1:0 n.V. gegen Argentinien

Erlöser Götze – Deutschland ist Weltmeister

Von Christian Kamp, Rio de Janeiro
 - 23:55

Es war, als müssten die Deutschen zum Schluss noch einmal ein paar besonders schwere Prüfungen überstehen, bevor endlich ihre große Sehnsucht erfüllt wurde. Lange, sehr lange bissen sie sich die Zähne aus an einer argentinischen Mannschaft, die stärker war als von vielen erwartet. In der zweiten Hälfte der Verlängerung aber kam er, der goldene Moment. Als Mario Götze nach einem Zuspiel von André Schürrle den Ball mit der Brust annahm und mit einem Drehschuss vollendete (113. Minute). 1:0 – und damit tatsächlich der vierte WM-Titel für Deutschland nach 1954, 1974 und 1990.

Zum ersten Mal also gewann eine europäische Mannschaft bei einem Weltturnier in Südamerika. Es war das etwas glückliche Ende eines guten und packenden Finales am Sonntag im Maracanã. Über das ganze Turnier gesehen aber hatten sich die Deutschen den Titel redlich verdient.

Die Sehnsucht nach dem vierten Stern auf dem Trikot ist also erfüllt. Es war ein besonders kostbarer Moment, auch weil der deutsche Fußball länger auf ihn hatte warten müssen als auf die anderen beiden Titel nach 1954. 24 Jahre waren es seit dem Sieg von Rom, als ebenfalls Argentinien bezwungen worden war.

Reif für den Titel

Und das Warten war auch deshalb eine ungeduldige Angelegenheit, weil die Mannschaft schon 2006 und 2010 dem Ziel nahe gekommen war, aber jeweils im Halbfinale scheiterte. Jetzt, 2014, waren diese Mannschaft und ihr Trainer einfach reif für den Titel. Es war noch einmal ein mühsamer Weg dorthin. Als die Deutschen in Brasilien ankamen, machten sie noch nicht wirklich den Eindruck, für das ganz große Ziel gerüstet zu sei. In den fünf Wochen seitdem hat sich diese Mannschaft in beeindruckender Weise gefunden.

Am Ende waren die Deutschen die spielstärkste Mannschaft, die fitteste, und obendrein eine, die in besonderem Maße als Team auftrat. Das gemeinsam durch Dick und Dünn ging bei diesem Turnier. Das brauchte es auch, um in Brasilien endlich das Versprechen einzulösen, das diese vielleicht beste Generation der deutschen Fußballgeschichte dargestellt hatte. Joachim Löw steht damit nicht mehr nur als Erneuerer und Verschönerer des deutschen Spiels in den Geschichtsbüchern, sondern endlich auch mit einem zählbaren Eintrag in der Rubrik Titel. Der Bundestrainer wirkte in Brasilien noch einmal fokussierter – und zugleich auch verschlossener – als bei vergangenen Turnieren: als wollte er diesmal alles ausschalten, was ihn Energie und Konzentration hätte kosten können. Und auch er wurde mit diesem größten aller Titel belohnt.

Gegen alle Widrigkeiten

Die Deutschen hatten wirklich schon jede Menge erlebt bei dieser WM. Ein Spiel, in dem so viel gegen sie lief, aber noch nicht. Noch vor Anpfiff wurde die zuletzt so mächtige deutsche Mittelfeldzentrale gesprengt: Sami Khedira fiel verletzt aus. Und nach einer halben Stunde musste auch noch sein Ersatzmann, Christoph Kramer, verletzt vom Feld. Gemessen daran war es ein ordentlicher Auftritt von Löws Team, aber auch einer, der hinter dem zurückblieb, was die Mannschaft bei diesem Turnier schon gezeigt hatte. Die Argentinier waren nicht nur eine beherzt verteidigende, sondern auch die gefährlichere Mannschaft – es gab einige Momente, in denen die Deutschen mit dem Schrecken davonkamen. Am Ende aber hatten sie noch ein bisschen etwas zuzulegen, als beide Teams schon müde wirkten nach einem aufreibenden Spiel.

Eigentlich wollten die Deutschen gegen Argentinien zum dritten Mal nacheinander in derselben Besetzung beginnen. So stand es auch auf den Aufstellungsbögen, die eine Stunde vor Anpfiff herausging. Eine knappe Viertelstunde vor Beginn aber war Löw plötzlich zum Handeln gezwungen, und das an höchst sensibler Stelle: Khedira konnte wegen Wadenproblemen nicht spielen, für ihn begann Kramer. Erst zwölf Einsatzminuten standen für den Mönchengladbacher zu Buche – das nennt man einen Kaltstart.

An der erwarteten Rollenverteilung änderte das freilich nichts. Reichlich deutscher Ballbesitz und extrem zurückgezogene Argentinier, das war das Bild zu Beginn. Es war solide, bisweilen druckvoll, was Löws Team machte: Schweinsteiger war die Autorität und verteilte die Bälle, Müller, Özil und Klose suchten den Weg zum Tor. Es fehlte aber noch der geniale Moment gegen die bestens geordneten Argentinier. Und welche Risiken in diesem Finale steckten, zeigte sich schon früh in zwei Kontersituationen, in denen Messi jeweils Hummels davonlief.

Schrecksekunden

Es folgten zwei weitere Schrecksekunden. Erst blieb Kramer nach einem Zusammenprall mit Garay eine Weile liegen; es ging zunächst weiter. Dann leistete sich Kroos einen schweren Blackout. Sein Kopfball Richtung eigene Abwehr fiel Higuaín vor die Füße, der eigentlich nur gemächlich aus dem Abseits zurückkehrte. Mit einem Mal aber hatte der Angreifer freie Bahn zum Tor. Die Deutschen konnten von Glück sagen, dass er überhastet abschloss und das Tor verfehlte. Nach einer halben Stunde jubelten Higuaín und Argentinien: der Ball war im Netz, doch es war Abseits.

Wenig später musste Kramer doch vom Platz; er wirkte benommen. Löw brachte Schürrle und stellte die Grundordnung auf 4-2-3-1 um, mit Özil in zentraler Rolle hinter Klose. Und Schürrle, der beste Joker bei diesem Turnier, konnte sich gleich in Szene setzen, als er Torwart Romero zu einer beherzten Parade zwang. Alles in allem aber brauchten die Deutschen nun einen Moment, um sich zu sammeln, und wieder war es Messi, der das beinahe ausgenutzt hätte. Boateng klärte die Hereingabe im letzten Augenblick.

Löws Team konnte heilfroh sein, dass es noch 0:0 stand. Gegen Ende der ersten Hälfte aber hatten die Deutschen wieder alle Sinne beisammen und wären sogar beinahe noch in Führung gegangen. Erst vergab Kroos eine Schusschance in guter Position, und dann, in der Nachspielzeit, wuchtete Höwedes den Ball nach einem Eckstoß von Kroos aus kurzer Distanz an den Pfosten. Es war die beste deutsche Chance.

Keine zwei Minuten waren nach der Pause gespielt, da lief wieder Messi auf das deutsche Tor zu, diesmal von links, und wieder hatte Löws Mannschaft Glück, dass der Ball vorbeiging. Die Deutschen gaben sich Mühe, ihr Spiel aufzuziehen, es blieb aber hakelig. Müller ging wahnsinnige Laufwege, Lahm bearbeitete die rechte Seite mit gewohnter Klasse, Schürrle sorgte für Leben auf links, und Özil suchte die Lücken. Wirklich Zwingendes kam dabei nicht heraus. Als dann Neuer aus seinem Strafraum herausmusste, um gegen Higuaín zu klären, konnten Torwart und Team froh sein, dass die Szene glimpflich ausging. Gegen Ende der 90 Minuten wirkten die Deutschen etwas frischer und auch wieder forscher. Nach 71 Minuten bekam Schürrle nach guter Kombination den Ball nicht unter Kontrolle, in der 82. Minute fehlte einem Schuss von Kroos wieder einmal der nötige Druck. Nach 88 Minuten kam Götze für Klose.

Gleich nach Anpfiff der Verlängerung setzte Götze Schürrle in Szene, doch dessen Schuss parierte Romero. Kurz darauf stand Palacio nach einem Stellungsfehler von Hummels frei vor Neuer, doch der Heber misslang. Beide Teams wirkten nun ziemlich entkräftet. Agüero hätte Gelb-Rot sehen können, als er Schweinsteiger beim Kopfballduell im Gesicht erwischte. Es war am Ende egal, weil Götze noch seinen großen Moment hatte.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChristoph KramerJoachim LöwLionel MessiMario GötzeMats HummelsArgentinienBrasilienDeutschlandSüdamerika