Pickford reagierte stark. Das rekordverdächtige Tempo, das in Sané steckt, konnte die Nationalmannschaft in London dagegen überhaupt nicht zu schnellen Angriffen nutzen.

In der Tabelle der schnellsten Spieler, die in der Premier League seit wenigen Jahren geführt wird, steht der Angreifer von Manchester City an erster Stelle – mit einer bei einem seiner unwiderstehlichen Sprints gemessenen Höchstgeschwindigkeit von 35,48 Kilometern pro Stunde.

Auch deswegen, weil sich so großes Tempo eben nicht lernen lässt, hatte sich Pep Guardiola den ehemaligen Schalker nach der Europameisterschaft in Frankreich für 50 Millionen Euro in sein Team kaufen lassen. In dieser Saison hat Sané dort nun den Durchbruch zum Stammspieler geschafft. Aber nicht nur das. Nach elf Spieltagen führt sein Klub mit acht Punkten Vorsprung die Tabelle an – und der Anteil von Sané daran ist nicht gerade gering.

Kein anderer Spieler in der Premier League war in dieser Saison an so vielen Toren beteiligt wie Sané, der sechs Tore erzielte und fünf Vorlagen in elf Spielen gab. Damit ist er für mehr als ein Drittel aller Treffer von Manchester City mitverantwortlich.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

In der Nationalmannschaft hat es für den Sohn des früheren Nürnberger und Wattenscheider Bundesligaspielers Souleymane Sané dagegen in neun Länderspielen bisher noch nicht zu einem einzigen Treffer gereicht. Und so war Sané, der bei der Europameisterschaft 2016 nur in den letzten Minuten während der 0: 2-Niederlage gegen Frankreich zum Einsatz gekommen war, auch wirklich enttäuscht, dass er seine Torchancen gegen England nicht nutzen konnte. „Mich ärgert das sehr“, sagte der in der Nationalelf noch längst nicht etablierte Stürmer, der in Wembley gegen England nur zu gerne sein erstes Tor für Deutschland geschossen hätte.

Aber in der 20. Minute landete sein schöner Schuss von der Strafraumkante nur an der Unterkante der Latte und prallte von dort vor der Linie wieder auf, wie der Schiedsrichter richtig erkannte. Also kein Wembley-Tor, aber das hätte es angesichts des Videobeweises, der auch in dieser Partie eingesetzt wurde, ohnehin nicht mehr geben können. Zwei Minuten später scheiterte Sané dann bei einer deutschen Dreifach-Chance innerhalb weniger Sekunden mit seinem Schuss am englischen Verteidiger Jones, der den Ball kurz vor der Linie noch mit dem Kopf abwehrte.

Timo Werner war dagegen trotz des torlosen Auftritts zufrieden. Der Leipziger Stürmer, der mit sechs Treffern auf Rang drei der Bundesliga-Torjägerliste liegt, fand auch, dass der junge, schnelle, aber torlose Sturm von Wembley Zukunft haben sollte. „Mit ein bisschen Glück schießt er ein Tor und ich zwei, dann gewinnen wir 3:0, und alles ist gut.“ Werner nahm wie selbstverständlich auch schon die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer in den Blick. „Wenn sie bei der WM gegen England reingehen, ist mir das lieber.

Ich hätte sicher noch etwas plazierter schießen müssen“, sagte er zu seinen beiden Chancen. „Wir haben England über das ganze Spiel nicht viele Chancen zugestanden, aber wir haben es leider verpasst, das ein oder andere Tor zu schießen. Aber wir brauchen nicht traurig sein. Es war ein guter Test.“

Das Spiel an diesem Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nationalmannschaft und in der ARD) in Köln gegen Frankreich sei nun nochmals ein echter und letzter Härtetest zum Abschluss dieses Jahres. „Die Franzosen haben viele schnelle Spieler“, sagte Tempoexperte Werner zur größten Stärke eines der großen WM-Favoriten. „Aber trotzdem wollen wir das Jahr mit einem Sieg oder zumindest ohne Niederlage beenden – und mit einem guten Spiel.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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