Unser täglich Buch (4)

Englische Fußball-Utopie mit prophetischen Zügen

Von Christoph Becker
 - 12:40

Fußball ist ein phantastisches Spiel. Und nichts macht den Fußball attraktiver als der Ärger, den er erzeugt. Der Ärger ist der Dünger, der die Phantasie sprießen lässt. Eigentlich müsste doch alles ganz anders sein. Die eigene Mannschaft Meister. Wenigstens in der ersten Liga. Zumindest Pokalsieger. Eigentlich müsste alles sein, wie es früher einmal war. Eigentlich müsste das doch möglich sein. Und schon wird aus dem Fußball ein Spiel, wie es sein müsste, aber früher garantiert nie war: mit Siegen gegen Mannschaften, die unbezwingbar scheinen, weil sie mehr Geld haben und deshalb bessere Spieler, die aber trotzdem bezwungen werden, weil in neunzig Minuten ja alles geschehen kann. Und geschieht. Wieder und wieder und wieder. Bis die eigene Mannschaft, zum Beispiel, tatsächlich Pokalsieger ist.

J. L. Carrs „How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup“, vergangenes Jahr bei Penguins „Modern Classics“-Serie wieder aufgelegt, in diesem Jahr auf Deutsch bei DuMont erschienen („Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“) und bei der Wahl des Fußballbuchs des Jahres der Akademie für Fußball-Kultur gerade auf Platz zwei gelandet, beschreibt den „Cup Run“ der Dorfmannschaft aus Sinderby (547 Einwohner, zwei Pubs) von der Dorfweide, für deren Umwandlung zum Fußballplatz eine unter Naturschutz stehende Eiche weichen muss, bis ins Wembley-Stadion. Dort warten die Glasgow Rangers. Schottische Millionäre im englischen Cup-Finale? Carrs Dorfkicker ziehen sich nicht nur erster Klasse um – in einem ausrangierten Waggon der London & North Eastern Railway. Der Autor, Sohn eines Stationsvorstehers, lässt die Handlung auf einer ins phantastisch verschrobene Königreich führenden Nebenstrecke laufen, von der sich herrliche Ausblicke auf den Witz und Irrwitz des Profifußballbetriebs und die Psyche der britischen Gesellschaft bieten. Das Erstaunliche dabei: Das Buch erschien erstmals 1975; Carr, Jahrgang 1912, ist seit 23 Jahren tot.

Die Wanderers profitieren immens von den sieben Thesen ihres Trainers, des aus Ungarn emigrierten Dorfschullehrers Doktor Kossuth. Ein Ungar, natürlich. Als Carrs Buch erstmals erschien, war es gerade 23 Jahre her, dass England jenes Spiel gesehen hatte, das auf der Insel als „match of the century“ gilt. 6:3 hatten die Ungarn die Engländer gedemütigt, als erste Mannschaft vom Kontinent in Wembley gesiegt. Als dem Dorfschullehrer das Traineramt angetragen wird, lässt Carr seinen Kossuth, Doktor der Philosophie, nach Leicester fahren, um sich „dieses Fußballspiel“ einmal anzusehen. Terminlich passt es gut, denn Kossuths junge und für die Bewohner Sinderbys auffallend hübsche Ehefrau vergnügt sich an diesem Abend im Londoner Emigrantenzirkel bei Mazurkatänzen.

Der Besuch in Leicester inspiriert den ungarischen Akademiker zu seinen Thesen, von denen eine, die erste, besagt, es müsse möglich sein, Fußball zu spielen, ohne auf die eigenen Füße zu starren, da Frauen das Stricken möglich ist, ohne auf die eigenen Hände zu schauen, und eine andere, die vierte, festhält, dass sich wesentliche technische Unterschiede zwischen Profi- und Amateurspielern nur beim Kopfballspiel ausmachen lassen, welches folglich zu vermeiden und durch die Auswahl eines für hohe Flanken möglichst ungeeigneten Fußballplatzes zu unterbinden sei. Die Konsequenzen sind ungünstig für die genannte, unter Naturschutz stehende Eiche.

Mindestens so zuträglich wie Kossuths Thesen sind für den Erfolg der Wanderers die Spieler, unter ihnen der einstige Erstliga-Stürmer Sid Swift, der in eine Lebenskrise geraten war, als er eines Morgens mit der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz im Kopf erwacht war. Die Krise verschärfte sich, als seine Mutter keine Antwort auf des Stürmers Frage fand, ob sie tatsächlich glaube, dass er zur Welt gekommen sei, um einen Ball umherzukicken, während der tobende Mob ihn mit Lärm überziehe. Carrs Erzähler, der im Auftrag des eigenwilligen, meinungs- und durchsetzungsstarken, polygamen Agrarunternehmers, Lokalpolitikers und Vereinsvorsitzenden Arthur Fangfoss tätige Grußpostkartenverfasser Joe Gidner, bemerkt, Gedanken dieser Art seien besonders entnervend, wenn man das Denken nicht gewohnt sei. Fußballer, findet Gidner, sollten sich ausschließlich über Fußball Gedanken machen – und wie sich damit die maximale Entlohnung dafür erzielen lässt. Swift lässt sich aus der Depression reißen und zum Comeback überreden – von der Schwester des Dorfpastors, die, unzufrieden mit den Angeboten der Church of England, ihre eigene Sekte gegründet hatte. Die Saison kann beginnen.

„Gestern war der Abend der nationalen Einsicht: England ist wirklich nicht besonders gut im Fußball“, schrieb der „Independent“ vor ein paar Tagen über den jüngsten Auftritt der Nationalmannschaft in Wembley. Mag sein. Angesichts der Wirkung von Werken wie Carrs „Steeple Sinderby Wanderers“ gilt aber auch: Nirgends wird kunstvoller vom Fußball erzählt als bei den Engländern. Vielleicht weil sie schon vor Jahrzehnten erkannt haben, dass dieses Spiel nie schöner ist als in der Phantasie seiner Erzähler. Der Fußball war jedenfalls nie so, wie Carr ihn beschreibt. Oder? Noch vor dem Finale geht in Sinderby der Anruf eines arabischen Scheichs ein. Mäzen Fangfoss nutzt die mediale Aufmerksamkeit derweil, seine (ablehnende) Haltung zum europäischen Binnenmarkt zu erklären, unter anderem. Und Sid Swift schließlich bekommt ein Angebot aus China.

J.L. Carr. How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup. Penguin Classics, 144 Seiten, 9,49 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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