Fußball-WM

Russlands Elf droht der Albtraum

Von Christian Eichler, Moskau
 - 14:30

Um die Leistungen des russischen Nationalteams zu ertragen, hilft einem Trainer Humor. Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow hat ihn. Gefragt, wie er bei der WM gegen den Star der Ägypter, Mohamed Salah, verteidigen wolle, sagte er im Mai: „Mit der Kalaschnikow!“ Ein herzliches Lachen ließ seinen Schnurrbart erzittern, ehe er die Frage dann doch noch ernsthaft beantwortete.

Vor dem WM-Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien an diesem Donnerstag (17 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und Sky) erhält Tschertschessow gegen die Stimmung im Lande seine grundoptimistische Ausstrahlung aufrecht. Jede seiner Aussagen hat den Tenor: Alles wird gut. „Alles ist schlecht“, titelte dagegen die Zeitung „Sport Express“ vor einer Woche nach dem 1:1 gegen die Türkei im letzten WM-Test. Was die Mannschaft zuletzt gezeigt habe, sei eine „Katastrophe, die in einem Albtraum enden könnte“.

Nur fünf Siege, alle gegen zweitklassige Konkurrenz, gelangen in zwanzig Spielen unter Tschertschessow. Selbst Wladimir Putin musste „leider zugeben, dass unsere Mannschaft zuletzt keine guten Ergebnisse erzielt hat“. Aber, so der Präsident, der die WM-Eröffnung im Luschniki-Stadion in Moskau besuchen wird, „wir erwarten ganz einfach, dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fußball zeigt und bis zum Ende kämpft“.

Wenn nicht, dürfte Tacheles geredet werden, so wie schon nach dem sieglosen EM-Aus 2016. „Nach der Niederlage gegen Wales versammelten sich einige Spieler in meinem Zimmer“, beschrieb Tschertschessows Vorgänger Leonid Sluzki damals seine letzte Amtshandlung. „Wir redeten bis neun Uhr morgens und kamen dann gemeinsam zu dem Schluss: Wir sind Scheiße!“

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Der reinigende Neubeginn gelang seitdem nicht. Mit einem Schnitt von fast dreißig Jahren wird Russland eines der ältesten Teams der WM stellen – auch die Folge eines demographischen Problems des Landes. Die Geburtenrate von 2,2 Kindern pro Frau in den letzten Jahren der Sowjetunion sank nach deren Ende, als Verhütungsmittel frei verfügbar wurden, in der schweren Wirtschaftskrise der Neunziger bis auf 1,2. Es sind genau die Jahrgänge, die nun fehlen, sieht man von den 22jährigen Zwillingen Alexej und Anton Mirantschuk ab, deren Talent zum Glück gleich doppelt auf die Welt kam. Mit ihrer Offensivkunst haben sie Lokomotive Moskau zum ersten Mal nach 14 Jahren zum Meister gemacht. Neben Stürmer Fedor Smolow sind sie die Einzigen, die dem Fußballvolk kleine Lichtblicke für das große Turnier versprechen.

Neben dem Talentmangel musste Tschertschessow Verletzungspech verdauen. Nach den Verteidigern Georgi Dschikija und Viktor Wassin fiel Torjäger Alexander Kokorin aus. Auch in Deutschland fand der frühere Bundesliga-Torwart von Dynamo Dresden keine Lösungen. Dem Russlanddeutschen Konstantin Rausch, der für die WM-Chance im Winter aus Köln zu Dynamo Moskau gewechselt war, wurde eine Rückenverletzung kurz vor der WM zum Verhängnis. Auch auf den früheren Schalker Roman Neustädter, der 2016 die Staatsangehörigkeit wechselte, hat er verzichtet.

Stattdessen beschwört manche Nominierung die Erinnerung an eine bessere Vergangenheit. Mit Torwart Igor Akinfejew und den Verteidigern Sergej Ignaschewitsch und Juri Schirkow stehen im Kader drei Veteranen aus der letzten russischen Elf, die sich bei einem großen Turnier nicht blamierte. Das war die EM 2008, als man unter dem Holländer Guus Hiddink, dem ersten nichtrussischen Trainer der „Sbornaja“, in der Qualifikation England und im Viertelfinale die Niederlande eliminierte und erst am späteren Champion Spanien scheiterte.

Damals schien es, als hätte Russland endlich eine Mannschaft mit Zukunft. Sie war bald Vergangenheit. Regisseur Andrej Arschawin ging zu Arsenal, Torjäger Roman Pawljutschenko zu Tottenham, Schirkow zu Chelsea – keiner konnte sich im Westen durchsetzen. Nach der sieglosen WM-Blamage 2014 unter Hiddinks Nachfolger Fabio Capello, dem teuersten Nationaltrainer der Welt, zog sich der russische Fußball wieder in die selbstgewählte Isolation zurück.

Der Rubel aus den Taschen von Staatskonzernen und Oligarchen, der während der Zeit hoher Ölpreise alternde Ausländer wie Roberto Carlos, Samuel Eto’o oder Hulk in die russische Liga lockte, rollt nun woanders, vor allem in China. Doch für einheimische Spieler ist das Geld immer noch gut genug, sich nicht freiwillig dem Existenzkampf im Ausland zu stellen. Geschützt werden ihre heimischen Arbeitsplätze von der Regelung, dass bei Ligaspielen in jedem Team mindestens fünf Russen auf dem Platz stehen müssen. Bis auf Linksaußen Denis Tscheryschew, in Spanien aufgewachsen, und Verteidiger Mário Fernandes, in Brasilien geboren, hat niemand im WM-Kader nennenswerte Auslandserfahrung.

Nur der Trainer hat seine Lehrjahre im Westen gemacht – zehn Jahre als Profi und Trainer in Deutschland und Österreich. Der Ossete Tschertschessow bringt dadurch etwas von der europäischen Mentalität mit, die sein Team gut brauchen kann. Die multikulturelle Kompetenz zeigt sich auch im virtuosen Wechsel der Tonlage, in der er Interviews gibt: mit westlichen Medien konziliant und nahbar, mit russischen grimmig und grob.

Seinen letzten Titel als Torwart errang er 2002 mit dem FC Tirol unter dem Trainer Joachim Löw. Als man sich in diesem Frühjahr wiedersah, sagte Tschertschessow im Spaß zu dem deutschen Kollegen, dass sie etwas gemeinsam hätten: „Wir haben beide Kopfschmerzen. Wir haben die gleichen Symptome, aber die Diagnose ist eine andere: Du hast zu viele Spieler, ich habe zu wenige.“

Russland Saudi-Arabien Moskau 14. Juni 17 Uhr
Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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