Spanische Nationalmannschaft

Hierro übernimmt nach Lopeteguis Suspendierung

Von Hans-Günter Kellner, Madrid
 - 12:08
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Lopetegui geht, Hierro kommtSpanischer Nationaltrainer kurz vor WM entlassen

Zwei Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft geben die Bayern bekannt, dass Joachim Löw ihr neuer Bundesligatrainer wird! Unvorstellbar? In Spanien nicht. Genau das ist dort geschehen. Am Dienstag versetzte Real Madrid dem spanischen Fußballverband einen Schock, als der Klub ihm telefonisch übermittelte, dass in fünf Minuten die Verpflichtung von Nationaltrainer Julen Lopetegui zur neuen Saison bekannt gegeben werde. Jener Julen Lopetegui, der in den vergangenen ungeschlagenen zwei Jahren der „Furia Roja“ mit 14 Siegen und sechs Unentschieden wieder ihren Stolz zurück gegeben hat. Die Mission WM-Titel schien nach einer längeren Schwächephase des Weltmeisters von 2010 und Europameisters von 2012 wieder eine realistische.

Die Chance, Weltmeister zu werden, ist für den spanischen Verbandsvorsitzenden Luis Rubiales jedoch nicht alles. 20 Stunden später verkündete er am Mittwoch im Trainingscamp in Krasnodar, dass er Lopetegui von all seinen Funktionen im Verband entbunden habe. „Es ist nicht die beste Lösung, aber man darf mir nicht in den Rücken fallen. Nach allem, was passiert ist, konnten wir nicht anders handeln.“ Dann fügte er hinzu: „Wir danken Julen für alles, was er getan hat, er ist einer jener großartigen Menschen, die uns nach Russland gebracht haben.“ Nur könne er „nicht ignorieren“, dass die Gespräche über den Wechsel und am Ende auch dessen Bekanntgabe am Verband vorbei geführt wurden.

Der Präsident des Fußballverbandes hatte noch am Dienstag das Gegenteil behauptet – unmittelbar, nachdem Lopeteguis Wechsels öffentlich wurde. Zu diesem Zeitpunkt wollte Rubiales den Nationaltrainer noch schützen. Im Laufe des Dienstagabends änderte Rubiales seine Meinung und kündigte für Mittwoch eine Pressekonferenz an.

Die wurde allerdings um über eine Stunde verschoben. Wie spanische Medien berichten, sollen die Führungsspieler Sergio Ramos, David Silva und Iniesta in dieser Zeit versucht haben, ihren Verbandschef davon zu überzeugen, dass Spanien nur mit Lopetegui Weltmeister werden könne. Rubiales blieb aber hart. Er sagte: „Die Furia Roja ist die Mannschaft aller Spanier. Und dann kann man so etwas nicht zwei oder drei Tage vor der WM machen. Wir mussten einfach diese Entscheidung treffen.“ Für die spanischen Medien löste diese Entscheidung ein „Erdbeben“ aus. Immerhin bekam Rubiales auch Lob. „Er hat sehr gut reagiert“, sagte der ehemalige Spielmacher Xavi. Rubiales habe „zu Recht die Interessen des Verbandes verteidigt, der wichtiger als alle Personen“ sei.

Lopetegui hatte erst im Mai seinen Vertrag mit dem spanischen Verband bis 2020 verlängert, darin jedoch eine Ausstiegsklausel festgehalten, die Real Madrid zog. Durch die vorzeitige Entlassung entgehen dem Verband zwei Millionen Euro Ablöse. „Das ist aber jetzt nicht das Thema,“ sagte Rubiales, der eine schnelle Lösung präsentierte. Neuer Trainer wird Fernando Hierro. Der 50 Jahre alte Andalusier ist eine Legende im spanischen Fußball und seit November Sportdirektor beim Verband. Er war jahrelang Innenverteidiger bei Real Madrid und steht mit 29 Treffern an vierter Stelle der erfolgreichsten Torschützen der Nationalelf. Insgesamt bestritt er 89 Länderspiele und nahm an vier WM-Endrunden teil. Von 2007 bis 2011 war Hierro schon einmal als Sportdirektor des „Königlichen Spanischen Fußballverbands“ tätig. Damals wurden die Spanier Europa- und Weltmeister. Als Trainer hat Hierro hingegen kaum Erfahrung. Bei Real Madrid war er Ko-Trainer von Carlo Ancelotti, mit dem Zweitligaklub Real Oviedo schloss er die Saison 2016/2017 auf dem achten Platz ab.

„Das Ziel ist, um den Titel zu kämpfen. Wir haben keine Zeit, an etwas anderes zu denken. Alles, was passiert ist in den vergangenen Tagen, taugt nicht als Rechtfertigung für irgendwas“, sagte der bisherige Sportdirektor bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Krasnodar. „Die Vergangenheit ist Vergangenheit, wir müssen positiv denken. Der Tag war nicht einfach, aber die Jungs sind professionell und Sportler. Die Spieler sind gewohnt, das Trainer kommen und gehen. Wir haben ein sehr schönes, spannendes Ziel.“

Hierro bleibt wenig Zeit, seine Mannschaft auf das erste Spiel vorzubereiten. Schon an diesem Freitag trifft Spanien auf Europameister Portugal. Bundestrainer Joachim Löw kommentierte den spanischen Trainerwechsel so: „Dass so eine Entscheidung zwei Tage vor dem ersten Spiel der Mannschaft getroffen wird, ist ein Hammer“, sagte Löw und fügte hinzu: „Das sorgt mit Sicherheit für unnötige Unruhe innerhalb des Verbandes und wohl auch der Mannschaft. Aber die Spanier werden höchstwahrscheinlich nichts von ihrer spielerischen Stärke und Klasse verlieren.“

Mannschaftskapitän Sergio Ramos rief über Twitter die Fans und auch die Mitspieler zur Einigkeit auf: „Wir sind die Selección, wir repräsentieren das spanische Wappen, die Farben, die Fans, das Land. Die Verantwortung und die Verpflichtung sind mit euch und für euch. Gestern, heute und morgen, gemeinsam. #VamosEspaña“. Real Madrid, das sich so gerne als der Gentlemenverein unter den europäischen Topklubs sieht, kommt bei der Geschichte denkbar schlecht weg. Seit der überraschenden Kündigung von Zinédine Zidane Ende Mai hat der Verein eilig einen Trainer gesucht und sich dabei mehrere Körbe geholt. Die Presse spekulierte besonders über Mauricio Pochettino von Tottenham. Doch der Verein verhandelte da ganz offensichtlich schon mit Lopetegui. Selbst den Zeitpunkt der Bekanntgabe stimmte Real Madrid nicht mit dem Verband ab.

So sieht Rubiales die Schuld am entstandenen Schaden vor allem beim Verein. „Ich weiß, dass es Julen nicht so gemacht hätte“, sagte er vor Journalisten. Er fühle sich von seinem Trainer nicht verraten, „aber von den Leuten, die das gemacht haben“. Für den Präsidenten stellt der Vorgang eine weitere Stufe im Sittenverfall des Profifußballs dar. Längst sei es Alltag geworden, dass sich Spieler oder Trainer trotz gültiger Verträge mit neuen Vereinen einig werden und ihre bisherigen Arbeitgeber dann vor vollendete Tatsachen stellen. Dass dies aber wenige Tage vor dem Beginn einer Weltmeisterschaft mit einer Nationalelf geschieht, ist eine Premiere.

Der 51-jährige Baske Lopetegui lässt sich wie einige Spieler im spanischen Kader von Berater Jorge Mendes betreuen. Informationen der spanischen Tageszeitung El País zufolge hatte Mendes schon vor einem Jahr versprochen, Lopetegui einmal zum Trainer bei Real Madrid zu machen. Der Baske habe das aber nicht sehr ernst genommen, im Vereinsfußball hat er schließlich bislang nur einmal auf hohem Niveau trainiert, das war von 2014 bis 2016 den FC Porto mit mäßigem Erfolg. 2015 schied der Klub im Viertelfinale gegen Bayern München aus, ein Jahr später schaffte es Porto nicht über die Gruppenphase hinaus. Zuvor war der ehemalige Profitorwart mit den spanischen Junioren-Nationalmannschaften U 19 und U 21 Europameister geworden. „Ich bin sehr traurig“, sagte Lopetegui am Mittwoch vor spanischen Journalisten mit ernster Miene auf dem Flughafen im russischen Krasnodar ein, kurz bevor er eine Maschine nach Moskau bestieg. Von der Onlineausgabe der spanischen Fachzeitung „Marca“ wurde der Entlassene, der eine dunkle Sonnenbrille trug, zudem mit den Worten zitiert: „Ich hoffe, dass wir eine hervorragende Weltmeisterschaft spielen und dass wir gewinnen. Wir haben eine tolle Mannschaft und hoffentlich gewinnen wir diese WM.“

Quelle: F.A.Z.
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