Mainz 05

„Ich bin Diener und nicht der König“

Von Daniel Meuren, Mainz
 - 13:53

Eine ganz wichtige Frage ist bei Mainz 05 mittlerweile geklärt: Der Vorstand des Gegners darf bei den Heimspielen in der Fußball-Bundesliga vom neuen Vorstandsvorsitzenden Johannes Kaluza oder auch vom Aufsichtsratsvorsitzenden Detlev Höhne begrüßt werden. Wer den Gästen zuerst über den Weg läuft, der übt sich in Höflichkeit. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag, war eben keine Selbstverständlichkeit mehr, nachdem Mainz 05 am 25. Juni bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eine neue Struktur samt Aufsichtsrat und neuem Vorstandsvorsitzenden verabschiedet hatte. Plötzlich gab es neben dem Vereinsvorsitzenden eben auch noch den Aufsichtsratsvorsitzenden Höhne und eben die im Aufsichtsrat diskutierte protokollarische Frage, wer denn nun den Verein beim Händeschütteln zu repräsentieren habe.

100 Tage alt ist die neue Struktur nun und somit jene Zeit abgelaufen, die sich der 62 Jahre alte Kaluza nach seinem knappen Wahlsieg gegen den früheren Vizepräsidenten Jürgen Doetz als Anleihe aus der großen Politik als Schonfrist für die Einarbeitung erbeten hatte. Kaluza, der mit seiner Wahl seinen schleichenden Ausstieg aus der Tätigkeit als Geschäftsführer eines Essigessenz-Herstellers eingeleitet hat, nutzte die Zeit, um sich mit Fritz Keller auszutauschen, der in der sehr ähnlichen Struktur des SC Freiburg Vorsitzender ist. Er setzte seine „Weiterbildung“ mit Besuchen beim DFB-Fankongress oder dem F.A.Z.-Forum International Football Summit fort, er stellte sich bei DFB und DFL vor. „Ganz untätig waren wir in dieser Zeit auch im Verein nicht“, sagt Kaluza. „Wir haben uns um die Verbesserung der Wege zum Stadion gekümmert, wir suchen gemeinsam mit der Fanabteilung nach Möglichkeiten der Imagepflege, wir haben beispielsweise mit Streetfood rund ums Stadion das Angebot für die Zuschauer verbessert. Wir haben das Noveski-Abschiedsspiel als ein ganz wichtiges Ereignis für die Fan-Seele organisiert und auch den Alt-Vorstand würdevoll verabschiedet.“ Formal ist also die neue Zeit eingeläutet.

Tatsächlich aber ist Mainz 05 noch mitten im Umbruch. Entsprechend herrscht noch immer große Verunsicherung und auch Misstrauen unter den 80 Geschäftsstellenmitarbeitern eines Klubs, der durch die mehr als anderthalb Jahre dauernde Vorstandskrise, ausgelöst durch den Abschied von Manager Christian Heidel nach Schalke und dem Bekanntwerden von fürstlicher Honorierung und eher lauem Arbeitsselbstverständnis des Präsidenten Harald Strutz, schwer erschüttert wurde. „Das ist aber auch ganz normal, dass der Verein in einer Findungsphase ist nach den tiefgreifenden Veränderungen“, sagt Kaluza. „Es ist ja in der ersten Reihe kein Gesicht mehr da, das auch schon vor zwei Jahren den Verein nach außen hin repräsentiert hat.“ Neben Vorstand und Aufsichtsrat sind schließlich auch Sportvorstand Rouven Schröder und Trainer Sandro Schwarz noch recht neu auf ihren Posten, der an sich wirtschaftlich wie sportlich stabile Klub hat eine Umwälzung erlebt wie sonst nur ein finanziell ruinierter Absteiger. Erst ab der unveränderten, nicht vertretungsberechtigten Ebene darunter auf der Geschäftsstelle mit den Verantwortlichen für Marketing, Finanzen, Organisation oder Öffentlichkeitsarbeit hat der Verein Konstanz gewahrt.

Kaluza dementiert denn auch gar nicht, dass es in den ersten drei Monaten seiner dreijährigen Amtszeit in der Doppelfunktion als Vereins- und Vorstandsvorsitzender zu Dissonanzen kam. Während seiner Einarbeitungsphase nahm der Aufsichtsrat mit seinen neun Mitgliedern unter Leitung des Vorsitzenden Detlev Höhne umgehend die Arbeit auf. Ein Hauptthema war dabei nach dem großen Vertrauensverlust während der Vorstandskrise der vergangenen Jahre Compliance und Transparenz. So will der Aufsichtsrat bei der Mitgliederversammlung am 30. Oktober auch den heikelsten Punkt, die Entlastung des alten Vorstands, angehen. Während früher die Mitglieder per Abstimmung entlastet haben, ist dies nun Aufgabe des Aufsichtsrats. Dem Vernehmen nach wollen die zwei Damen und sieben Herren sich entsprechend sehr eingehend mit der Vergangenheit beschäftigen und beispielsweise den Umgang des früheren Vorstands mit Ehren- und Freikarten offen dokumentieren. Als erste Konsequenz plant der Aufsichtsrat künftig eine deutlich rigidere, transparente Vergabepraxis.

Besonders der Aufsichtsratsvorsitzende Höhne erweckte derweil auch den Eindruck, die Richtung für den Verein vorgeben zu wollen, statt sich allein mit der Kontrolle der Vorstandstätigkeit begnügen zu wollen. Die Diskussion, wer den Vorstand des Gegners zu begrüßen habe, passte in diesen Kontext. Der Ende September in den Ruhestand getretene Höhne hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten als Vorstandschef der Mainzer Stadtwerke den Ruf eines einflussreichen Strippenziehers erworben. Direkten Einfluss übte der Aufsichtsrat indes mittels seiner Kernkompetenz der Vorstandsbestellung aus. Während sich Kaluza eine Erweiterung des bislang aus Schröder und ihm bestehenden Vorstands um Finanzchef Christopher Blümlein und Marketingchef Dag Heydecker gewünscht hatte, sucht der Aufsichtsrat nun extern nach nur einem weiteren Vorstand.

„Es geht mir darum, das Wir-Gefühl wiederzubeleben“

„Eine Findungsphase ist auch eine Zeit des Ausprobierens, des Austestens, wie weit der eigene Einfluss reicht. Dass es in einigen Punkten Differenzen gab, gebe ich zu. Entscheidend war aber, dass der sportliche Bereich rund ums Bundesligateam davon überhaupt nicht betroffen war, sondern in seiner Autonomie genauso gestärkt wurde wie vorher auch“, sagt Kaluza. „Und ich bin sicher, dass sich die Gremien finden und wir im Dienst des Vereins gut zusammenarbeiten werden.“ Kaluza will das sowohl im Doppelpass mit dem Aufsichtsrat als auch im Zusammenspiel mit jenen Fans angehen, die sich beispielsweise in einer Arbeitsgruppe Identifikation der neu gegründeten Fanabteilung mit der Frage auseinandersetzen, wie Mainz 05 die verlorene Zuneigung der Menschen in der Stadt zurückgewinnen und den Zuschauerschwund stoppen kann. Dem neuen Vorsitzenden selbst ist vom Aufsichtsrat kein eigenes Ressort zugeteilt worden, stattdessen will er sich den weichen Faktoren widmen. „Ich sehe meine Aufgabe in der Repräsentation des Klubs, und ich kümmere mich um die Corporate Identity“, sagt Kaluza, der dabei bewusst mit dem Blick des Quereinsteigers und Unternehmers eingefahrene Dinge hinterfragen will. „Es geht mir darum, das Wir-Gefühl wiederzubeleben und dem Verein im Rausch der weltweiten Kommerzialisierung des Fußballs eine Werteorientierung zu geben, die uns hilft, unseren Platz als der besondere Verein in der klassischen Struktur als eingetragener Verein zu finden.“

Als offene Frage bleibt noch, wie die Honorierung künftig aussehen wird. Kaluza hatte einst bei seiner Kandidatur in der Wahlkommission angekündigt, dass er keine Honorierung für sein Ehrenamt erwarte. Mittlerweile scheint es wahrscheinlich, dass der Aufsichtsrat aber eine für solche Posten übliche Aufwandsentschädigung genehmigen wird, da der Zeitaufwand für den Vorstandsvorsitzenden deutlich höher ist als zuvor erwartet. Kaluza zeigt in jedem Fall mehr Arbeitseifer als Harald Strutz in seinen letzten, mit je 276 000 Euro honorierten Jahren als Präsident. Er selbst begrenzt die Erwartungen an die Höhe des Betrags. „Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen. Ich bin Diener von Mainz 05 und nicht der König“, sagt er.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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