Ingolstadt-Trainer Leitl

„Unser Weg ist einzigartig“

Von Thomas Hürner
 - 10:49

Als Sie Cheftrainer in Ingolstadt wurden, haben Sie gesagt, dass man Sie erst einmal nicht mehr zum Thema Aufstieg ansprechen solle. Darf man das nun nach dem 1:0 am vergangenen Wochenende gegen Tabellenführer Fortuna Düsseldorf?

Nein, auch jetzt nicht. Wir haben zwar nur noch zwei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, allerdings sehe ich diesen nicht unbedingt als eine Belohnung für eine starke Saison. Die schwierigsten beiden Spiele kämen dann ja erst noch. Zum ersten direkten Aufstiegsplatz fehlen noch sieben Punkte – zu viele, um sich seriös mit diesem Thema zu befassen.

Diese Einstellung ändert sich auch nicht, falls Sie am Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Fußball-Bundesliga und bei Sky) das nächste Spitzenspiel in Kiel gewinnen? Für viele war Ingolstadt vor der Saison ohnehin Aufstiegskandidat Nummer eins.

Die Tatsache, dass wir als Aufstiegskandidat gehandelt wurden, spiegelt sich natürlich Woche für Woche in den Spielen wider. Unabhängig vom Tabellenplatz sind wir eigentlich immer der Favorit, und die Gegner versuchen uns alles abzuverlangen. Genauere Gedanken über ein Saisonziel machen wir uns erst in der Winterpause. Bis dahin wollen wir unseren positiven Weg weitergehen und weiter an Stabilität gewinnen.

Zuletzt schien es so, dass die Absteiger in der Zweiten Fußball-Bundesliga auf Anhieb dominanter auftreten als noch vor einigen Jahren. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die letzte Saison hat diese Tendenz zwar aufgezeigt, weil der VfB Stuttgart und Hannover 96 den Erwartungen durchaus gerecht geworden sind. Allerdings haben mir VfB-Trainer Hannes Wolf und Volkan Bulut, der Ko-Trainer von Andreas Breitenreiter, mit dem ich meinen Fußballlehrer gemacht habe, erzählt, wie intensiv man jede Woche gefordert wird. Sie haben recht. Es ist unheimlich schwierig, in dieser starken Zweiten Bundesliga zu punkten.

Der FC Ingolstadt war auf dem Transfermarkt zurückhaltend, viel Geld wurde nicht investiert. War man im Klub von der Qualität des Kaders so überzeugt?

Wir hatten durchaus einen größeren Umbruch zu bewältigen und einige wichtige Eckpfeiler verloren. Ich denke da nur an Pascal Groß, Markus Suttner, Florent Hadergjonaj oder Marcel Tisserand – alles herausragende Stammkräfte. Wir konnten diese Abgänge aber sehr gut kompensieren, unsere Neuzugänge passen auch charakterlich perfekt ins Kollektiv. Im Sommer haben die Verantwortlichen einen super Job gemacht, dafür muss man nicht immer viel Geld investieren.

Hadergjonaj und Tisserand wollten im Sommer ihren Wechsel erzwingen und konnten sich nicht mehr mit dem Projekt in Ingolstadt identifizieren. . .

Ich habe das nur aus der Ferne mitbekommen. Nur so viel: Ich fand es gut, dass der Verein eine klare Linie fuhr. Positiv war aber, dass sich die Mannschaft in dieser Situation ganz klar positioniert hat. Die anderen Spieler haben gezeigt, dass so etwas nicht geduldet wird und dass sie sich mit dem FC Ingolstadt identifizieren.

Es gab einige Spieler in Europa, die auf fragwürdige Art ihren Wechselwunsch betrieben. Was können die Vereine gegen diesen Trend tun?

Es scheint tatsächlich so, dass die Identifikation mit dem Verein mehr und mehr abhandenkommt. Viel Geld ist im Fußball im Umlauf. Ich kann es Spielern auch nicht verübeln, wenn sie mitnehmen wollen, was geht. Das ist legitim. Letztendlich muss der Klub abwägen: Gehen wir das Risiko ein und halten die Spieler, verzichten möglicherweise auf eine hohe Ablöse? Es ist ein schmaler Grat.

Sie übernahmen eine Mannschaft mit drei Niederlagen aus drei Spielen. Dann kam der Aufschwung, zuletzt vier Siege und der Anschluss an die Spitzengruppe. Was läuft jetzt besser?

Natürlich lief nicht von heute auf morgen alles super. Wir haben viel gearbeitet und sind kontinuierlich besser geworden. Unter meinem Vorgänger wurde ein anderes System gespielt, vor allem gegen den Ball. Das entsprach nicht der Idee, die ich als Trainer verfolge. Ich möchte meinen Spielern etwas geben, mit dem sie sich auf dem Platz identifizieren können. Es ist mir wichtig, dass jeder sein individuelles Können einbringen kann. Wir sind als Team sehr eng zusammengewachsen

Sie haben sofort auf ein offensives 4-3-3-System umgestellt und setzen auf aggressives Gegenpressing . . .

Man muss als Trainer flexibel sein, das System muss zu den Spielertypen passen und andersrum. Ich denke, dass wir ein Konzept gefunden haben, in dem unsere Stärken auf dem Platz zur Geltung kommen. Ich habe meine Prinzipien im Spiel mit und gegen den Ball – unsere Spieler sollen sie mit Leben füllen. Im Naturell eines jeden Fußballers steckt der Drang, selbst den Ball zu haben. Es ist wenig befriedigend, nur hinterherzulaufen. Also wollen wir möglichst schnell in Ballbesitz kommen und früh angreifen. Haben wir das geschafft, gilt es durch kluges Positionsspiel Lücken beim Gegner zu finden.

Klingt wie Pep Guardiola, von dem Sie sagen, dass er derjenige Trainer sei, der der Perfektion am nächsten kommt.

Für mich gibt es keinen Zweifel, dass Guardiola der beste Trainer der Welt ist. Das hat er in Barcelona, in München und auch nun in Manchester unter Beweis gestellt. Perfektion gibt es zwar nicht, aber ja: Sein Fußball ist ganz nah dran.

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Sie verzichten nach den Spielen meist auf branchentypische Floskeln und sprechen auch unangenehme Dinge aus. Wie lange können Sie sich diese Art in einem Geschäft noch bewahren, in dem Vorsicht mittlerweile die oberste Maxime zu sein scheint?

Ich möchte einfach authentisch sein. Das ist eigentlich nicht so schwer, man muss sich nur selbst treu bleiben. Meine Familie soll mich bei öffentlichen Auftritten genauso wahrnehmen, wie ich auch zu Hause bin. Es war noch nie in meinem Sinne, mich irgendwelchen Verhaltensmustern anzupassen. Beispiel: Ich möchte jedes Spiel gewinnen, warum sollte ich das nicht artikulieren und vorleben?

Sie sagen, dass der Umgang mit den Spielern das Wichtigste am Trainerjob sei. Wie würden Sie Ihre Mannschaftsführung beschreiben?

Auch hier gilt es, authentisch zu sein. Und natürlich kommunikativ. Ich suche eine gewisse Nähe zu meinen Spielern und mache keine Unterschiede. Natürlich kann ich nicht jeden gleich behandeln, wenn es um die Aufstellung geht. Aber im Umgang ist mir der Mensch wichtig, völlig egal, welche Rolle er gerade im Kader hat.

Sonny Kittel ist regelrecht aufgeblüht, seit Sie FCI-Trainer sind. Er ist derzeit mit sieben Toren und sieben Vorlagen der beste Scorer in der Zweiten Bundesliga. Wie eng ist seine Entwicklung mit Ihnen und seiner neuen Position auf der linken Offensivseite verknüpft?

Das ganze Umfeld hat ihm geholfen, dass er sein Potential abrufen kann. Die medizinische Abteilung hat ihn nach einer langen Leidenszeit mit vielen Verletzungen behutsam aufgebaut. In Kombination mit seiner perfekten Einstellung zum Beruf hat er nun den Fitnessstand erreicht, der uns alle glücklich macht. Bei meinem Profitrainer-Debüt im Heimspiel gegen Fürth setzten wir ihn auf der Zehnerposition ein, weil er alle notwendigen Charakteristika dafür mitbringt: Sonny kann das Spiel lesen und den letzten Pass spielen, er ist ballsicher und torgefährlich. Umso öfter wir ihn im Training sahen, je mehr beschlich uns der Gedanke, dass er etwas näher am gegnerischen Strafraum noch besser sein könnte.

Als der FC Ingolstadt in die Bundesliga aufgestiegen ist, kamen dem Verein wenig Sympathien entgegen. Heute spricht kaum mehr jemand vom „Retortenklub“ oder einer „Werkself“. Warum?

Weil unser Weg im deutschen Profifußball einzigartig ist. In 13 Jahren wurde der Klub so aufgestellt, dass er sich schnell in diesem Geschäft etabliert hat. Der Zusammenschluss der beiden Stammvereine wurde zunächst von der breiten Masse mit wenig Akzeptanz aufgenommen, aber die Erfolgsgeschichte haben wir uns hart erarbeitet.

Das Gespräch führte Thomas Hürner.

Quelle: F.A.Z.
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