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WM-Qualifikation für DFB-Team

Die Nationalelf ist eine Welt für sich

Von Michael Horeni
 - 08:29
Auf geht es nach Russland: Die DFB-Elf qualifiziert sich für die WM 2018. Bild: Reuters, FAZ.NET

Es ist gerade einmal eine Woche her, dass den deutschen Fußball erstmals seit vielen Jahren wieder Selbstzweifel befielen. Nach sechs Niederlagen in sechs Europacup-Spielen der Bundesligaklubs warnte der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann, dass sich in Deutschland wieder ein bisschen zu Selbstzufriedenheit breit gemacht habe. Der frühere DFB- und Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer stellte fest, dass der Bundesliga im Moment leider die „höchste Qualität“ fehle, man müsse sich den Spiegel vor die Nase halten und sich wieder mehr mit dem Thema Leistung auseinandersetzen anstatt sich hinter Scheindiskussionen ums große Geld zu verstecken. Und nicht zuletzt Bundestrainer Joachim Löw nannte die Niederlagenserie im Land der Weltmeister „alarmierend“.

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Sieben Tage später, nach dem neunten Sieg im neunten Spiel der WM-Qualifikation, steht der deutsche Fußball in Europa so gut da wie kein anderes Land. Der verdiente und völlig ungefährdete 3:1-Sieg über den EM-Achtelfinalisten Nordirland in Belfast bedeutete nicht nur die vorzeitige Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Russland mit bisher maximaler Punkteausbeute. Bei 27 Punkten und 38:3-Toren kann keine andere Nation in den neun europäischen Gruppen mithalten. Und nach seinem ersten und dazu ganz wunderbaren Tor in der Nationalelf sagte der starke Bayern-Mittelfeldspieler Sebastian Rudy wie selbstverständlich: „Wir fahren nach Russland, um was zu reißen. Wir wollen den Titel dort erfolgreich verteidigen.“ Die Nationalmannschaft, so scheint es, ist in Fußball-Deutschland wieder eine Welt für sich.

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie die Nationalmannschaft seit dem Einstieg von Joachim Löw beim DFB erst als Assistent und dann als Bundestrainer vor nun insgesamt schon 13 Jahren ihre Qualität schnell gesteigert und dann trotz mancher Rückschläge nie ihren internationalen Führungsanspruch aufgeben musste. Der Sieg gegen die seit über vier Jahren zuhause in Pflichtspielen unbesiegten Nordiren machte von der ersten Minute an klar, dass der deutsche Fußball zumindest in der Nationalmannschaft auf eine gewachsene und sich wieder erneuernde Stärke auch bei der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer verlassen darf.

Sebastian Rudy fiel nicht nur wegen seines spektakulären Führungstreffers nach 77 Sekunden auf, als sein Distanzschuss genau im Torwinkel einschlug und der Nationalelf früh den erfolgreichen Weg wies. Rudy war als umsichtige Anspiel- und Ballverteilerstation einer der stärksten Spieler auf dem Platz, sogar noch ein wenig auffälliger und effektiver als sein Nebenmann Toni Kroos.

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Rudy war weder im WM-Kader von Brasilien noch bei der Europameisterschaft in Frankreich dabei. Er gehört damit genau zu den Spielern, die seit gut einem Jahr für Frische, Konkurrenzkampf und Erneuerung beim Weltmeister sorgen. Auch die beiden weiteren Torschützen, der überzeugende Sandro Wagner war nach 21 Minuten zum 2:0 erfolgreich und der starke Joshua Kimmich in der 86. Minute zum 3:0, sind treffliche Belege für die erfreuliche Entwicklung der Nationalelf seit der Europameisterschaft. Dort hatten auch Joachim Löw und die Nationalelf erlebt, wenngleich auf hohem Niveau, dass Selbstzufriedenheit noch niemand geholfen hat, sich seine Träume zu erfüllen.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Nicht nur mit Blick auf die vor Wochenfrist in Europa von Schweden bis Bulgarien, über Paris und Madrid allesamt gescheiterten Bundesligaklubs war der 3:1-Sieg in Nordirland bemerkenswerter, als er sonst auf den ersten Blick erschienen wäre. Das Team von Trainer Michael O’Neill hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter bis nun schon auf Rang zwanzig der Weltrangliste vorgearbeitet (die durchschnittliche Plazierung liegt bei Rang 69) und es verfügt über eine starke Defensive. „Das war gar nicht so einfach“, sagte Joshua Kimmich, der nach drei Spielen mit dem FC Bayern ohne Sieg mit schwierigen Spielen zuletzt mehr Erfahrung gemacht hat, als ihm und dem Rekordmeister lieb war. „Entscheidend war, dass wir früh in Führung gegangen sind, dass wir direkt hellwach und da waren. Wir wussten natürlich, dass die Nordiren noch kein Gegentor bekommen hatten, außer die ersten beiden gegen uns im Hinspiel. Daher wussten wir, dass es schwer werden würde.“

Tatsächlich sah es von Beginn an ganz leicht aus, wie der Weltmeister dominierte und zu seinen Toren kam. Schon vor dem 2:0 durch Wagner hatte der Hoffenheimer Stürmer zwei weitere gute Möglichkeiten, darunter einen artistischen Kopfball, der am Pfosten landete. „Ich bin schon zufrieden. Wir haben nach dem frühen 1:0 schnell nachgelegt. In Tschechien sind wir auch früh in Führung gegangen und haben dann etwas den Faden verloren (2:1, Anmerkung der Redaktion). Das ist uns heute nicht passiert. Wir haben auf dem Platz gespürt, dass wir in der zweiten Hälfte alles unter Kontrolle haben. Da haben wir dann das Tempo etwas rausgenommen“, stellte Bundestrainer Löw nach dem neunten Sieg in Folge zutreffend fest.

An diesem Sonntag (20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) soll die Bilanz beim Heimspiel in Kaiserslautern gegen Aserbaidschan gerundet werden. Der zehnte Sieg im zehnten Qualifikationsspiel dürfte für den Weltmeister gegen den krassen Außenseiter keine große Sache sein. Ganz anders als im Europapokal beschäftigt die deutschen Fußballfans nicht die Frage, ob, sondern nur wie hoch die deutsche Mannschaft dieses letzte Spiel auf dem Weg zur WM und zur Titelverteidigung gewinnt.

Quelle: FAZ.NET
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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