Bundesliga-Abstiegskampf

Die verhexte Lage des 1. FC Köln

Von Richard Leipold, Köln
 - 13:18
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Jeder kennt die sogenannten „Mechanismen der Branche“. Sie greifen dann, wenn eine Mannschaft keinen Erfolg (mehr) hat. Und sie treffen den Trainer, wenn den Fans und oft auch dem Management nichts anderes einfällt, als den Frontmann auf der Bank dafür verantwortlich zu machen. Anders scheint es derzeit beim 1. FC Köln zu sein. Dessen Trainer Peter Stöger hat gemeinsam mit der Mannschaft eine sportliche Eröffnungsbilanz vorgelegt, die dem Auftritt eines Absteigers entspricht: Sechs von sieben Bundesligaspielen gingen verloren, dazu die beiden ersten Spiele nach einem Vierteljahrhundert im Europapokal. Die Zahlen sprechen für sich: Ein Punkt und 2:15 Tore – kaum ein Verein ist je so schwach in eine Bundesligasaison gestartet.

Die Spielzeit ist noch jung, aber der Abstiegskampf hat schon begonnen für eine Mannschaft, die vor wenigen Monaten noch als stolzer Fünfter durchs Ziel gegangen ist und Phantasien geweckt hat. Abstiegskampf: bei der Fallhöhe ein klassisches Szenario für einen Trainerwechsel. Gerade an diesem Standort, wo Emotionen zuweilen ein übersteigertes Ausmaß annehmen. Stöger, der Mann mit Wiener Charme und Schmäh, weiß das. „Irgendwann kannst du das nicht mehr kompensieren, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Da kannst du erzählen, was du willst“, sagt er. „Je früher man sich mit dieser Situation auseinandersetzt, desto besser. Später wird es schwieriger.“

Aber so schwierig die Lage sein mag, so vehement stemmen sich ein ganzer Verein, eine Mannschaft, ja eine Stadt gegen die sogenannten Mechanismen. Stöger wegzuschicken gilt in Köln als Ultima Ratio, weitab von einer „Lösung“, die nur den Rang eines Alibis hätte. „Die Art und Weise wie die Mannschaft spielt und wie Mannschaft und Trainerteam miteinander arbeiten, spricht nicht dafür, dass wir einen Wechsel vollziehen müssten. Und deshalb gibt es da keine Handhabe“, sagt FC-Geschäftsführer Jörg Schmadtke. „Ich bin ohnehin kein Freund davon, alles zu vergessen, was gestern und vorgestern war, und einen Wechsel zu vollziehen, damit der eine oder andere ein bisschen Ruhe hat. Das ist nicht mein Thema.“

Bundesligist in der Krise
Köln holt den ewigen Pizarro
© dpa, Reuters

So klang es nach der jüngsten Heimniederlage gegen RB Leipzig, die angesichts des Spielverlaufes nicht nur aus Stögers Sicht als unglücklich zu bezeichnen war. „Es fehlt nicht viel, aber es fehlt etwas. Aber das kann man nicht dem Trainer anlasten“, sagt Schmadtke. Also spricht er Stöger vor dem Auswärtsspiel an diesem Freitag beim VfB Stuttgart (20.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) das Vertrauen aus. Es gehe darum, „die schwierige Situation“ gemeinsam zu bewältigen.

Schmadtkes Verständnis für den Trainer speist sich einerseits aus der Weitsicht, die er als Manager bei verschiedenen Klubs bewiesen hat, andererseits wohl auch aus dem Bewusstsein, selbst nicht alles richtig gemacht zu haben. Durch den Erwerb von Spielern wie Jhon Córdoba (aktuell verletzt), Jorge Meré und Jannes Horn, die zusammen rund dreißig Millionen Euro Ablöse gekostet haben, ist das Team auf keiner Position besser geworden, im Gegenteil. Also zeigt Schmadtke einen Anflug von Selbstkritik, wie sie in seiner Position eher unüblich ist. „Wenn es jemandem hilft, dann können wir gerne sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Wir konnten aus unterschiedlichen Gründen auf dem Transfermarkt ein paar Dinge nicht realisieren, die sinnvoll gewesen wären. Und für manche Außenstehende sind das dann Fehler oder Fehleinschätzungen“, sagte der Geschäftsführer jüngst dem „Kölner Stadtanzeiger“.

Unter dem Druck des miserablen Saisonstarts sah Schmadtke sich gezwungen, eine Notlösung zu präsentieren, zumindest für den Angriff, den Mannschaftsteil, in dem sich eine besonders große Lücke auftat nach dem Verkauf des Stürmerstars Anthony Modeste. Ob der fast vierzig Jahre alte Hoffnungsträger Claudio Pizarro die Leerstelle füllen kann, lässt sich nach einem Spiel noch nicht absehen. Zumindest glauben Stöger und Schmadtke, dass der erfahrene und erfolgreiche Torjäger der ein wenig grau anmutenden Truppe schon dank seiner Ausstrahlung helfen könne. Pizarro, vormals für den FC Bayern und Werder Bremen tätig, ist der erfolgreichste ausländische Torjäger der Bundesliga „Er wird nicht der alleinige Heilsbringer sein, das erwarte ich auch nicht von ihm“, sagt Stöger. „Aber er könnte der ganzen Gruppe guttun.“

Die ersten Signale aus Spielerkreisen klingen vielversprechend. „Die Mannschaft hat Bock, diese Situation zu überstehen, mit dem Trainer, mit den Fans. Wir wollen das jetzt durchstehen. Wenn wir einmal in die Erfolgsspur finden, dann wird es schwer, uns zu stoppen“, behauptet Leonardo Bittencourt. Der Mittelfeldspieler hätte auf Vorlage von Pizarro schon gegen RB Leipzig ein Tor erzielt, wenn keine Abseitsposition vorgelegen hätte. Warum also soll Pizarro als Helfer in der Not nicht auch Stögers Stelle sichern und dazu beitragen, den „Mechanismen“ zu trotzen? Das wäre der aus Kölner Sicht günstigste, wenn auch nicht unbedingt der wahrscheinlichste Fall. „Wenn man ein Sturmproblem hat wie wir, braucht man kein Hexenmeister zu sein, um auf Claudio Pizarro zu kommen“, sagt Schmadtke. Das mag sein. Aber wie verhext wirkt die Lage des „FC“ durchaus.

Quelle: F.A.Z.
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