Kommentar

Deutsche Extrakönner gesucht

Von Christian Kamp
 - 14:59

Als Joachim Löw am Freitag aufwachte, hatte ihn die Fußballwirklichkeit ein Stück weit überholt. Am Abend vorher noch, nach dem 3:1-Sieg in Belfast, hatte der Bundestrainer von der Qualität und Vielfalt der argentinischen Offensive geschwärmt und schien dabei auch, mit Blick auf die WM im nächsten Jahr, vor dieser Bedrohung warnen zu wollen. Nach dem 0:0 gegen Peru aber steht der vermeintlich große Rivale wie ein ziemlich nackter Mann da, auch wenn sich die Argentinier im letzten Qualifikationsspiel in Ecuador zumindest noch in die Play-offs retten können. Es ist eben auch anderswo nicht alles besser, schöner, toller – und nicht jede Mahnung des Bundestrainers muss gleich als grundsätzliche Gewinnwarnung beim Blick auf das WM-Projekt im nächsten Sommer verstanden werden.

Und doch war die kleine Brandrede, die der Bundestrainer in dieser Woche zum Zustand des deutschen Fußballs gehalten hat, bemerkens- und bedenkenswert. Keine Frage, Löw fehlt etwas in diesem Land. Oder besser: jenseits der Nationalmannschaft, die er, Stand heute, zu einem Musterbetrieb gemacht hat, in dem ein unbedingter Leistungswille mit einem hohen Wohlfühlfaktor einhergehen. Es wirkte fast, als spreche Löw von einem Deutschland der zwei Geschwindigkeiten, als er die Lage beim Nationalteam mit der bei den Vereinen kontrastierte.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Zu Beginn von Löws Schaffenszeit beim Nationalteam waren von ihm schon einmal wesentliche Impulse für eine Erneuerung des deutschen Fußballs ausgegangen, vor allem durch die jugendbewegte WM 2010 in Südafrika. Später jedoch schien es auch in Löws Reich eine gewisse Stagnation zu geben, während die Vereine für das besondere Momentum im deutschen Fußball standen. In den vergangenen Monaten hat Löw sich wieder zum Innovationsführer aufgeschwungen, seine Mannschaft setzt wie wenige andere auf Dominanz, beherrscht spielend verschiedene Systeme, kann hinten zwischen Dreier- und Viererkette wechseln und neuerdings auch im Sturm wieder höchst flexibel und effektiv zu Werke gehen. Vor allem aber verkörpern er und sein Team eine Mentalität, die – mit gewissen menschlichen Schwankungen – das Maximum aus den eigenen Möglichkeiten herausholen will.

Dass Löw jetzt Alarm schlägt, hat auch etwas damit zu tun, was um ihn und Deutschland herum passiert. Es ist eben so, dass anderswo Spielermodelle auftauchen, wie es sie made in Germany derzeit nicht gibt, Extrakönner in der Offensive etwa, wie der Franzose Mbappé es verkörpert: schnell, technisch großartig und zugleich heißhungrig. In der Kategorie Weltklasse hat Deutschland das so nicht zu bieten. Ob sich daran bis zur WM noch etwas ändert, erscheint fraglich. Draxler? Sané? Werner? Viel spricht dafür, dass die Deutschen auch in Russland wieder vor allem auf die Stärke des (allemal hochklassigen) Kollektivs setzen werden. Das kann für die Verteidigung des Titels reichen, lieber aber wäre es Löw gewiss, er hätte ein, zwei Leute, von denen er weiß, dass sie jederzeit den Unterschied machen können. Germany’s Next Superstar aber – der ist derzeit nicht in Sicht.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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