Argentinien droht WM-Aus

Der bittere Abend des Lionel Messi

 - 12:16

Lionel Messi faltete die Hände und betete zum Himmel. Aber der Fußballgott hatte kein Erbarmen, der Ball wollte einfach nicht rein. Einmal scheiterte der fünffache Weltfußballer am Pfosten (46.), dann vereitelte Perus Torwart Pedro Gallese mit einer Reihe von Glanzparaden das erhoffte Tor der „Gauchos“. Nach dem 0:0 gegen den direkten Konkurrenten in Buenos Aires droht dem zweifachen Weltmeister Argentinien bei der WM in Russland die Zuschauerrolle. Denn die „Albiceleste“ wäre als Sechster – Stand jetzt – nicht dabei. Peru, das mit jungen, talentierten Spielern das Überraschungsteam in der WM-Qualifikation ist, hat das bessere Torverhältnis. Die „Inkas“ können sich erstmals seit 35 Jahren wieder für eine WM qualifizieren.

Zu allem Ärger zog auch noch Dauerrivale Chile durch ein 2:1 gegen Ecuador vorbei. „Die Mannschaft ist wütend, aber wenn wir in Ecuador gewinnen, fahren wir zur Weltmeisterschaft“, sagte Nationaltrainer Jorge Sampaoli trotzig. „Wir haben heute einen kämpferischen Messi gesehen, mit einem Gesicht, das Argentinien braucht“, so Sampaoli. „Es wäre ungerecht, wenn eine Gruppe wie diese nicht bei der WM dabei wäre.“ Doch die Medien sind skeptisch: „Wie kommen wir zur WM?“, rätselte nicht nur das Sportblatt Ole auf der Titelseite. Der Trainer, der im dritten Pflichtspiel unter seiner Regie das dritte Remis einfuhr, steht zudem wegen der Verbannung der in ihren italienischen Klubs torgefährlichen Stars Paulo Dybala (Juventus Turin) und Mauro Icardi (Inter Mailand) auf die Bank in der Kritik.

In der Südamerika-Qualifikation kommt es nun am Dienstag zu einem Herzschlagfinale. Brasilien mit Neymar ist schon lange qualifiziert. Die ersten Vier lösen das Ticket, der Fünfte kann dies über den Umweg eines Hin- und Rückspiels gegen Ozeanien-Vertreter Neuseeland tun. Uruguay (28) ist Zweiter, es folgen Chile (26), Kolumbien (26) Peru (25) und Argentinien (25). Zudem hat Paraguay (24 Punkte) durch ein 2:1 in Kolumbien als Siebtplazierter auch plötzlich noch WM-Chancen. Schafft es Argentinien nicht, wären sie erstmals seit 47 Jahren wie bei der Endrunde 1970 wieder in der Zuschauerrolle.

Ein ganzes Land hatte dem Spiel entgegengefiebert. Auf Wunsch des neuen Nationaltrainers Sampaoli, im Mai für rund 1,5 Millionen Euro vom FC Sevilla losgeeist, war das Spiel in die berüchtigte „Bombonera“ („Pralinenschachtel“) verlegt worden. Das Stadion der Boca Juniors erzeugt durch seine Enge und die steilen Ränge eine besondere Atmosphäre. Eigentlich sollte das Spiel im weitläufigen River-Plate-Stadion, Spielort des WM-Finales 1978, stattfinden.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Argentinien kann durch einen Sieg in Ecuador noch mindestens Fünfter werden, da Peru und Kolumbien gegeneinander spielen. Zudem hat Chile mit Arturo Vidal vom FC Bayern München in Brasilien eine sehr schwere Aufgabe. Aber Messis Argentinien schießt kaum Tore: Ganze 16 in bisher 17 Spielen. Die Bilanz von sechs Siegen, sieben Unentschieden und vier Niederlagen ist mäßig, es fehlt der Mannschaft in der Breite an Weltklasse – zu wenig Talente schafften zuletzt den Durchbruch.

An der Atmosphäre vor rund 50.000 Zuschauern lag es nicht. Die Fans rollten eine riesige Fahne aus, um Messi zu huldigen, darauf stand: „Homenaje al mejor jugador del siglo“ – eine „Hommage an den besten Spieler des Jahrhunderts“. Peru hatte vergeblich gegen die Verlegung in die „Bombonera“ protestiert – die Mannschaft brachte sogar eigenes Wasser mit nach Buenos Aires, weil man den Argentiniern nicht traute. Als Glücksbringer dabei war auch Oswaldo „Cachito“ Ramírez, der 1969 in der „Bombonera“ beim 2:2 in der damaligen WM-Qualifikation beide Treffer für Peru geschossen hatte. Damals verpasste Argentinien erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft. Nun könnte sich die Geschichte knapp 50 Jahre später wiederholen – wenn Argentinien in Ecuador nicht siegt – und Messis womöglich letzte WM-Titel-Chance schon in der Qualifikation scheitern. Er ist immerhin schon 30.

Rauf und runter wird seit Tagen diskutiert, ob es nicht schlicht zu wenig sei, sich immer nur auf Messi zu verlassen, die letzten drei Spiele mit ihm brachten drei Unentschieden – darunter ebenfalls zu Hause ein peinliches 1:1 gegen den Tabellenletzten Venezuela. Der Psychologe Marcelo Roffé meint: „Wir verlangen Dinge von Messi, die er nicht ist. Er redet mit dem Ball, aber nicht mit dem Mund oder mit Gesten auf dem Platz.“ Man dürfe ihn nicht ständig zum „Retter Argentiniens“ stilisieren. „Wir liegen falsch, wenn wir ihn als einen neuen Diego Maradona sehen“, betont der Psychologe. Trotzdem setzt das Land darauf, dass er Argentinien jetzt noch einmal rettet.

Die Teilnehmer der Fußball-WM 2018 in Russland

Von den 32 Mannschaften, die an der Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland teilnehmen, stehen nach den Qualifikationsspielen am Donnerstag zehn fest. Eine Übersicht:

Afrika (5 feste WM-Plätze): -
Asien (4/0,5): Iran, Japan, Südkorea, Saudi-Arabien
Europa (14): Belgien, Deutschland, England, Russland (Gastgeber)
Nord-, Mittelamerika, Karibik (3/0,5): Mexiko
Südamerika (4/0,5): Brasilien
Ozeanien (0,5): -

Anmerkung: Zusätzlich zu den festen Startplätzen werden in vier Kontinentalverbänden Play-off-Plätze (0,5) ausgespielt. In den Play-offs trifft der Vertreter Asiens (Syrien oder Australien) auf den Vertreter aus Nord-/Mittelamerika/Karibik, der Vertreter aus Südamerika auf den Vertreter aus Ozeanien (Neuseeland oder Solomon Inseln).

Quelle: tora./dpa/sid
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