Englands Torwarthoffnung

Sein Name: Pickford. Jordan Pickford

Von Christian Kamp, Moskau
 - 16:11

Womöglich hätte die Geschichte von Jordan Pickford auch ganz anders weitergehen können. Als er am Samstag das Stadion von Samara verließ, trug er zwar die Trophäe für den „Man of the Match“ des Viertelfinals gegen Schweden, seine linke Hand aber war bandagiert. Eine Heldengeschichte war es nicht, die der englische Torhüter darüber zu erzählen hatte, eher die eines Heißsporns. Es sei eine „dumme Verletzung“, die er sich selbst zuzuschreiben habe, berichtete Pickford. Er habe aus Frust über irgendetwas auf den Boden schlagen wollen, aber sein Knie getroffen und sich dabei den Daumen verletzt.

Das klang, als hätte die unrühmliche englische Torwarthistorie leicht um ein kurioses Kapitel bereichert werden können, nach „Calamity James“, dem wiederholt patzenden David James, nun ein Calamity Jordan, aber Pickford gab noch in Samara Entwarnung. Sein Einsatz gegen Kroatien an diesem Mittwoch (20 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und ZDF) im WM-Halbfinale sei nicht in Gefahr. „Ich bin ein Mann, keine Maus“, sagte er.

So kann Pickford weiter an der „eigenen Geschichte“ dieser neuen und jungen englischen Nationalmannschaft schreiben, von der in diesen Tagen in Russland so oft die Rede ist. Es ist auch seine eigene, schließlich war das erste Gruppenspiel gegen Tunesien erst sein viertes Länderspiel – das erste Pflichtspiel für die „Three Lions“ überhaupt. Und auch wenn es noch etwas früh ist, das zu sagen: Vielleicht könnte es mit ihm sogar ein Happy End in der beinahe unendlichen Geschichte vom englischen Leiden an den eigenen Torhütern geben.

Vergangenheit interessiert ihn nicht

Nach dem Spiel gegen Schweden wurde Pickford von einem französischen Reporter zu den Witzen über englische Torhüter gefragt. Wenn er redet, muss man erst einmal genau hinhören. Sein nordenglischer Akzent aus der Umgebung von Sunderland ist für ungeübte Ohren kein ganz leichter Fall. Inhaltlich jedenfalls war Pickfords Antwort irgendwo zwischen trocken und humorlos. „Ich arbeite jeden Tag hart, damit ich an Spieltagen zeigen kann, was ich draufhabe.“ Auf diese alte Debatte hatte er also keine Lust.

Fussball-WM 2018

Warum auch. Es geht um ihn, um die Gegenwart und um die beinahe historische Chance, die sich den Engländern nun bietet mit der ersten Halbfinal-Teilnahme seit 1990. Die nächste Frage zielte dann auch gleich in diese historische Richtung. Wie er sich in den Fußstapfen von Gordon Banks und Peter Shilton fühle, den beiden anderen englischen Torhütern, die schon ein WM-Halbfinale erlebt haben. „Gut natürlich“, sagte Pickford. „Das ist doch das, worum es im Fußball geht, auf der großen Bühne zu stehen.“ Er genieße den Moment, sagte er und machte zugleich deutlich, dass er keine besondere Last spüre vor diesem großen Spiel. „Der Platz wird genauso sein wie immer, die Linien werden dieselben sein und die Tore genauso hoch.“ Unerschrocken ist der 24 Jahre alte Pickford bislang auch durch die WM gesprungen und geflogen.

In Russland gehört er zu den besten Torhütern des Turniers. Seine Parade beim Schuss des Kolumbianers Mateus Uribe in der Nachspielzeit des Achtelfinales war die vielleicht spektakulärste der vergangenen vier Wochen – wurde allerdings schon im nächsten Moment ihrer Wirkung beraubt, als Yerry Mina nach dem folgenden Eckball doch noch ausglich. Für Pickford bedeutete es die nächste Herausforderung – und er meisterte sie mit einer weiteren exzellenten Parade im Elfmeterschießen gegen Carlos Bacca.

Erster englischer WM-Elfmeterheld

Spätestens jetzt war er bereits ein gefeierter englischer Held, schließlich war es das erste Elfmeterschießen, das die „Three Lions“ überhaupt bei einer WM gewannen, das Ende eines nationalen Traumas. Und auch wenn das folgende 2:0 gegen Schweden letztlich wie eine klare Sache wirkte – ohne drei Rettungstaten von Pickford hätte auch dieses Spiel einen anderen Verlauf nehmen können. „Er hat ein paar große Paraden in ganz wichtigen Momenten gezeigt“, sagte Trainer Gareth Southgate danach.

Überhaupt ist Pickford auch so eine Southgate-Geschichte – also eine darüber, wie der Trainer in den vergangenen 18 Monaten das Gesicht des englischen Fußballs verändert hat. Er kennt Pickford aus seiner Zeit als U21-Trainer, von der U16 an hat der Torhüter alle englischen Jugendteams durchlaufen. „Für mich“, sagte Southgate in Samara, „ist er ein Prototyp, wie moderne Torhüter sein sollten.“ Southgate bezog das vor allem auf Pickfords Fertigkeiten mit dem Fuß, seine Gabe, das Spiel aus der hintersten Position zu eröffnen, mit beinahe zentimetergenauen Pässen über den halben Platz.

„Um so zu spielen, wie wir das wollen, brauchen wir einen Torhüter wie ihn.“ In der Premier League, sagte Southgate, seien noch einmal andere Fähigkeiten gefragt, dort würden mehr Flanken durch die Strafräume segeln. Sich auch in diesen Luftkämpfen durchzusetzen, hat Pickford in einer harten Schule gelernt. Bei unterklassigen Klubs, in denen keinerlei Rücksicht auf einen jungen Torhüter genommen wurde. „Ich habe eine Menge dabei gelernt, von ausgewachsenen Kerlen zugerichtet zu werden“, sagt er.

Mit acht Jahren schloss Pickford sich der Akademie des FC Sunderland an, unmittelbar in der Nähe seines Heimatorts Washington, 2011 unterschrieb er dort seinen ersten Profivertrag. Ein Platz im Tor seines Herzensklubs war aber lange nicht frei, es folgte Leihgeschäft über Leihgeschäft, Darlington, Alfreton, Burton, Carlisle, Bradford, Preston. Erst 2016 bekam er in Sunderland seine Chance, Pickford spielte stark, doch der Klub stieg in der folgenden Saison ab. Für 25 Millionen Pfund plus Bonuszahlungen, die höchste Summe, die bislang für einen britischen Torhüter bezahlt wurde, ging er zum FC Everton.

Jetzt, nur ein Jahre später, ist er der jüngste Torhüter der englischen WM-Historie – und mit 1,85 Metern der zweitkleinste. Nach dem 0:1 im letzten Gruppenspiel gegen die Belgier behauptete deren Schlussmann Thibaut Courtois, er hätte den Schuss gehalten, schließlich sei er zehn Zentimeter größer (in Wahrheit sind es sogar 14) und Pickford „zu viel damit beschäftigt gewesen, seine Beine in die Luft zu werfen“. Arsène Wenger, die Trainerlegende des FC Arsenal, sah in Pickford wegen dessen Unerfahrenheit gar einen Schwachpunkt und sagte, dass noch kein Team ohne mächtigen Torwart die WM gewonnen habe. Jetzt, nur zwei Spiele später, ist der Pokal zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder in englischer Sichtweite. Und Pickford: auf dem Sprung.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGareth SouthgateSamaraEnglandZDFRusslandLänderspiel