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Fußball-Nationalmannschaft

Die Bayern machen Löw keine Sorgen

Von Christian Kamp, Belfast
 - 17:53
Ganz schön nass hier: Joachim Löw beim Training in Belfast. Bild: dpa, F.A.Z.

Und übrigens: Keine Fragen zu den Bayern. Das Spielfeld war abgesteckt, noch bevor Jerome Boateng am Dienstag über den Trainingsplatz am Frankfurter Stadion herüberspaziert kam, zu einer informellen Gesprächsrunde. Ein Mitarbeiter der Medienabteilung des Deutschen Fußball-Bundes hatte die kleine, aber nicht unwesentliche Direktive ausgegeben. Und so plauderte Jerome Boateng über dieses über jenes, über sein Befinden nach monatelanger Verletzungspause, über das WM-Qualifikationsspiel an diesem Donnerstag gegen Nordirland, und auch über das „sehr freundschaftliche, familiäre“ Klima bei der Nationalmannschaft. Als dann ein Reporter, der die hoheitliche Dienstanweisung nicht mitbekommen hatte, wissen wollte, wie er, Boateng, sich denn gefühlt habe auf der Tribüne beim 0:3 der Bayern in Paris, verstummte Boateng, ein Mitarbeiter der Medienabteilung schritt ein – Themawechsel, bitte.

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Die Botschaft war ja auch so angekommen. Nationalmannschaft ist Nationalmannschaft und Verein ist Verein. Passend dazu hatte Oliver Bierhoff – gerade gemeinsam mit den Bayern aus München angereist – bemerkt, dass es „manchmal schön“ sei, „aus dem Trott des Vereinslebens rauszukommen, wo es nicht immer leicht ist für viele Spieler“. Bierhoff berichtete auch, dass die Bayern-Spieler „entspannt“ seien und mit „einem anderen Geist“ zum Nationalteam kämen. Aber natürlich stellte sich umgekehrt die Frage, ob eine Woche wie diese spurlos an der Nationalmannschaft vorübergegangen sein konnte. Eine Woche, in der zum einen der führende Klub des Landes erst von den neureichen Parisern gedemütigt wurde, dann sein gescheitertes Trainermodell mit einem Krachen über den Haufen warf und schließlich sogar fürs Erste auch den nationalen Führungsanspruch aufgab. Und in der, zum anderen, der deutsche Fußball insgesamt eine niederschmetternde Nullrunde mit sechs Pleiten in sechs europäischen Spielen hingelegt hatte.

Am Mittwoch bei der Pressekonferenz in Belfast mit Mats Hummels und Joachim Löw herrschte diesbezüglich freies Spiel – man könnte sogar sagen: ein bemerkenswert offenes Wort. Um die Bayern, sagte der Bundestrainer zur Einleitung, mache er sich keine Sorgen. Die erlebten so eine Situation „nicht das allererste Mal“ und wüssten schon damit umzugehen. Was den deutschen Vereinsfußball insgesamt angeht, klang das allerdings schon ganz anders. Da nahm Löw mit Verve die Position des Mahners ein. Er wurde geradezu sarkastisch, als er sagte, dass man, „wenn man ein bisschen zurückgeht in diesem Jahrhundert“, ja nicht auf allzu viele internationale Titel stoßen würde. Wer immer behauptet habe, die Bundesliga sei die beste der Welt, „sollte sich ein bisschen hinterfragen“. Löw nannte die deutsche Pleitenwoche „ein wenig alarmierend“ und fügte hinzu, dass er sich bereits seit längerem Gedanken darüber mache – auch, weil er sehe, wie in anderen Nationen, Löw nannte Frankreich, Spanien und England, „überragende junge Spieler“ zu sehen seien.

Es war unverkennbar, dass Löw den Elitegedanken, wie er ihn bei der Nationalmannschaft propagiert und pflegt, in der Bundesliga derzeit nicht zu seiner Zufriedenheit wiederfindet. Das konnte man kritische Distanz nennen – oder auch einen Warnschuss wider deutsche Selbstgefälligkeit. Den man nicht nur bei den Vereinen, sondern auch in der Zentrale der Deutschen Fußball-Liga vernommen haben wird. Ganz ähnlich klang es bei Hummels, der sagte, dass „die Nationalmannschaft definitiv auf Weltniveau agiert“ – bei den Vereinen sei das so nicht der Fall, er sprach von „Einzelfällen“. Ob er seine Bayern in derzeitiger Verfassung dazuzählt, konnte man nur vermuten.

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Was das alles für den deutschen Fußball bedeutet? Kurzfristig erst einmal wenig. Den für die Buchung der Russland-Reise noch fehlenden Punkt wird die Mannschaft an diesem Donnerstag in Belfast (20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) oder, unwahrscheinlich genug, erst am Sonntag in Kaiserslautern gegen Aserbaidschan (20.45 Uhr / Live bei RTL und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) holen. Viel wahrscheinlicher ist, dass das deutsche Team die Qualifikation mit einem makellosen Ergebnis abschließen wird, so wie zuletzt vor der EM 2012.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Dass das allerdings noch nichts garantiert, zeigte sich dann beim Turnier, als Löws Mannschaft sich auch durch Reibungsverluste das Leben selbst schwermachte: spezifisch bayerische nach der Niederlage im Champions-League-Finale „dahoam“ gegen Chelsea, aber auch teaminterne zwischen den angekratzten Münchnern und den vor Selbstbewusstsein strotzenden Dortmunder Borussen. Andersherum war ein Bayern-Block mit breiter Brust ein durchaus gewichtiger Faktor beim WM-Gewinn 2014 in Brasilien – einem Zeitpunkt, zu dem der deutsche Fußball auch dank des BVB prächtig und mächtig wie nie erschien.

Dass sich nun von der Borussia, der ausweislich der Tabelle wieder besten deutschen Mannschaft, kein einziger Abgeordneter für die Qualifikationsspiele fand, fügt sich ins derzeit etwas in Schieflage geratene Bild des deutschen Fußballs. Das wird sich zwar wohl bald ändern, wenn Mario Götze zurückkommt und vielleicht auch Maximilian Philipp dazu. Beim Blick auf die Gesamtstruktur des Kaders dürfte es nach Lage der Dinge – und in Löws Sicht – aber wieder auf eine alte, fast archaisch anmutende Weisheit zurückkommen: Eine starke, selbstbewusste Bayern-Fraktion hat noch nie geschadet.

Belfast
WM-Qualifikation gegen Nordirland für Löw wie ein Finale

Selbst wenn Blockbildung längst nicht mehr die Bedeutung vergangener Epochen hat, braucht auch Löws Team ein Gerüst. Neben der großen Konstante, Toni Kroos, dem derzeit einzigen Weltklassespieler, der auch verlässlich in einem Weltklasseteam spielt, ist noch nicht ganz auszumachen, wer jenseits von Bayern für weltmeisterliche Verdrängung stehen soll. Es sind gar nicht so wenige Spieler, die zwar bei Klubs mit klangvollem Namen angestellt sind, sich dort aber entweder mit Verletzungen herumplagen (Gündogan, Khedira) oder einem harten Verdrängungswettbewerb ohne dauerhafte Einsatzgarantien ausgesetzt sind (Draxler, Sané). Löw wird also hoffen, dass seine Bayern in bester Verfassung zur WM reisen können – und zwar en gros. Ein Defensivblock mit Neuer im Tor, Hummels und Boateng in der Zentrale, dazu Kimmich auf Außen und Müller in der Offensive – daran dürfte es in Löws Idealvorstellung nichts zu rütteln geben.

Zugleich könnte man sagen, hat Carlo Ancelotti dem deutschen Fußball noch ein kleines Rätsel hinterlassen – oder vielleicht besser: eine provokante Frage. Was, wenn seine letzte Aufstellung in Paris doch nicht vor allem eine bockige Reaktion auf interne Kritik war? Sondern einen ganz ernsthaften Hinweis darstellen sollte, dass einige der bayerischen Denkmäler vielleicht wirklich nicht mehr sakrosankt sind, Müller etwa oder auch Boateng, mit dem er sich nicht anfreunden konnte? In jedem Fall wird auch Löw mit Interesse verfolgen, wer Ancelottis Nachfolge antritt. Auch wenn er das so nicht sagen würde, hat der neue Bayern-Coach mit Blick auf die WM im nächsten Jahr noch einen heimlichen Nebenjob: Assistent des Bundestrainers.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
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