WM-Kommentar

Das Superstar-Modell hat ausgespielt

Von Christian Kamp
 - 13:11

Für die französische Sporttageszeitung „L’Equipe“ ist das WM-Halbfinale an diesem Dienstag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD) ein „Derby des Jahrhunderts“. Angelegenheiten unter Nachbarn sind eben immer besondere, vor allem dann, wenn man Kultur und Sprache teilt, wie das zumindest in Schnittmengen zwischen Belgien und Frankreich der Fall ist. Wie groß der Respekt der Franzosen vor den fußballspielenden Belgiern ist, zeigt „L’Equipe“ auch: mit einem Titelbild, das die Tim-und-Struppi-Abenteuer des belgischen Comic-Künstlers Hergé zitiert: Den französischen Raumfahrern Giroud, Deschamps und Le Graët (der Verbandschef) fährt der Schreck in die Glieder, als sie vor der Mondrakete, die sie besteigen wollen, drei grimmige Belgier erblicken: Courtois, de Bruyne, Lukaku.

Ja, diese Belgier machen einen furchteinflößenden Eindruck in Russland. Von den vier Mannschaften im Halbfinale hatten sie nicht nur die bislang schwerste Prüfung zu überstehen, im Viertelfinale gegen Brasilien, sie haben auch das spannendste spielerische Repertoire dieses Turniers geboten. Mal beinahe auf Teufel komm raus offensiv, gegen Brasilien dann aber maximal kompakt und auf blitzschnelle Konter versessen. Und dabei mit der Moral von Unbeugsamen ausgestattet: Wie sie nach dem 0:2-Rückstand gegen Japan im Achtelfinale einfach weitermachten, an ihre spielerischen Mittel und Möglichkeiten glaubten und in der vierten Minute der Nachspielzeit einen Konter als Kunstwerk spielten, das war spektakulär und richtungweisend.

Wie man das macht in einem Land mit nur elf Millionen Einwohnern, einem Sechstel derer Frankreichs, ist eine Geschichte für sich. Es hat viel mit Arbeit an der Basis zu tun, den Strukturen in der Jugendarbeit, auch wenn selbst die beste Ausbildung nicht oft eine solche Generation hervorbringt. Was das angeht, sind die Kroaten sogar noch größere Ressourcenoptimierer. 4,2 Millionen Einwohner, das ist kaum mehr, als Berlin zählt, hier liegt eine Antwort auf das Rätsel vielleicht mehr in der Mentalität und der Fähigkeit, sich in der Fremde durchzusetzen. Soziologisch ist das ein weites Feld.

Konkret, auf dem Platz, kann man viel präziser benennen, was die vier Teams, die im Halbfinale stehen, haben und andere nicht. Wer bei dieser WM etwas erreichen wollte, musste zuerst mannschaftstaktisch voll auf der Höhe sein, ein Kollektiv, das dem Gegner möglichst keine Lücken lässt. Dazu braucht es Tempo. Und Spieler, die den Unterschied machen. Das an sich ist nicht neu, so funktioniert der Fußball eigentlich immer. Erstaunlich aber ist, auf welchem Niveau die Besten in Russland das in sich vereinen. Und wie sehr dabei auch die Einzelkönner in die Teamarbeit eingebunden sind. De Bruyne, Hazard, Lukaku, Modric, Kane – keine Stars in einem glamourösen Superstar-Sinne, nicht die Ronaldos oder Messis, die allein ein Spiel entscheiden (sollen), dieses Modell hat in Russland endgültig ausgespielt. Sondern Funktionskünstler, die sich in den Dienst der Sache stellen. Bei Frankreich mag es mit Mbappé und Pogba noch einmal ein wenig anders sein, aber auch die Équipe Tricolore funktioniert, anders als in der Vergangenheit, zuallererst als Kollektiv.

Deutschland, dieses auch an fußballerischen Ressourcen so reiche Land, hatte von all dem in Russland viel zu wenig. Weshalb am Ende auch eine Art Mondfahrt stand, nur ganz anders als diejenigen, die jetzt abenteuerlustig an der Rampe stehen: unfreiwillig dorthin befördert.

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Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
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