Kroatien besiegt England

Der sensationellste Finalist der WM-Geschichte

Von Christian Eichler, Moskau
 - 22:37

England träumte vom ersten Finale seit 52 Jahren. Doch am Ende war es Kroatien, das den Traum beendete und eine der größten Willensleistungen der WM-Geschichte vollendete. Nach den zwei Siegen über Dänemark und Russland nach Verlängerung und Elfmeterschießen gingen die Kroaten auch am Mittwoch im Moskauer Luschniki-Stadion über die volle Distanz und gewannen nach Verlängerung 2:1 gegen England. Sie treffen am Sonntag im Finale an derselben Stätte auf Frankreich.

Fussball-WM 2018

„Unser Traum geht weiter“, sagte der ehemalige Bundesliga-Profi und Kroatiens Ko-Trainer Ivica Olic. „Wir haben noch einen Schritt, dass unser Traum zum Ende kommt.“ Englands Top-Torschütze Harry Kane indes konnte seine Enttäuschung nicht verbergen: „Das tut verdammt weh. Wir haben uns so reingehängt, wir haben so hart gearbeitet.“ Trainer Gareth Southgate fügte hinzu: „Es war sehr schwer, irgendetwas zu sagen, dass sich die Spieler besser gefühlt hätten.“

Auch im dritten K.o.-Spiel waren die Kroaten früh in Rückstand geraten, durch einen Freistoß von Kieran Trippier (5. Minute), ehe Ivan Perisic nach 68 Minuten ausglich und Mario Mandzukic in der 108. Minute den Siegtreffer erzielte. Kroatien ist nach Uruguay, dem Weltmeister von 1930 und 1950, mit rund vier Millionen Einwohnern das kleinste Land, das je ein WM-Endspiel erreicht hat. Doch auch für die Engländer ist diese WM, bei aller Enttäuschung am Mittwoch, ein Erfolg. „Unsere Fans haben lange gelitten mit Blick auf den Fußball“, hatte Southgate schon vor dem Spiel erklärt. Den Nullpunkt seiner mehr als hundertfünfzigjährigen Fußballgeschichte hatte das Mutterland des Spiels vor zwei Jahren mit dem EM-Aus gegen Island erlebt. Nur zwei Jahre später steht England, komplett verjüngt und modernisiert unter dem seit September 2016 tätigen Southgate, unter den besten Teams der Welt.

Ausgerechnet der kroatische Regisseur Luka Modric, einer der herausragenden Spieler des Turniers, hatte seinem Team den denkbar schlechtesten Start beschert. Bereits beim ersten englischen Angriff kam er im Rückwärtslaufen einen Schritt zu spät und foulte Dele Alli, was den Engländern einen Freistoß in zentraler Position knapp vor dem Strafraum brachte. Trippier trat den Ball perfekt über die Mauer ins obere rechte Toreck – mit genug Drall, so dass der Ball über die Köpfe der hochspringenden Verteidiger, aber nicht über die Latte fliegen konnte, und zugleich mit genug Schärfe.

Torwart Danijel Subasic hatte keine Chance, ihn zu erreichen. Ausgelassen feierten die Engländer ihr bereits zwölftes Turniertor, neun davon nach ruhenden Bällen erzielt, ihre größte Stärke bei der WM, und wurden von ihrem erstmals großen Anhang bejubelt. Noch beim Achtelfinalerfolg im Elfmeterschießen gegen Kolumbien hatten sich weniger als tausend englische Zuschauer einen großen lateinamerikanischen Übermacht auf den Rängen gegenübergesehen – eine Folge der abgekühlten britisch-russischen Beziehungen, die viele Engländer von einem WM-Trip abgehalten hatte.

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Die Highlights im ZDF-VideoMandzukics goldenes Tor im WM-Halbfinale

Nach dem Sieg gegen Schweden aber hat eine wahre Invasion von der Insel eingesetzt, so dass Zehntausende singende Landsleute auf den Rängen des Luschniki-Stadions den Engländern die absolute Stimmungshoheit in Moskau verschafften. Die russischen Zuschauer wiederum konzentrierten sich darauf, den Kroaten Domagoj Vida auszubuhen, der sich zuvor mit einem ukrainefreundlichen Video aus der Kabine nach dem Sieg gegen Russland unbeliebt und eine Verwarnung der Fifa eingehandelt hatte.

Nach einer halben Stunde stand Kane, mit sechs Toren der beste Torjäger des Turniers, an diesem Abend aber enttäuschend, plötzlich am Fünfmeterraum völlig frei, scheiterte erst mit einem schwachen Abschluss an Subasic, wobei er den Querpass auf den vor dem leeren Tor einschussbereiten Raheem Sterling übersah, dann im Nachschuss aus spitzem Winkel am Pfosten. Der zurückprallende Ball wäre dann vom Körper des Torwarts um ein Haar doch noch im Tor gelandet, segelte dann aber hinter dem Kasten ins Toraus. Der Linienrichter hob zwar die Fahne, doch hätte Kane getroffen, wäre der Treffer vom Schiedsrichter mit Hilfe des Videobeweises mit großer Sicherheit für gültig erklärt worden, denn Kane hatte deutlich nicht im Abseits gestanden. Auf der Gegenseite rettete Andrew Young mit feiner Grätsche knapp vor Ante Rebic, worauf Jesse Lingard die nächste Großchance für England kläglich vergab. Von Dele Alli nahe dem Elfmeterpunkt freigespielt, entschied er sich für einen Abschluss mit der Innenseite, der größeren Genauigkeit wegen – und schoss dann Meter neben den einladenden Kasten.

Es dauerte über eine Stunde, bis die Kroaten wirklich torgefährlich wurden – und die Partie völlig drehten. In der 65. Minute bekam Perisic nach einer zu kurz abgewehrten Modric-Flanke die größte Ausgleichschance, doch sein Schuss aus 15 Meter landete statt im Tor in der empfindlichsten Körperregion von Kyle Walker – dem bei der längeren Behandlung, die nötig war, die gute alte viktorianische Empfehlung geholfen haben dürfte: „Schließ die Augen und denke an England.“

Zwei Minuten später war der Verteidiger dann wieder auf den Beinen, aber noch nicht ganz wieder auf der Höhe, als er eine Flanke von rechts mit einem tiefen Kopfball abzuwehren versuchte – und von dem toten Winkel nahenden Perisic überrascht wurde, der ihm mit dem Fuß zuvorkam und den Ausgleich erzielte. Gegen die plötzlich angeknockten Engländer lag dem Kroaten nur weitere zwei Minuten später sogar die Führung auf dem Fuß, doch sein Flachschuss von links prallte an den rechten Pfosten. Nach 83 Minuten musste Pickford sein Team bei einem harten Volley von Mario Mandzukic vor einem Rückstand bewahren, und eine Minute später hatte der Torwart Glück, als eine misslungene Faustabwehr bei Perisic landete, dessen Direktschuss aber über das verlassene Tor flog.

In der Verlängerung wehrte Vrsjalko auf der Torlinie die beste englische Chance, einen Kopfball von John Stones nach Ecke ab (99.). Dann kam Mandzukic der Entscheidung schon nahe, als er knapp vor Pickford den Ball erwischte, der Torwart diesen aber mit dem Fuß über die Latte lenken konnte. Doch drei Minuten später schlich sich der Stürmer bei einer Kopfballvorlage von Perisic hinter die englischen Verteidiger – und machte mit dem 2:1 sein Land zum sensationellsten Finalisten der WM-Geschichte. „Ich muss den Burschen gratulieren und sagen: Die sind nicht normal“, sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic. „Irre, wie sie gespielt haben, wie sie gerannt sind, wie sie gekämpft haben.“

Quelle: FAZ.NET
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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