Fußballspieler aus Argentinien

Das Land der Künstler

Von Christian Eichler
 - 13:40
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Es ist ein seltsames Fußball-Land, dieses Argentinien. Das Land der großen Spielverderber. Und das Land der größten Spieler. Keine andere Fußballnation, nicht mal Italien, hat diese beiden Extreme des Fußballs so erfolgreich vereint wie sie. Ganz anders als etwa die Brasilianer, die immer vom „jogo bonito“ träumen, dem schönen Spiel, waren die Argentinier stets bereit, auch unschön zu gewinnen, mit Defensive, mit Destruktion, mit Härte und Hässlichkeit. Andererseits schenkten sie dem Fußball einige der schönsten Momente. Vor allem durch drei unvergleichliche Künstler.

Alfredo Di Stéfano, Diego Maradona und Lionel Messi - kein anderes Land kann sich rühmen, gleich drei der größten zehn Spieler der Geschichte hervorgebracht zu haben. Kurios dabei ist, dass die große Fußballnation Italien nie einen Einzelkönner dieser Klasse hervorbrachte - dass diese drei aber väterlicherseits italienische Wurzeln haben; mütterlicherseits dazu französisch-irische (Di Stéfano), dalmatinische (Maradona) und katalanische (Messi).

Di Stéfano wäre fast bei Barça gelandet

Alle drei waren sie Wunderkinder. Di Stéfano schaffte als Teenager den Sprung in die berühmteste Sturmreihe der vierziger Jahre, die legendäre „Maquina“ von River Plate in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Maradona ließ sich als Zwölfjähriger in seinem unschlagbaren Jugendteam „Die Zwiebelchen“ minutenlang nicht vom Ball trennen und war mit 16 Nationalspieler. Messi umdribbelte, kaum dass er laufen konnte, die Stühle der elterlichen Wohnung und gab mit 16 sein Debüt im Profiteam des FC Barcelona, als Jüngster der Klubgeschichte.

Auch Di Stéfano wäre wie Maradona und Messi fast bei Barça gelandet, das ihn 1953 schon unter Vertrag hatte. Doch Real Madrid sicherte sich den „blonden Pfeil“ noch mit einer hohen Ablöse und angeblich auch mit Hilfe von Diktator Franco. Dieser Deal war die eigentliche Gründungslegende des Vereins, den die fünf Europapokalsiege mit Di Stéfano zum berühmtesten der Welt machten. Di Stéfano war, glaubt man Augenzeugen, der erste „totale Fußballer“, der vom reinen Torjäger (405 Tore für Real) zum stürmenden Spielmacher und alles bestimmenden Strategen wurde. Nur eins blieb ihm verwehrt. Weil 1946 keine WM stattfand, Argentinien 1950 nicht teilnahm, er dann wegen seiner Wechsel nach Kolumbien und Spanien nicht spielen durfte und 1962, endlich mit Spanien dabei, verletzt war, wurde er der größte Fußballer der Geschichte, der nie bei einer WM spielte.

Messi hat „alles von Maradona studiert“

Maradona dagegen machte die WM 1986 zur Bühne seiner Legendenwerdung. Messi kann es ihm im Finale an diesem Sonntag nachmachen. Di Stéfano war ein Solitär, Maradona und Messi haben in ihrer Karriere viele Gemeinsamkeiten. Beide Linksfüßer von kleinem Wuchs, führten sie Argentinien zum Gewinn der Junioren-WM, machten früh ihre Länderspieldebüts, beide gegen Ungarn (wobei Messi nach 44 Sekunden die Rote Karte bekam), wurden beide sehr jung, Maradona mit 17, Messi mit 19, für eine WM nominiert, doch in den entscheidenden Spielen 1978 und 2006 nicht eingesetzt.

„Ich habe nicht viele Videos von Pelé, Di Stefano oder Cruyff gesehen, aber ich habe alles von Maradona studiert“, sagt Messi - der das „Jahrhunderttor“ von Maradona im WM-Viertelfinale 1986, ein Solo aus der eigenen Hälfte gegen England, fast deckungsgleich 2007 mit Barça gegen Getafe wiederholte. Als Sechsjähriger jubelte Messi Maradona im Stadion zu, als der 33-jährige Altstar seinen Einstand bei Messis Heimatklub Newell’s Old Boys mit einem Siegtor feierte.

Zwölf Jahre später jubelte Maradona ihm zu. Nach seinen zwei Toren im Finale der Junioren-WM bekam Messi einen „unvergesslichen“ Anruf von seinem Idol - das ihm sagte, er sei stolz auf ihn und dass er ihm ähnlich sei. Kurz danach gab es eine Einladung in Maradonas Fernseh-Show „Die Nacht der 10“, wo er zusammen mit Carlos Tévez in einer Partie Kopfball-Tennis Maradona an der Seite von Enzo Francescoli schlug - die einzige Niederlage, die Maradona in seiner Sendung je erlitt.

Der neue Stil unter Sabella

„Die Parallelen zwischen Maradonas und Messis Karriere sind auffällig“, sagt Carlos Bilardo, der Maradona, genau wie nun Alejandro Sabello es bei Messi tat, zum Kapitän der Nationelf machte - und das eine der wichtigsten Entscheidungen auf dem Weg zum WM-Titel 1986 nannte. Von ihrer Spielweise allerdings sind die beiden großen kleinen Zehner sehr unterschiedlich. Das spiegelt sich in den taktischen Veränderungen, die ihre Trainer für sie unternahmen. Bilardo wechselte von einem 4-3-3 zu einem 3-5-2, weil es Maradona den Spielraum gab, den er wollte. Sabella ging für Messi den umgekehrten Weg vom 5-3-2 zu einem 4-3-3, weil Messi immer viele andere Angreifer um sich herum will.

Früher versuchten die Argentinier das Barça-Modell zu kopieren, damit sich Messi wohl fühlte - es gelang nie, einmal blieb er gar 16 Wettkampfspiele in Folge mit der „Albiceleste“ ohne Treffer und wurde vom eigenen Publikum ausgepfiffen. Unter Sabella hat Argentinien einen anderen Stil, kompakt, auf Konter lauernd. Nicht schön, aber bisher erfolgreich. Bei der WM traf Messi schon viermal, allerdings nur in der Vorrunde - während Maradona sich seine besten Tage für die wichtigsten Spiele aufhob.

Im Finale 1986 spielte er den Pass zum 3:2-Siegtreffer. Auch Messis Krönung stellt sich im Endspiel 2014 der Gegner Deutschland in den Weg - finale Parallele zweier großer Karrieren. Dabei sind und bleiben sie letztlich so unvergleichlich, wie sie unterschiedlich sind. Maradona war in seinem phantastisch emotionalen Spiel und seinem zügellosen Privatleben ein Extremist. Messi ist in allem ein Minimalist.

Erst ein paar Stunden nach dem Finaleinzug gab es zumindest geschriebene Worte der Ekstase durch Messi. „Was für ein Wahnsinn“, teilte er über „Facebook“ mit, nachdem er mit drei Bodyguards das Stadion in São Paulo nach dem Halbfinale gegen Holland durch einen Seitenausgang verlassen hatte. „Es fehlt nur noch ein kleiner Schritt.“ Maradona wird im Maracanã zuschauen, ob er Messi gelingt, der letzte kleine Schritt, um sein Nachfolger zu werden. Di Stéfano wird es nicht mehr miterleben, er starb am Montag mit 88 Jahren. „Ich war ein Typ, der auf dem Platz alles gab, was er hatte“, sagte er in einem seiner letzten Interviews. „Ich hätte für immer weitergespielt, wenn ich gekonnt hätte.“

Das aber kann niemand. 1994 war das Spiel aus für Maradona, als man ihn bei der WM des Dopings mit Schlankheitsmitteln überführte. Und 2014 ist womöglich schon die letzte Chance für Messi, sich ein Denkmal zu errichten - bei der nächsten WM wird er fast 31 sein. Der weise Di Stéfano wusste ohnehin, dass die Denkmäler nicht Fußballern gebühren. Vor dem Eingang seines Hauses in Madrid hatte er sein Denkmal dem wahren Star des Spiels errichtet. Ein Ball aus Bronze, darauf die Inschrift: „Danke, Süße.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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