3:1 in Nordirland

Deutschland souverän nach Russland

Von Christian Kamp, Belfast
 - 22:43

Auch Nordirland hatte am Donnerstag einen Weltmeister zu feiern. In diesem Fall allerdings in einer eher abseitigen Disziplin. Für Jonathan Rea, den dreimaligen Superbike-Champion, fand sich ein prominentes Plätzchen im Vorprogramm zum Gastspiel des Fußball-Weltmeisters aus Deutschland. Rea schickte kurz vor dem Anpfiff dann noch einen forschen Tipp über die Mikrofone des Windsor Park, ein 1:0 für Nordirland, der natürlich gut ankam. Es folgte ein ebenso schmissiger Soundtrack, „Eye of the Tiger“ aus den Rocky-Filmen und das spätestens seit der EM im vergangenen Jahr unvermeidliche „Sweet Caroline“, bei dem die nordirischen Fans eine Kostprobe ihrer Sangeslust abgaben – das in etwa war es, was Mats Hummels bewogen hatte, vorab seinerseits ein Loblied auf die „Green and White Army“ und die von ihr gestiftete Atmosphäre anzustimmen.

Und daran änderte sich auch wenig, obwohl Sebastian Rudy in Belfast nach nur 77 Sekunden als Partycrasher auftrat und die Deutschen mit einem Volleyschuss aus der Distanz in Führung brachte. Auch der zweite Treffer durch Sandro Wagner (21.) und Joshua Kimmich (86.) sowie eine insgesamt ziemlich einseitige Angelegenheit auf dem Rasen verdarben den Nordiren nicht die Stimmung. Kurz vor dem Schlusspfiff bejubelten sie das Tor von Josh Magennis in bemerkenswerter Lautstärke.

Der Weltmeister ist nach dem 3:1 also auch förmlich qualifiziert für das Unternehmen Titelverteidigung – einen ernsthaften Zweifel, dass das in Belfast oder spätestens am Sonntag in Kaiserslautern gegen Aserbaidschan gelingen würde, hatte es ohnehin nicht gegeben. In Belfast konnte man auch sehen, warum: Die Deutschen lieferten einen weiteren Ausweis nicht nur ihrer Klasse, sondern auch der Konzentration, mit der sie die Qualifikation alles in allem zu einer höchst souveränen Angelegenheit gemacht haben.

Fußball-Länderspiele

Am Ziel, dem selbstgesetzten, ist die Mannschaft damit aber noch nicht. Löws hatte immer wieder eine makellose Qualifikation mit zehn Siegen gefordert – von einer solchen Bilanz soll ein Zeichen der Stärke nach innen und außen ausgehen. Dass auf der letzten Etappe gegen Aserbaidschan noch etwas schiefgeht, ist indes schwer vorstellbar. Da waren die Nordiren – zumindest in der Theorie – ein anderes Kaliber. Vor der Niederlage am Donnerstag hatten sie in der kompletten Qualifikation erst zwei Gegentreffer zugelassen, im Hinspiel gegen Deutschland; der Playoff-Platz in Gruppe C ist der Lohn.

Was die deutschen Ambitionen angeht, lässt sich jetzt schon sagen, dass Löw allemal eine Mannschaft beisammen hat, die auch in Russland zu den ersten Anwärtern auf den Goldpokal gehören sollte. Allerdings warnt der Bundestrainer mit Recht vor der erstarkten Konkurrenz. Auch dem Gift der Selbstzufriedenheit versucht der Bundestrainer entschlossener vorzubeugen als noch nach der WM 2014.

Allerdings würde, wenn man sich etwas wünschen dürfte, eine zusätzliche Portion Extraklasse auf ein, zwei Positionen dem Team noch gut zu Gesicht stehen, trotz der durchgängig hohen und im Zuge des Confed Cups noch einmal verdichteten Qualität. Was das aktuelle Welt- und damit Referenzniveau etwa in der Offensive ist, konnten vor allem die Münchner Nationalspieler beim 0:3 in Paris hautnah erfahren, wo mit Neymar und Mbappé gleich zwei Naturgewalten über sie gekommen waren.

In Belfast ließ Löw in der Abwehr wie erwartet mit einer Viererkette spielen, Jerome Boateng war erstmals seit fast einem Jahr wieder dabei – mit dem erwarteten Ergebnis, dass er noch Zeit brauchen wird, um sein altes Niveau zu erreichen. Auf der linken Seite vertrat Marvin Plattenhardt den verletzten Jonas Hector unauffällig.

Mehr Spielraum für Variation – und wegen diverser Ausfälle auch die Notwendigkeit dafür - hatte es für Löw in Mittelfeld und Angriff gegeben. Der Neu-Bayer Sebastian Rudy erhielt den Platz neben Toni Kroos in der Strategiezentrale und stellte als bester Mann auf dem Platz unter Beweis, welche Bereicherung er sein kann – nicht nur wegen seines sehenswerten Führungstores aus rund 25 Metern, sondern vor allem durch sein ebenso umsichtiges wie intelligentes Spiel.

Für Leon Goretzka, der mit Julian Draxler und Thomas Müller eine offensive Dreierformation bildete, galt das an diesem Tag nicht. Vorne schaffte es Sandro Wagner, sich sogar in Nordirland einen Ruf als „Bad Boy“ zu erarbeiten, indem er nach einem Gerangel im Strafraum ausdrucksstark einen Strafstoß forderte – er antwortete kurz darauf auf seine Art, mit dem Treffer zum 0:2, einem plazierten Schuss von der Strafraumgrenze. Eine Weile vorher hatte der kantige Stürmer schon per Kopf den Pfosten getroffen.

Weil die Deutschen gegen Ende der ersten Hälfte ein wenig lockerließen, bekam auch Torwart Marc-André ter Stegen eine Gelegenheit sich auszuzeichnen – als er sich einem nordirischen Angreifer entschlossen entgegenwerfen musste. Die zweite Hälfte verlief unspektakulär. An der deutschen Dominanz änderte sich auch nichts, nachdem Löw zuerst, nach einer guten Stunde, Emre Can für Goretzka gebracht hatte und dann auch Leroy Sané für Draxler sowie Lars Stindl für Müller gebracht hatte.

Den wackeren Nordiren bot sich noch einmal eine Möglichkeit, doch Conor Washington brachte völlig frei vor dem Tor nur einen Streifschuss an die Latte zustande. Kimmich aber traf aus kurzer Distanz, Magennis setzte den Schlusspunkt.

Quelle: FAZ.NET
Christian Kamp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Kamp
Sportredakteur.
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