WM-Finale gegen Argentinien

Sieben Gründe, warum Deutschland gewinnt

Von Achim Dreis
 - 12:12
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An diesem Sonntag um 21.00 Uhr (Live in der ARD und im WM-Ticker bei FAZ.NET) kommt es zum großen Finale: Argentinien gegen Deutschland. Eine Begegnung, die es schon zwei Mal als Endspiel gab. Nach Finalsiegen steht es 1:1, doch die jüngsten WM-Duelle in den Viertelfinals 2006 und 2010 endeten jeweils mit einem Sieg für Deutschland. Wir nennen sieben gute Gründe, warum die DFB-Elf auch in Rio gewinnt.

1. Manuel Neuer: Er ist der Schutzmann des deutschen Erfolgs. Zuletzt bewiesen im Halbfinale gegen Brasilien, als er einen aufkeimenden Disput zwischen Boateng und Marcelo mit ausgebreiteten Armen unterband. Da wurde manchem erst klar, was für ein „Schrank“ dieser Neuer eigentlich ist. Dank seiner sachlichen Spielweise auf der Linie wirkt er sonst gar nicht so furchteinflößend. Und bei seinen Ausflügen jenseits der Strafraumgrenze kommt er eher spielerisch leicht daher. Aber egal, ob als fliegender Torwart, als intelligenter Interviewpartner, als stoischer Keeper oder als resoluter Schlichter: auf „Manu“, den Libero, und Neuer, den Torwart, ist stets Verlass.

2. Thomas Müller: Der unorthodoxe, mitreißende Stürmer mit der Nummer 13 ist auf dem besten Weg, seinen großen Namens- und Nummernvetter Gerd zu kopieren und sogar zu übertreffen: „Kleines, dickes Müller“ wurde bei seiner ersten WM (1970) Torschützenkönig, Deutschland besiegte Uruguay im Spiel um Platz drei. Bei seiner zweiten WM-Teilnahme (1974) wurde Gerd Müller mit Deutschland Weltmeister – und schoss im Finale das entscheidende Tor.

Auch Thomas wurde bei seiner ersten WM (2010) Torschützenkönig. Und Deutschland besiegte Uruguay im Spiel um Platz drei. Bei seiner zweiten WM-Teilnahme (2014) könnte Müller nun mit Deutschland Weltmeister werden – und sollte er auch wieder nur ein Tor schießen, ob das entscheidende oder ein anderes, wäre er wohl abermals Torschützenkönig der WM (es sei denn Messi trifft dreimal, aber das wollen wir mal ausklammern). Das kann kein Zufall sein.

3. Diego Maradona: Seine erste WM 1982 endete mit einer Roten Karte, seine letzte als Spieler 1994 mit einer positiven Doping-Probe. 2006 machte er als hyperaktives Maskottchen auf sich aufmerksam, 2010 als überforderter Trainer-Darsteller. Derzeit gibt er den alleswissenden Fußball-Experten „von links“. So unstet sein Charakter, so konstant seine Präsenz als argentinischer Fußball-Gott.

Dabei glänzte er im Grunde nur bei einer einzigen WM: 1986 strahlte sein Stern jedoch so hell, dass die Frage „Maradona oder Pelé?“ nach dem Weltbesten seitdem den halben südamerikanischen Kontinent beschäftigt – anstatt sich um ein brauchbares Spielkonzept zu bemühen, das über destruktive Raumverengung und Hoffnung auf den magischen Moment in der Offensive hinausgeht. Maradona spiegelt in seiner Person den ganzen faden Glanz und das konzeptionelle Elend der Albiceleste wider.

4. Lionel Messi: Auch er wird inzwischen von den Argentiniern verehrt wie ein Fußball-Heiliger. Wie einst bei Maradona ist das ganze argentinische Spiel auf den einen ausgerichtet, der mit seinem genialen linken Fuß den Unterschied ausmachen kann. Messi, der Messias auf dem grünen Rasen. Gebt ihm den Ball, er wird es schon richten. Doch wehe, der kleine Mann kommt nicht ins Spiel. Dann schleicht er fast schon lustlos übers Feld, nimmt gar nicht teil am Geschehen, das ohne sein Zutun bei den Himmelblau-Weißen von fast schon brutaler Langeweile geprägt ist.

Maradona hatte im Finale 1986 seinen Burruchaga, dem er den Ball in einem genialen Moment in den Lauf zum Tor schicken konnte. Im Endspiel 1990 fehlte ihm sein Caniggia als kongenialer Passempfänger, deshalb reichte ein Buchwald, um ihn auszuschalten. 2014 könnte Messi einen di Maria gebrauchen, um von sich abzulenken. Und sich zugleich in Szene zu setzen. Doch di Marias Einsatz ist wegen einer Verletzung stark gefährdet.

5. Brasilien: Der Trauer folgten die Wut und der Hass. Brasiliens Fußball-Fans sind nach dem Debakel der Selecao gegen Deutschland fertig mit dieser WM. Fast fertig. Denn das letzte, was sie jetzt noch gebrauchen können, wäre ein Endspielsieg des ungeliebten Nachbarn Argentinien. Diese Schmach würde das Trauma von 1950, der Niederlage im letzten WM-Spiel gegen Uruguay, und vor allem das 1:7 gegen Deutschland vom Halbfinale 2014 noch steigern. Deshalb wird das brasilianische Fußball-Publikum der deutschen Mannschaft die Daumen drücken und sie entsprechend anfeuern. Dann hätte man wenigstens gegen den Weltmeister verloren und müsste nicht auf ewige Zeiten auch noch die hochnäsigen Gesichter der Gauchos ertragen.

6. Statistik: Noch nie hat eine europäische Mannschaft auf dem amerikanischen Kontinent den WM-Titel gewonnen. Sieben Turniere gab es dort bislang: 1930 in Uruguay, 1950 in Brasilien, 1962 in Chile, 1970 und 1986 in Mexiko, 1978 in Argentinien und 1994 in den Vereinigten Staaten. Drei Mal gewann Brasilien, je zwei Mal Argentinien und Uruguay. Noch nie hatte bis 2010 aber auch eine europäische Mannschaft überhaupt einen Titel außerhalb Europas gewonnen. Diesen Bann brachen die Spanier vor vier Jahren mit dem Endspielsieg in Südafrika allerdings. Und welches Team, wenn nicht das deutsche 2014, wäre würdig, es den Spaniern nachzumachen?

7. Joachim Löw: Auch wenn es vielen Stammtischfußball-Experten nicht passt, die den Bundestrainer wegen seiner schicken Hemden, seiner unverwüstlichen Frisur, seiner Reklame oder seines Dialekts nicht ernst nehmen können: Joachim Löw steht vor seiner Krönung als Cheftrainer. Und er hat sie sich verdient. Seine bisherige Bilanz ist schon beeindruckend: EM-Zweiter 2008, WM-Dritter 2010, EM-Halbfinalteilnehmer 2012.

Doch viele Oberkritiker haben bemängelt, dass der entscheidende letzte Schritt stets fehlte und Deutschland trotz zweier Generationen hochbegabter Kicker keinen neuen Titel gewann. Hauptargument: Löw habe falsch aufgestellt und/oder falsch gecoacht. Bei dieser WM hat er dagegen bislang vieles richtig gemacht: die Mannschaft gut ein- und die Aufstellung in den richtigen Momenten umgestellt (ob aus eigener Initiative oder dank guter Berater sei dahingestellt). Die Mannschaft steigerte sich im Verlauf des Turniers, Löw wirkt souverän, und sein Team hat Ergebnisse erzielt, die nicht nur zum Weiterkommen reichten, sondern Respekt, Lob und Bewunderung auf der ganzen Fußball-Welt hervorriefen. Jetzt fehlt noch ein letzter Schritt. Wäre doch gelacht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreis, Achim (ad)
Achim Dreis
Sportredakteur.
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